Glücksspielsucht

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Glücksspielsucht

Mit 16 geht Christian das erste Mal in eine Spielhalle. Er hat Glück und gewinnt. Heute ist Christian 40. Er hat seine Frau, seine zwei Kinder und fast 100.000 Euro verloren. Er hat gespielt und sich verzockt. Und Christian ist nur einer unter vielen in Deutschland, die Pech im Spiel haben.

Christian hatte Pech, er hatte Glück im Spiel

Bunte Rollen eines Glücksspielautomaten.

Können süchtig machen: Geldspielautomaten

"Meine Kumpels haben mich damals mitgenommen", erinnert sich Christian. "Ich war neugierig, habe mir aber nichts vom Besuch in der Spielhalle versprochen. Ich dachte nicht, dass ich etwas gewinnen würde." Er gewann jedoch. 400 D-Mark - für den 16-Jährigen ein Vermögen. "Das Glücks- und Erfolgsgefühl war unbeschreiblich. Ich war ganz euphorisch und dachte: So einfach ist das?" Christian wollte mehr. Mehr Gewinne, mehr von diesem Kick.

Christian fühlte sich zufrieden und glücklich. In dem Moment, in dem er zum ersten Mal gewann, schüttete sein Hirn den Botenstoff Dopamin aus, das Hormon, das Glücksempfindungen auslöst. Der Reiz durch das Belohnungssystem war so stark, dass das Hirn gegensteuern musste. Die Folge: Das nächste Mal wird es auf diesen Reiz weniger reagieren.

Um wieder einen Kick zu erleben, musste Christian die Dosis erhöhen. Er musste um höhere Beträge spielen, er musste häufiger spielen. Forscher vergleichen die Spielsucht mit einer Sucht nach Substanzen wie Alkohol und Nikotin.

Um vor dem Alltag zu fliehen, spielte er

Nach dem ersten Gewinn ging Christian immer häufiger in die Spielhalle. Zunächst ging es ihm ums Geld, später nur noch ums Spielen, um die Flucht vom Alltag. Christian spielte - egal, ob er gut drauf war oder schlecht.

"Wenn ich Erfolg hatte, fühlte ich mich super, in dem Moment konnte ich alle Probleme vergessen, die mich sonst beschäftigten. Und wenn ich verlor, musste ich weiterspielen, um wieder zu gewinnen." Christian entwickelte die typischen Denkmuster eines Spielsüchtigen.

Beim Monte-Carlo-Effekt schließen pathologische Spieler von der Häufigkeit früherer Ereignisse auf die Wahrscheinlichkeit künftiger. Sie glauben fest daran, dass die Kugel im Roulette-Spiel nach dreimal schwarz auf rot landet. Glücksspieler erliegen zudem der Illusion, dass sie das Spiel durch ihre Fähigkeiten steuern könnten.

Ein Beinahe-Gewinn aktiviert in Vielspielern die gleichen Hirnregionen wie ein richtiger Gewinn, wie Wissenschaftler von der Universität Cambridge herausgefunden haben. Das Hirn schüttet das Glückshormon Dopamin aus - der Spieler spürt das Verlangen nach weiteren Gewinnen. Für Menschen, die nur selten spielen, fällt die Selbstbelohnung aus: Ein Beinahe-Gewinn bedeutet für sie eine Niederlage.

Christian verliert unterm Strich erst hunderte, dann tausende Euro. Doch aufhören konnte er nicht, er wollte zumindest das Geld wieder einnehmen, das er verspielt hatte. Ein weiteres Zeichen für seine Sucht.

Die Spielhallen verdienen an den Süchtigen

"Scheinheilig", nennt Christian die Aussagen der Spielhallenbetreiber und Automatenhersteller, man würde Spielsüchtige bitten, die Halle zu verlassen. "In den mehr als 20 Jahren, in denen ich gespielt habe, ist mir das nie passiert."

Der Glücksspielexperte Michael Adams von der Universität Hamburg schätzt, dass Süchtige 56 Prozent der Umsätze liefern, die mit Geldspielautomaten erzielt werden. Und die Glücksspielanbieter lassen sich vieles einfallen, um diese Spieler möglichst lange an den Geräten zu halten. "Man bekommt dann auch schon mal eine Pizza, wenn man sechs Stunden oder mehr vor einem Automaten sitzt. Getränke sind sowieso immer dabei", sagt Christian.

Das Spiel an den Automaten ist lukrativ: So verdreifachten sich die Umsätze von 2002 bis 2013 auf mehr als 18 Milliarden Euro im Jahr. Der Staat verdient kräftig mit: Die Vergnügungs-, Umsatz- und Gewerbesteuerzahlung der Unterhaltungsautomaten-Wirtschaft spülte 2011 1,6 Milliarden Euro in die öffentlichen Kassen.

Der Verein Lobbycontrol bewertet die Verflechtungen von Automatenindustrie und Politik kritisch: "Die Glücksspielindustrie hat massiv von den laxen Regeln für Spielautomaten profitiert. Sie hat eine intensive und kreative Landschaftspflege unter den Parteien betrieben, um trotz klarer Suchtproblematik eine Verschärfung der Regeln zu verhindern."

Symbolfoto: Eine Hand überreicht einer anderen Geldscheine.

Industrie und Staat gewinnen, der Spieler verliert

Seit 1990 sollen nach Recherchen der Süddeutschen Zeitung verdeckt insgesamt mehr als eine Million Euro Spendengelder von Deutschlands größtem Automatenhersteller, der Gauselmann-AG, an die CDU, SPD, FDP und an die Grünen geflossen sein. Die Idee dieses Bündnisses: Wir sorgen gemeinsam dafür, dass die Kassen der Automaten weiter klingeln. Spielerschutz ja, aber bitte nur in Maßen. Für den Staat ist das jedoch eine Milchmädchenrechnung: Die Süchtigen zu behandeln, kostet ihn viel Geld. Wie viel, ist unklar. Die Schätzungen reichen von 326 Millionen bis 40 Milliarden Euro pro Jahr, wenn man die immensen Ausgaben der Betroffenen für ihre Sucht mit einberechnet.

Ein Spielsüchtiger verliert im Schnitt 30.000 Euro

Christian verlor alles - weit mehr als die 30.000 Euro, die ein Spielsüchtiger im Schnitt verzockt. In den 20 Jahren, in denen Christian gespielt hat, verprasste er fast 80.000 Euro. Er verlor nicht bloß Geld, auch seine Familie ging in die Brüche.

"Irgendwann konnte meine Frau nicht mehr. Ich habe das Weihnachtsgeld von den Kindern genommen und verspielt. Ich konnte mich selbst im Spiegel nicht mehr anschauen. Sie ist mit den beiden Kleinen gegangen."

Danach ging nichts mehr. Christian dachte an Selbstmord. Das pathologische Spielen wurde erst 2001 offiziell als Krankheit anerkannt. Seitdem übernehmen die Krankenkassen die Kosten für eine Therapie. Christian ging in Behandlung.

Die Auszeit half ihm über vieles nachzudenken. Die Psychologen machten ihm deutlich, dass er immer gegen seine Sucht kämpfen müsse. Das gilt für ihn bis heute. "Ein Spieler wie ich kann sich nicht mehr selbst kontrollieren", sagt er. Christian findet, dass mehr für den Schutz von Spielern getan werden könne. Es müsse etwa größere Hürden geben, um überhaupt spielen zu können.

Auf Scrabble-Steinen ist "PLEITE" zu lesen.

Wer zockt, setzt vieles aufs Spiel

Momentan liegt ein Entwurf des Wirtschaftsministeriums zur Neuregulierung der Spielverordnung vor. "Spielerschutz Fehlanzeige", so lautet das Urteil des Fachverbands Glücksspielsucht. Der Verband kritisiert, dass die Spieler weiterhin zu viel verlieren können. Die Spieler dürften zudem zu lange spielen.

Das Wirtschaftsministerium schlägt eine personenungebundene Spielerkarte vor, um die Spieler zu kontrollieren. Für Ilona Füchtenschnieder, der Vorsitzenden des Fachverbands Glücksspielsucht, ist diese Karte jedoch nur Augenwischerei. Wirklich helfen würde nur "eine Karte mit biometrischen Daten, die für alle Arten des Glücksspiels eingesetzt wird."

Autor/in: Monika Sax

Stand: 02.05.2014, 13:00

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