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Prostitution - die Geschichte der käuflichen Liebe

Prostitution gilt als das "älteste Gewerbe der Welt". Handel mit der menschlichen Sinnlichkeit gab es zu allen Zeiten bei allen Völkern - und doch wird kaum ein Thema mit so spitzen Fingern angefasst. Es hat viele Versuche gegeben, Sexarbeit wegen sittlicher Bedenken zu verhindern. Trotzdem hat sie immer fortbestanden, oft verschleiert und auf heimlichen Pfaden, nicht zuletzt, weil das Sexgewerbe schon immer ein wichtiger Wirtschaftszweig war.

Gemälde einer Frau, die ihre nackten Brüste zeigt. (Rechte: AKG)

So alt wie die Menschheit: die Prostitution

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Die Tempelprostitution als Fruchtbarkeitsritus

Pierre Dufour, ein französischer Kulturwissenschaftler aus dem 19. Jahrhundert, spekulierte über die Anfänge der sexuellen Dienstleistung in seiner legendären "Weltgeschichte der Prostitution": "Die Prostitution hat an dem Tage ihren Einzug in die Welt gehalten, an dem das erste Weibe sich als Ware verkaufte." Es ist unklar, wann das genau gewesen sein soll. Belege für eine erste, frühe Form von Prostitution gibt es aus der Zeit um 3000 vor Christus. Die so genannte "Tempelprostitution" war eine Art kultischer Entjungferung vor der Ehe gegen Bezahlung: Junge Frauen boten sich Männern in einem Tempel an, zu Ehren der Fruchtbarkeitsgöttin; bei den Assyrern hieß sie Mylitta, bei den Griechen war es Aphrodite. Dieser religiöse Ritus, bei dem das von den Frauen verdiente Geld an Tempeldienerinnen oder Priester ging, beschränkte sich aber nicht nur auf Europa oder den Orient – er ist weltweit belegt. Im gesellschaftlichen Gefüge der Antike war die Frau dem Mann untergeordnet und Prostitution eine zum Vergnügen des Mannes offen betriebene und institutionalisierte Aktivität. Sexualität war kein Tabu, und profane, gewerbliche Prostitution gehörte selbstverständlich zum Leben dazu.

Malerei auf antiker Vase: Frau kauert auf Teppich und trinkt aus Gefäß. (Rechte: AKG)

Hetären - bezahlte Geliebte bedeutender griechischer Männer

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Von griechischen und römischen Machos

Bei den Griechen und Römern gewannen die geschäftliche Berechnung und die Sicht auf den Körper als Ware an Bedeutung. Nach historischen Überlieferungen soll es die ältesten offiziellen Bordelle in Griechenland gegeben haben: Der griechische Staatsmann Solon ließ im siebten Jahrhundert vor Christus die so genannten Staatsbordelle errichten – und verdiente gutes Geld damit. Zu jener Zeit arbeiteten Frauen aus allen Bevölkerungsschichten als Sexarbeiterinnen, aber insbesondere die Geschichten von den so genannten Hetären, bezahlten Geliebten bedeutender griechischer Männer, sind überliefert: Aspasia, die Freundin und spätere Frau des athenischen Staatsmannes Perikles, der im fünften Jahrhundert vor Christus regierte, oder Thais, die Geliebte von Alexander dem Großen (356-323 vor Christus), waren sehr gebildete Frauen, die auch die Geschichte ihrer Zeit geistig mitbestimmten. Ein Relikt des Sexgewerbes aus römischer Zeit ist wegen seiner erotischen Fresken weltberühmt und heute noch zu besichtigen: das Lupanar von Pompeji. Die heidnische Antike und ihr vorurteilsfreier Umgang mit der käuflichen Liebe wurde im Laufe der Geschichte mal als pure Lebensfreude, mal als unheilvolle Dekadenz und Vorbote des Verfalls interpretiert.

Holzschnitt: Frau in langem Kleid mit gelbem Saum und Schleier. (Rechte: AKG)

Tracht einer Prostituierten im 16. Jahrhundert

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Christliche Doppelmoral

Die frühen Christen sahen das Lustvolle und Lebensfrohe der heidnischen Antike als Auswuchs der Dekadenz an; ihrer Meinung nach war der Untergang Pompejis im Jahr 79 nach Christus der Beweis dafür. Sie entwickelten in den ersten Jahrhunderten nach Christi Geburt einen religiös-moralischen Gegenentwurf: Nach ihrem Verständnis galt das weibliche Geschlecht als Verführung, allein sexuelle Askese und die Hinwendung zu Gott konnten das Seelenheil bringen. Sexualität in der Ehe diente der Fortpflanzung, Sex als körperliches und seelisches Vergnügen war reine Sünde. Christliche Dirnenlegenden, wie die von Maria Magdalena, sind Beispiele für Prostituierte als reuige Sünderinnen.

Die Menschen im Mittelalter hatten eine ambivalente Einstellung zur Prostitution: Religiös-moralisch wurde sie verurteilt, aber rechtlich war sie erlaubt. Nicht zuletzt um die "ehrbare Frau" zu schützen und wegen der finanziellen Einnahmen wurde sie von den behördlichen Instanzen offiziell geregelt und somit auch, paradoxerweise, von der Kirche toleriert, die im Mittelalter großen gesellschaftlichen Einfluss hatte. In Deutschland wie in anderen europäischen Ländern entstanden im 12. und 13. Jahrhundert sogenannte Frauenhäuser – von staatlicher Macht organisierte Bordelle. Die Bedingung: An heiligen Sonn- und Feiertagen mussten sie geschlossen bleiben. Die Menschen, die im Prostitutionsgewerbe tätig waren, gehörten zur Gruppe der Randständigen und waren wie Handwerker in Zünften organisiert.

Zum Ende des Mittelalters hatte sich eine große Kluft zwischen Moral und Praxis im Umgang mit dem Thema aufgetan. Insbesondere die Reformation, die Inquisition und die Ausbreitung der Geschlechtskrankheit Syphilis führten ab dem 15. Jahrhundert innerhalb nur weniger Jahrzehnte zur gesellschaftlichen Ausgrenzung von Prostituierten: Sie wurden jetzt als das "Tor des Teufels" gebrandmarkt und als Hexen verdammt. Die Kirche bot Ausstiegshilfen an - die Prostituierten konnten ein Leben im Kloster wählen - aber das Gewerbe starb nicht aus. Prostitution wurde unter dem Deckmantel der Verschwiegenheit weiter praktiziert.

Kolorierte Fotografie: Zwei nur mit Tüchern und Kniestrümpfen bekleidete barbusige Frauen stehen neben einem adrett gekleideten Mann im schwarzen Anzug. (Rechte: AKG)

Heiß begehrt und wider die guten Sitten – leichte Mädchen um 1900

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Industrialisierung - Prostitution als Massenphänomen

Im 18. und im 19. Jahrhundert, im Zeitalter der industriellen Revolution, strömten viele Menschen in die Städte, in denen geschäftige Betriebsamkeit herrschte. Prostitution erfuhr einen rasanten Aufwind: Angeblich kamen im Jahr 1839 in London auf 800.000 Einwohner rund 80.000 Prostituierte. Sex gegen Geld war zum Massenphänomen geworden. Armutsprostitution, die Kriminalisierung des Milieus und die weitere Verbreitung von Geschlechtskrankheiten führten schließlich dazu, dass in ganz Europa wieder verschiedene Anti-Prostitutions-Gesetze verabschiedet wurden und sich die Prostituierten zudem regelmäßig Gesundheitschecks unterziehen mussten.

Im Jahr 1901 entwickelte das Reichsgericht eine Definition für das "Anstandsgefühl aller billig und gerecht Denkenden", Prostitution war fortan sittenwidrig, das Bordell war Ort der Unzucht. Prostituierte, das waren Gestalten der "Halbwelt", die im Untergrund ihren Geschäften nachgingen. Prostitution passte nicht in eine tugendhafte, aufgeklärte Gesellschaft. Der Umgang mit dem Phänomen wurde immer widersprüchlicher.

Boxen wie Garageneinfahrten nebeneinander aufgereiht. (Rechte: dpa)

"Verrichtungsboxen" auf dem Straßenstrich in Köln

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Sexarbeit: ein ganz legaler Beruf?

In Deutschland suchen pro Tag etwa 1,2 Millionen Männer die Dienste von Prostituierten auf. Der Jahresumsatz im Sexgewerbe, in dem die heterosexuelle Prostitution dominiert, beträgt nach Angaben der Gewerkschaft Verdi etwa 15 Milliarden Euro jährlich. Die Bundesregierung schätzt die Zahl der Sexarbeiter auf rund 400.000 – circa 90 Prozent davon sind Frauen. Über die Hälfte dieser Frauen sind Migrantinnen, die für eine gewisse Zeit legal in Deutschland leben und dann wieder in ihre Heimat zurückkehren – sie sind quasi Handlungsreisende in Sachen Sex.

Ein großes Problem im Zusammenhang mit Prostitution ist der Menschenhandel: Nach Schätzungen der Vereinten Nationen werden allein in Europa jährlich 500.000, meist osteuropäische, Frauen und Mädchen verschleppt und zur Prostitution gezwungen. Der Jahresumsatz, der mit Frauenhandel in der EU jährlich gemacht wird, wird nach Angaben des "Organised Crime Report, 2004" auf etwa zehn Milliarden Euro geschätzt.

Im neuen Jahrtausend sucht die aufgeklärte Wissensgesellschaft nach einem bewussten Umgang mit dem mittlerweile globalen Thema Prostitution. Es soll nicht länger ein Tabu sein, auch wenn die europäischen Staaten das Phänomen auf ganz unterschiedliche Weise angehen. In Schweden werden seit 1999 die Freier bestraft, wenn sie sexuelle Dienstleistungen gegen Geld in Anspruch nehmen. Man versucht sozusagen, das Übel an der Wurzel zu packen, denn, so die Argumentation, es seien ja die Männer, die das Geschäft durch ihre Bedürfnisse am Laufen hielten. Verhindern lässt sich Prostitution dadurch nicht. In Holland hingegen ist Prostitution seit dem Jahr 2000 völlig legitim. Nach dem Motto: Was man nicht verhindern kann, soll wenigstens geregelt sein. In Deutschland gab es einen Schritt in die holländische Richtung: Seit 2002 ist Sexarbeit nicht mehr sittenwidrig.

Natalie Muntermann, Stand vom 09.12.2011

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Das Lupanar von Pompeji gilt als das einzige wissenschaftlich zweifelsfrei identifizierbare Bordell der Antike. Es ist wegen seiner erotischen Fresken weltberühmt. Ausführliche Informationen zu Pompeji gibt es auf dieser Planet-Wissen-Seite.

http://www.planet-wissen.de

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