Spielsucht
Der Reiz des Spielens
Der flandrische Arzt Pâquier Joostens beschrieb 1561 als Erster wissenschaftlich die Gefahr des Spielens. Er erkannte, dass das Verlangen, sein gesamtes Vermögen auf einen Schlag zu setzen und dabei möglicherweise zu verlieren, nicht mit Vernunft zu erklären ist. Glücksspiel heißt immer hoffen und bangen gleichzeitig und Spieler brauchen genau diesen Nervenkitzel. Im Gegensatz zu Alkohol und Drogen, die den Abhängigen auch körperlich beeinflussen, findet das Spielen hauptsächlich im Kopf statt. Je höher das Risiko, desto größer der Reiz und die Erregung. Dem krankhaften Spieler geht es dabei weder um Geld noch um das Gewinnen. Der Spielsüchtige ist vom Rauschzustand abhängig, in den ihn das Spielen versetzt. Nur in diesem Rausch kann er seine privaten oder beruflichen Probleme vollkommen ausblenden. Dass er mit der Summe, die er am Tag verspielt, zum Beispiel eine ganze Monatsmiete zahlen könnte, nimmt ein Spieler nicht mehr wahr. Scheine und Münzen sind für ihn nur noch das Mittel zum Zweck.
Schnelles Spiel – schnelles Glück
Das Gedudel der Automaten in der Spielhalle, die Hektik an den Wettschaltern der Rennbahn oder das Klackern der Roulettekugel im Kasino – ohne dies können süchtige Spieler kaum einen Tag überstehen. Nach Angaben des Fachverbandes Glücksspielsucht verzockt die große Mehrheit der Spieler in Deutschland ihr Geld an Automaten, aber auch die Kasinospiele Black Jack und Roulette, Pferde- und Sportwetten sowie Glücksspiele im Internet können abhängig machen. Süchtig machen vor allem Spiele, in denen die Entscheidung über Gewinnen oder Verlieren schon nach einigen Sekunden fällt. Je schneller das Spiel, desto schneller kann der Spieler reagieren und noch mehr Geld setzen. Beim am weitesten verbreiteten Glücksspiel Lotto ist der Reiz für Spieler daher nicht sehr hoch, weil zwischen dem Abgeben des Lottoscheins, der Ziehung und dem erneuten Tippen zu viel Zeit vergeht. Seit man aber beim Lotto-Ableger Keno täglich auf Millionen-Jackpots tippen kann, hat sich auch hier die Suchtgefahr erhöht. Je enger die zeitlichen Abstände zwischen Einsatz und Ergebnis zusammenrücken, desto gefährlicher wird das Spiel, warnen Experten.
Für Süchtige könnte in den nächsten Jahren auch das Internet besonders gefährlich werden. In Online-Kasinos und virtuellen Wettbüros kann schnell und viel gesetzt werden, ohne dass der Spieler das Geld tatsächlich in der Hand hält. Einer Studie des Marktforschungsunternehmens Nielsen/NetRatings zufolge surft schon jetzt jeder siebte deutsche Internetnutzer gelegentlich auf Glücksspielseiten.
Der Abstieg eines Spielers
Eine Spielerkarriere kann sich über Jahre, oft auch über Jahrzehnte hinziehen. Meist fängt es harmlos an, man geht mit Freunden einen Abend ins Kasino oder auf die Rennbahn, wettet aus Spaß auf ein Fußballspiel oder wirft in der Imbissbude das restliche Kleingeld in den Automaten. Nur schleichend verliert der Spieler die Kontrolle und die harmlose Unterhaltung kann zur Krankheit werden. Immer häufiger flüchtet der Abhängige dann in seine Spielwelt, setzt immer höhere Summen, kümmert sich immer weniger um Beruf, Freunde und Familie.
Bei einem krankhaften Spieler bestimmt das Spielen schließlich das ganze Leben. Um seine Sucht zu befriedigen, braucht er ständig mehr Geld. Er leiht sich kleinere Beträge von Kollegen, nimmt Kredite auf oder wird sogar kriminell. Trotzdem merken Freunde oder Angehörige oft jahrelang nichts von der Krankheit, denn Spieler spinnen sich ein Netz aus geschickten Lügen und Ausreden. Je länger die Spielsucht andauert, desto verzweifelter und niedergeschlagener wird der Betroffene. Im schlimmsten Fall enden Spielerkarrieren nach Suizidversuchen oder Nervenzusammenbrüchen in der Psychiatrie. Die deutschen Krankenkassen haben pathologisches, also krankhaftes Glücksspiel übrigens erst 1991 als behandlungswürdige Krankheit anerkannt.
Auf der Suche nach dem Glück
Ob man gewinnt oder verliert, hängt beim Glücksspiel vom reinen Zufall ab. In der unbegründeten Hoffnung, der Wahrscheinlichkeit ein Schnippchen schlagen, versuchen Spieler aber oft, Taktiken zu entwickeln. Automatenspieler beobachten beispielsweise die Geräte, um zu sehen, welcher lange keinen Gewinn ausgeschüttet hat. Manche haben auch die Gewohnheit, Knöpfe in einer bestimmten Art und Weise zu drücken, oder zu fühlen, ob die Automaten warm sind: Je kühler das Gerät, desto höher ist angeblich die Gewinnchance, weil lange niemand an dem Gerät gespielt hat. Für das Kasinospiel kann man inzwischen zweifelhafte Beteiligungen an Gewinnsystemen und ganze Bücher über Gewinnstrategien kaufen. Einen todsicheren Tipp hat aber bisher nur Albert Einstein entwickelt. Nachdem er sich ein Jahr mit dem Roulettespiel beschäftigt hat, ist er zu der Erkenntnis gelangt, dass es nur eine Möglichkeiten gibt, um dabei dauerhaft zu gewinnen: die Jetons zu stehlen.
Profitable Sünde
Seit Mitte der 1970er Jahre erlebt Deutschland einen regelrechten Glücksspielboom. Die Aussicht auf das große Geld reizt aber nicht nur Spieler, sondern auch Veranstalter. Der Glücksspielmarkt machte 2004 einen Umsatz von mehr als 27 Milliarden Euro und gilt inzwischen als einer der krisensichersten und profitabelsten. Dabei fahren nicht Spielhallen- oder Kasinobetreiber die höchsten Gewinne ein, sondern der Staat. 2005 hat er durch Lotterie- und Rennwettsteuer sowie Spielbankenabgaben mehr als vier Milliarden Euro am Glücksspiel verdient – mehr als an Alkoholsteuern. Das staatliche Glücksspielmonopol, das private Anbieter vom Glücksspiel ausschließt, soll die Bürger zwar vor Betrügern und dem Absturz in den finanziellen Ruin schützen.
Kritiker bemängeln aber, dass der Staat sich davor scheut, härter gegen das Glücksspiel vorzugehen, weil er von den Einnahmen aus dem Glücksspiel profitiert. Das Bundesverfassungsgericht hat im März 2006 festgestellt, dass das Glücksspielmonopol tatsächlich nur gerechtfertigt ist, wenn der Staat die Glücksspielsucht glaubhafter bekämpft. Seit Anfang 2008 ist deswegen ein neuer Glücksspielstaatsvertrag in Kraft, der das staatliche Monopol manifestiert und die privaten Anbieter und Vermittler zurückdrängt. Internet-Wetten, an denen vor allem die Privaten verdienten, wurden zum Beispiel verboten. Der Streit zwischen staatlichen und privaten Wettanbietern ist damit aber nicht beendet. Für 2008 wird eine Grundsatzentscheidung des Europäischen Gerichtshofes erwartet. Danach wird der Staatsvertrag eventuell nachgebessert.
Hilke Janssen, Stand vom 01.06.2009









Seite teilen