Neurodermitis
Volkskrankheit Neurodermitis?
Die Angaben, wie viele Menschen von Neurodermitis betroffen sind, gehen auseinander. Hautärzte schätzen, dass jeder Vierte leichte Anzeichen einer Neurodermitis kennt - meist sind es kleine, trockene Stellen auf der Haut. Rund vier Millionen Menschen leiden unter einer echten Neurodermitis. Immer häufiger wird die Hautkrankheit bereits bei Säuglingen diagnostiziert. Einige Experten gehen davon aus, dass sich die Zahl der Menschen mit Neurodermitis alle zehn Jahre verdoppelt. Ob die Anzahl der Erkrankten in Deutschland tatsächlich so stark zunimmt, oder ob die Menschen nur stärker auf ihre Haut und mögliche Veränderungen achten und rascher zum Arzt gehen, lässt sich aber schwer sagen.
Krankheitsverlauf und Erscheinungsformen
Die Erscheinungsformen der Neurodermitis verändern sich, abhängig vom Alter des Betroffenen. Im Allgemeinen werden drei Phasen der Erkrankung unterschieden:
Meistens tritt Neurodermitis bereits bei Säuglingen auf: Gesichtshaut, Arme und Beine, manchmal auch Bauch oder Rücken, sind entzündet und rötlich. Ein früher Hinweis auf eine Neigung zur Neurodermitis kann der so genannte "Milchschorf" sein. Diese krustige Hautveränderung hat ihren Namen wegen der Ähnlichkeit mit verbrannter Milch. Oft tritt sie in Kombination mit nässenden Ekzemen auf. Bei etwa 30 bis 60 Prozent der Babys klingen die Symptome nach dem Kleinkindalter ab.
Ab einem Alter von etwa fünf Jahren äußert sich Neurodermitis dann in Form von "Beugeekzemen". Das sind Hautveränderungen in Kniekehlen oder Ellbeugen, auch Hände, Hals und Nacken sind oft befallen. Im Schulalter oder in der Pubertät verschwindet die Neurodermitis oft – kann aber später wiederkehren.
Bleiben die Beugeekzeme über längere Zeit bestehen, kommt es zu einer Vergröberung der verdickten Haut - man spricht von "Lichenifikation". Eine Sonderform der Neurodermitis, die vor allem bei Erwachsenen auftritt, ist die "Prurigoform". Meist treten am ganzen Körper juckende Knoten auf, manchmal sind auch nur Körperteile wie Ohrläppchen oder Hände betroffen.
In jeder Phase gravierender körperlicher Änderungen besteht die Chance, dass die Neurodermitis langfristig verschwindet, sie kann in diesen Phasen allerdings auch erstmals auftreten. Zudem kann sich eine Neurodermitis im Kindesalter später in Asthma oder Heuschnupfen umwandeln. Mediziner sprechen dabei vom Etagenwechsel.
"Hautsache" Neurodermitis?
Die Hautkrankheit Neurodermitis ist schon lange bekannt. Ende des 19. Jahrhunderts gaben Mediziner ihr den aus dem Griechischen abgeleiteten Namen Neurodermitis ("neuron": Nerven; "derma": Haut; "itis": Entzündung). Sie gehört zu den so genannten "atopischen Erkrankungen": Atopisch bedeutet "fehl am Platz" und weist darauf hin, dass es nicht immer eine erkennbare Ursache für diese Krankheit gibt, beziehungsweise dass die Reaktion des menschlichen Immunsystems auf bestimmte Stoffe unangemessen, also "fehl am Platz" ist. Wie bei allergisch bedingten Krankheiten wie Heuschnupfen oder Asthma ist auch die Neurodermitis auf eine Überreaktion des Immunsystems zurückzuführen. Während Heuschnupfen oder Asthma aber durch Pollen oder Hausstaub ausgelöst werden, sind die Ursachen bei Neurodermitis nicht so eindeutig zu benennen. Sicher scheint heutzutage, dass die genetische Veranlagung eine große Rolle spielt. Haben beide Eltern eine atopische Erkrankung, liegt das Erkrankungsrisiko für das Kind bei rund 70 Prozent, bei nur einem erkrankten Elternteil liegt es zwischen 20 und 40 Prozent. Fachleute vermuten, dass psychische Faktoren und Umwelteinflüsse den Ausbruch der Krankheit provozieren. Auslöser für Krankheitsschübe können Tierhaare oder Blütenpollen, Wollkleidung oder bestimmte Nahrungsmittel sein.
Cremen oder kratzen
"Das Schlimmste ist der unerträgliche Juckreiz" – fast alle Neurodermitis-Patienten sind sich in diesem Punkt einig. Denn sie wissen, dass sie dem Reiz nicht nachgeben dürfen. Beim Kratzen dringen Allergene und Schmutz in die Haut, deren Barrierefunktion wird geschädigt. Schlimme Entzündungen sind die Folge. Ein wichtiger Bestandteil der Therapie bei Neurodermitis ist daher eine konsequente Hautpflege. Eine Behandlung der trockenen Haut mit Cremes ist auch in symptomfreien Phasen wichtig, hier helfen Cremes mit Harnstoff (Urea) oder ungesättigten Fettsäuren besonders gut. Im Winter ist oftmals eine fettere Salbengrundlage erforderlich als im Sommer – oft mixen Ärzte individuelle Cremes für die einzelnen Patienten. In einem leichten bis mittelschweren Krankheitsschub empfehlen viele Ärzte die kurzzeitige Anwendung von schwachen bis mittelstarken cortisonhaltigen Salben mit anschließendem Übergang auf Salben mit Teer oder Schieferöl.
Um die Hautentzündung während eines Krankheitsschubes zu behandeln, haben sich auch Zinkschüttelmixturen oder nachtkerzenölhaltige Cremes als wirksam erwiesen. Seit einigen Jahren sind zwei neue Wirkstoffe auf dem Markt, die zunächst als Wundermittel gefeiert wurden, weil sie ohne Cortison auskommen und die Entzündungsprozesse wirksam unterdrücken: Tacrolimus und Pimecrolimus. Allerdings fehlen noch Langzeitstudien über mögliche Nebenwirkungen; es ist derzeit nicht ausgeschlossen, dass sich bei regelmäßiger Anwendung das Krebsrisiko erhöht.
Den Auslösern auf der Spur
Vor allem in der Vergangenheit wurde Schulmedizinern immer wieder vorgeworfen, dass sie sich in erster Linie auf die Behandlung der Symptome beschränken. Doch seit einigen Jahren konzentrieren sich Hautärzte, Kliniken oder alternative Heilmethoden immer stärker auf die Auslöser der Krankheit. "Ganzheitliche Therapien" versuchen, das gesamte Umfeld des Betroffenen in die Therapie einzubeziehen. In jedem Fall ist es für die Betroffenen wichtig, nach den Auslösern für die Krankheitsschübe zu suchen, also gemeinsam mit ihrem Hautarzt mögliche Allergien festzustellen.
Unbestritten unter fast allen Experten ist der Tipp, Seife, synthetische Stoffe oder Wolle zu meiden und durch seifenfreie Waschlotionen und Baumwolle zu ersetzen. Viele neue Ratgeber und Modelle propagieren auch spezielle Diäten für Neurodermitiker – einige Patienten haben durch das Meiden von bestimmten Nahrungsmitteln eine deutliche Besserung der Symptome erlebt. Viele der propagierten Ersatzlebensmittel für Neurodermitiker, beispielsweise Stutenmilch oder Sojaprodukte, sind allerdings sehr teuer und nicht immer notwendig. So sei eine allergische Reaktion auf Sojaprodukte wahrscheinlicher als eine Kuhmilchallergie, warnt Hautarzt Dr. Bernd Kardorff. Er rät grundsätzlich von einem schnellen Griff zu den "Ersatzlebensmitteln" ab. Die ohnehin schon stark in ihrem Alltagsleben beeinträchtigten Patienten, vor allem Kinder, würden dadurch noch stärker isoliert. Erst wenn eine Unverträglichkeit bewiesen sei, solle man auf sie reagieren.
Holtmeyer/Schwanenberg, Stand vom 01.06.2009
Sendung: Neurodermitis - Wenn die Haut verrückt spielt, 04.04.2006









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