Besuch bei einer Hutdesignerin
Hüte und Mützen auf Bestellung
Dampf ist da, ganz viel Dampf. Erzeugt von einem alten Bügeleisen, mit dem Evelin Mauff über das graue Stück Filz gleitet, das vor ihr auf dem großen Arbeitstisch liegt. Dann muss sich die Hutdesignerin beeilen, damit der Filz noch feucht-warm und damit gut dehnbar ist, wenn sie ihn über die hölzerne Hutform zieht. Hier und da muss die Berlinerin noch einmal kurz mit dem Bügeleisen nachhelfen, bevor sie anfängt, den Filz in die richtige Form zu bringen. Dampf, noch mehr Dampf, bitte. "Als Hutmacher hat man ein ziemlich abgestumpftes Hitzeempfinden an den Händen", sagt Mauff und lacht.
In ihrem großzügigen Atelier in einem klassischen Berliner Altbau an der Schönhauser Allee fertigt sie Hüte, Mützen und Kappen - nach eigenen Ideen, den Vorstellungen ihrer Kundinnen und Kunden oder inspiriert von Kleidungsstücken, die die Kundschaft bei einem bestimmten Anlass tragen möchte. "Manche Kunden haben schon ein Bild des Hutes im Kopf, wenn sie hierher kommen. Andere dagegen wissen nur, dass sie sich eine Kopfbedeckung von mir anfertigen lassen möchten, haben aber keine Ahnung, was zu ihnen passen könnte. Wir probieren dann hier verschiedene Hüte aus und schauen, was ein harmonisches Ganzes ergibt", erklärt die Hutdesignerin. Natürlich hat sie inzwischen einen Blick dafür, was jemandem stehen könnte. Doch meist hält sich Mauff mit Vorschlägen erst einmal zurück, weil den Kunden das Ausprobieren so großen Spaß macht.
Sorgfalt und Präzision
Der Hut, den sie gerade herstellt, wird ein Herrenmodell: klassische Form mit "Ententeich" - so heißt die Einbuchtung vom oberen Rand zur Mitte hin. Evelin Mauff drückt dafür den Filz auf der Hutform nach innen ein und fixiert das Ganze mit Nadeln, damit sich der Filz beim Trocknen nicht wieder nach oben drückt. Das Motto beim Hutmachen lautet: immer von oben nach unten arbeiten. Das und viele andere Kniffe hat Mauff von ihrer Meisterin gelernt, bei der sie zwei Jahre lang ihre Ausbildung zur Modistin absolvierte. "Was den Stil angeht, hat sie mich eher wenig geprägt. Da hatten wir schon sehr verschiedene Geschmäcker. Aber sie hat mir beigebracht, immer sehr sorgfältig und präzise zu arbeiten. Ich musste unzählige Male Nähte wieder auftrennen und alles neu machen", erzählt die Berlinerin. Vor ihrer Lehre zur Hutmacherin hatte sie erst in der Landwirtschaft gearbeitet und später einige Jahre behinderte Menschen betreut. "Als Kind habe ich immer am liebsten in der Werkstatt meines Vaters gespielt. Ich wollte eigentlich schon immer mit meinen Händen arbeiten."
Von der Landwirtschaft zum Hutdesign
Für Mauff kamen nach den Abstechern in Landwirtschaft und soziale Arbeit zwei Berufe in Betracht: Schreinerin oder Modistin. Da sie viele Schauspieler kannte und sie die Welt des Theaters faszinierte, entschied sich Mauff schließlich für das Hutmachen. Anfänglich hatte sie allerdings eine etwas naive Vorstellung davon, wie dieses Handwerk zu erlernen sei. "Ich habe Hutmachermeister besucht und gefragt, ob ich ihnen eine Zeit lang bei der Arbeit über die Schultern gucken dürfte. Sie haben alle nein gesagt, weil sie Angst davor hatten, dass ich ihnen Ideen klaue und Kunden wegnehme. Heute kann ich das sehr gut verstehen", sagt Evelin Mauff, während sie mit einem Band die richtige Kopfweite des Herrenhutes fixiert. Dann heißt es wieder: bügeln, bügeln, bügeln und noch einmal hier und dort die Form korrigieren. Anschließend bürstet und putzt die Berlinerin den Hut kräftig, was in der Fachsprache "turen" heißt. Dadurch richten sich die Haare im Filz auf, wodurch dieser seinen Glanz erhält.
Aus alten Stoffen Neues kreieren
Am liebsten arbeitet Evelin Mauff mit natürlichen Materialien, weil "die sich einfach besser anfühlen als künstlich hergestellte Stoffe". Sie möchte, dass ihre Kreationen die Lieblingsstücke ihrer Kunden werden und sie sehr lange Freude daran haben. "Einmal kam eine Kundin mit dem alten, schweren Wollmantel ihres Vaters zu mir. Sie hing sehr an dem Mantel, wollte ihn aber nicht tragen, weil er ihr zu schwer war. Und sie war auf der Suche nach einer warmen Mütze." Also schlug die Hutdesignerin vor, einen Teil des Wollstoffes zu einer Mütze umzuarbeiten. Die Kundin war von der Idee ganz begeistert: Sie bekam eine wärmende Mütze und gleichzeitig ein schönes Erinnerungsstück. "Ich freue mich, wenn ich aus schon vorhandenen Materialien etwas Neues gestalten kann", sagt Mauff und stellt den inzwischen gebürsteten und geputzten Herrenhut zur Seite. Wenn er später getrocknet ist, "versäubert" die Berlinerin den Rand, was meist bedeutet, dass sie ihn mit einer Steppnaht umnäht. Anschließend sucht Evelin Mauff ein passendes Hutband heraus und näht es in den Hut. Dann noch einmal dämpfen und "turen" - fertig. Zumindest in diesem Fall.
"Ein passender Hut unterstreicht die Persönlichkeit"
Bei einem Damenhut arbeitet die Hutdesignerin anschließend häufig noch mit einem oder mehreren schmückenden Details, beispielsweise mit einer Garnitur, einem Band direkt oberhalb des Randes. Besonders für Theaterproduktionen können die Hüte oft nicht ausgefallen genug sein. Die Berliner Band "Seeed" hingegen wollte für eine Videoproduktion schlichte rote Hüte. Die bekam sie. Auch Yoko Ono, die in einem Geschäft vorbeischaute, das Mauffs Kreationen verkauft, entschied sich für eine einfarbige Filzkappe. "Wenn die Leute heute im Alltag Kopfbedeckungen tragen, sind das fast immer relativ unauffällige Modelle. Die meisten Menschen trauen sich nicht, mit einem Hut auf die Straße zu gehen. Dabei kann ein passender Hut die Persönlichkeit so toll unterstreichen", sagt Mauff.
Hutspaziergang durch die Hauptstadt
Damit ihre Kundinnen und Kunden wieder mehr Hut im Alltag wagen und sich Modelle nicht nur für Hochzeiten oder Bälle anfertigen lassen, veranstaltet die Berlinerin regelmäßig Hutspaziergänge. Dann trifft sich eine kleine Gruppe - meist sind es Frauen - an einem Nachmittag im Hutsalon an der Schönhauser Allee; die Damen suchen sich Kopfbedeckungen aus oder bringen sie mit und spazieren behutet durch Berlin. "Die Leute gucken manchmal irritiert, aber bislang haben fast alle positiv reagiert. In einem Café hat ein Kellner einmal sogar gefragt, ob er auch in unserem Club mitmachen dürfe", erzählt Mauff von ihren Ausflügen mit Hut. Übrigens haben die meisten ihrer Kreationen Namen - oft entstanden durch Assoziationen mit bekannten Persönlichkeiten. "Dann denke ich beim Hutmachen: Der würde besonders gut zu der und der Schauspielerin passen." Gemacht sind Mauffs Hüte jedoch nicht speziell für diejenigen, die ständig im Rampenlicht stehen und sich gerne extravagant geben. Die Hutdesignerin möchte mit ihren Kreationen ganz normale Frauen und Männer ansprechen, die es wagen, sich etwas vom Mainstream abzuheben und die Spaß an einem schönen, modischen Detail haben.
Alexandra Stober, Stand vom 07.03.2007









