Bestattungskultur

Tod und Trauer

Bestattungskultur

Es gibt kaum eine vorstellbare Bestattungsform, die nicht irgendwo und irgendwann einmal praktiziert wurde. Praktiken, die Westeuropäern skurril anmuten, wirken in anderen Kulturkreisen angemessen oder tröstlich. Jede Gesellschaft muss ihre eigene Antwort auf die Frage finden: Wohin mit den Toten?

Erde

Grabkreuz mit Figur.

Gedenken an die Toten

Die ältesten bisher gefundenen Gräber werden auf etwa 50.000 vor Christus datiert. Zu den ältesten Beerdigungsformen zählt das "Hockergrab". Der Leichnam liegt wie ein Embryo mit angezogenen Beinen und gekrümmten Rücken auf der Seite in einem Steingrab. Soll es so aussehen, als ob der Tote schläft? Drückt seine Haltung die Erwartung einer Wiedergeburt aus? Waren die Leichen zusammengeschnürt worden, weil man Angst vor den Toten hatte? Oder wollte man nur Platz sparend möglichst viele Leichen in einem Grab unterbringen? Es bleibt Spekulation.

Sicher ist nur, dass Begräbnisse in frühen Kulturen eine wichtige Rolle spielten. Das belegen eindrücklich die Hünengräber: Bis zu 12 Meter lange aus großen Gesteinsblöcken zusammengefügte Kammern, die mit Erde bedeckt sind. Sie boten Platz für bis zu hundert Tote. Ihre Bauweise muss ein ungeheurer Arbeits- und Zeitaufwand gewesen sein. In späteren Zeiten meinte man, dass nur "Hünen", also Riesen, diese Grabstätten gebaut haben könnten. Daher der Name "Hünengräber".

Die Steinsärge im antiken Griechenland hießen übrigens "sarkophagos", was übersetzt "Fleischfresser" heißt, weil sie aus einem Kalkstein waren, der die Verwesung förderte. Aus "sarkophagos" wurde im Deutschen "Sarkophag" und "Sarg".

Luft

Weiße Wolken am strahlend blauen Himmel.

Weniger bekannt: Luftbestattungen

Neben der Beerdigung gab es wahrscheinlich schon immer andere Bestattungsformen. Aus dem Osten Irans ist aus vorchristlicher Zeit die Luftbestattung bekannt. Tote wurden auf Türmen den Vögeln zum Fraß überlassen. Damit sollte weder die heilige Erde noch das heilige Feuer durch die Leichen verunreinigt werden.

Ein nordamerikanischer Indianerstamm, die Seminolen aus Florida, bestattete einst seine Toten in hohlen Bäumen. Andere Stämme, die als Nomaden umherzogen, ließen manchmal ihre Sterbenden zurück oder die Alten verließen selbst ihren Stamm, um an bestimmten Plätzen, zum Beispiel auf Bergen, ihre letzte Ruhestätte zu finden.

Wasser

Aufnahme einer großen heranrollenden Welle.

Eine moderne Variante ist die Seebestattung

In Tibet wurden bestimmte Tote, zum Beispiel schwangere Frauen oder Leprakranke, in den Fluss geworfen. Wikinger ließen zum Teil ihre Verstorbenen auf kleinen Booten auf das Meer hinaustreiben, was auf eine Mischung von Luft- und Wasserbestattung hinausläuft. Eine moderne Variante ist die auch in Deutschland praktizierte Seebestattung in einer wasserlöslichen Urne.

Feuer

Nahaufnahme der Glut eines Lagerfeuer.

Feuerbestattung - in Indien bis heute üblich

Feuerbestattungen gab und gibt es in vielen Kulturen, nicht nur in Indien, wo es bis heute die übliche Bestattungsform ist. Um 1500 vor Christus setzten sich in der Bronzezeit Leichenverbrennungen bei den Germanen durch. Die Leichen wurden auf Scheiterhaufen gelegt, Knochen und Asche sammelte man zusammen mit einige kleinen Grabbeilagen (zum Beispiel Schmuck) in einfachen Urnen aus Ton. Bei einer hinduistischen Bestattung in Indien zündet der älteste Sohn das Feuer an. Die Seele des Toten ("Atman": Hauch, Selbst) wird durch die Verbrennung aus dem Körper befreit.

Warum sich Bestattungsformen ändern

Die Vorstellung, der Mensch bestehe aus einem sterblichen, eher unwichtigem Leib und einer unsterblichen, aufsteigenden Seele gab es auch im Römischen Reich. Dementsprechend fanden auch hier viele Feuerbestattungen statt. Doch dann brachte das Christentum aus dem Judentum eine andere, ganzheitliche Vorstellung vom Menschen mit. An etwas prinzipiell Unsterbliches wie eine aufsteigende Seele glaubten weder Juden noch Christen. Der Mensch stirbt ganz und gar. Es kann nach dem Tod nur weitergehen, wenn der ganze Mensch "geweckt" wird von Gott.

Farbige Zeichnung einer Hexenverbrennung

Hexenverbrennung - schändliche Bestattungsform in der frühen Neuzeit

Für einen vorchristlichen Römer war es wahrscheinlich tröstlich, dem aufsteigenden Rauch bei einer Leichenverbrennung zuzuschauen. Für einen Christen aber wurde das zu einem abstoßenden Schauspiel ohne Sinn und ohne Achtung vor den Toten, die doch für den Tag ihrer "fleischlichen" Auferstehung in ein Grab gelegt werden sollten. Dort, wo das Christentum an Einfluss gewann, verschwanden deshalb die Leichenverbrennungen oder waren nur als besonders schändliche Bestattungsform, zum Beispiel für Hexen, vorgesehen.

Bestattungskultur heute

Die meisten Juden und Moslems sind bis heute gegen Feuerbestattungen und halten Gräber für den angemessenen Platz für Tote. Diese Gräber sollten nicht neu belegt werden. Die Totenruhe darf nicht gestört werden. Ein jüdischer Friedhof ist ein "bet olam", ein ewiges Haus. Viele von diesen letzten Ruhestätten wurden in Deutschland im Nationalsozialismus zerstört und die wenigen übriggebliebenen sind oft Opfer bewusster Friedhofsschändungen.

Blick auf einen jüdischen Friedhof mit zahlreichen Grabsteinen auf einer Wiese.

Ein jüdisches Grab darf nicht verändert werden

Die christlichen Kirchen haben mittlerweile die Einäscherung akzeptiert, die katholische Kirche allerdings offiziell erst 1963. Durch die Aufklärung im 19. Jahrhundert kam diese alte Bestattungsform wieder in Mode. Allerdings nicht, weil man an eine aus der Asche aufsteigende Seele glaubte, sondern aus praktischen Gründen: Eine Leichenverbrennung im Krematorium ist hygienisch und kostensparend. Der Preis für den kleineren Urnen-Grabplatz ist bis heute für viele ein wichtiger Grund, sich dafür zu entscheiden. Einige wählen sogar anonyme Bestattungen, um Angehörigen die Grabpflege ganz zu ersparen.

Das Ende von Friedhofs- und Sargzwang?

In Deutschland gibt es bisher, anders als zum Beispiel in Italien oder den Niederlanden, den "Friedhofszwang": Jede Bestattung, ob Sarg oder Urne, muss auf einem kirchlichen oder öffentlichen Friedhof stattfinden. Einzige Ausnahmen: Die Seebestattung von Urnen und seit neuestem das Urnenbegräbnis unter einem Baum in einem "Friedwald".

Auch das im Sommer 2003 verabschiedete neue Bestattungsgesetz für Nordrhein-Westfalen hat den Friedhofszwang nicht abgeschafft. Ursprünglich hatte die rot-grüne Landesregierung geplant, den Friedhofszwang für Aschenbeisetzungen aufzuheben und es Angehörigen damit zu ermöglichen, die Urne eines Verstorbenen im eigenen Haus aufzubewahren. Nach heftigen Protesten der Kirchen wurde der Änderungsvorschlag jedoch fallen gelassen.

Ein weißer Mamorgrabstein mit schwarzer Inschrift.

Muslimischer Grabstein

Tatsächlich aufgehoben wurde hingegen der Sargzwang. Das kommt vor allem Muslimen zugute, die nun ihre Angehörigen in Tüchern beisetzen können, wie es der Glaube vorschreibt. Allerdings liegt die Zulassung solcher "sargloser" Bestattungen im Verantwortungsbereich der Friedhofsträger, also der Gemeinden und Kirchen. Diese entscheiden individuell, ob sie an alten Traditionen festhalten, oder die durch das Bestattungsgesetz geschaffenen neuen Möglichkeiten nutzen wollen.

Autor/in: Jürgen Dreyer

Stand: 04.10.2013, 13:00

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