Asien

China

In den 1980ern begann nach der politischen Wende von Mao Zedong zu Deng Xiaoping in China ein wirtschaftlicher Umbruch. Planwirtschaft wurde möglich und entfaltete eine gewaltige Triebkraft im gigantischen Markt des Milliarden-Volkes.

Von Immo Sennewald

Gebirge, Wüsten, Megastädte: Leben auf engem Raum

China ist flächenmäßig nur das viertgrößte Land der Erde nach Russland, Kanada und den USA. Es hat aber die mit Abstand größte Zahl von Einwohnern: 1,4 Milliarden (Stand 2021), das sind mehr als Europa und die USA zusammen.

Da riesige Gebiete des "Reiches der Mitte" aus Wüsten, Steppen und Hochgebirgen bestehen, die unbewohnbar oder kaum zu erschließen sind, drängt sich diese unvorstellbare Menge von Menschen in den Ballungsräumen an der Ost- und Südostküste, das Tal des Yangzi hinauf und in den Ebenen Ostchinas.

Der Yangzi (früher: Jangtse, "langer Fluss") ist mit 6300 Kilometern der längste Fluss und die wichtigste Lebensader des Landes. Als Quell der chinesischen Kulturlandschaft aber gilt der Huanghe (Gelber Fluss) weiter nördlich. Er ist heute so stark übernutzt, dass er zeitweise austrocknet.

Andererseits kommt es während der Regenzeiten zu Überschwemmungen. Eigentlich fallen im Jahresdurchschnitt in Nordchina nicht mehr Niederschläge als hierzulande; sie kommen nur innerhalb kurzer Zeit, und die Böden können sie nicht aufnehmen. Eines der großen Probleme Chinas ist deshalb der Wassermangel, der sich durch die rasante Industrialisierung noch verschärft.

Im Norden und Nordwesten liegen die Wüsten Gobi und Taklamakan, im Südwesten Tibet, von China 1959 annektiert, mit den über 8000 Meter hohen Gipfeln des Himalaja. Im Süden liegt vor der Küste die tropische Insel Hainan, das "Hawaii Chinas". Im Nordosten grenzt China entlang des Flusses Amur an Sibirien – entsprechend groß ist das klimatische Gefälle zwischen den Landesteilen.

Die Millionenstädte Shanghai und Peking sind überall bekannt, auch die inzwischen als Sonderwirtschaftsgebiet zu China gehörende ehemalige britische Kronkolonie Hongkong mit ihren etwa 7,5 Millionen Einwohnern. Aber auch Städte wie Tianjin, Chengdou, Kunming, Guangzhou, Wuhan, Harbin, Nanjing und Xi An haben mehrere Millionen Einwohner.

Chonqing, ein Ballungsraum von 30 Millionen Menschen am Yangzi, gilt inzwischen als flächenmäßig größte Stadt der Welt. All diese Städte sind hierzulande nicht einmal dem Namen nach bekannt.

Wie viele Millionenstädte es inzwischen gibt (man schätzt mehr als 170), weiß niemand genau, weil im Lande eine permanente Völkerwanderung von Millionen Menschen aus den ländlichen Regionen in die Städte alle Verhältnisse umwälzt.

Junge Leute zieht es in die Städte | Bildquelle: dpa Picture-Alliance / Christoph Mohr

Die Kaiser und der "Große Vorsitzende"

Ein Tyrann und Eroberer von der mythischen Dimension Alexander des Großen war Qin Shihuangdi (259-210 vor Christus). Er führte die "streitenden Reiche" im dritten vorchristlichen Jahrhundert in blutigen Feldzügen zu einem einzigen großen China zusammen, gilt also als der erste Kaiser von China.

Qin Shihuangdi war grausam, aber er ging in die Geschichte auch als der Kaiser ein, der die Sprache, Maße und Gewichte vereinheitlichte, landesweit Verwaltungen modernisieren ließ und den Bau der Großen Chinesischen Mauer veranlasste.

Sein Kanzler Li Si (280-208 vor Christus) zeichnete sich durch besondere Grausamkeit bei der Verfolgung von Intellektuellen aus: Alle Bücher außer landwirtschaftlichen und medizinischen Schriften sowie Orakelbüchern wurden auf Befehl des Kaisers 213 vor Christus verbrannt, und insbesondere die Lehren des großen Philosophen Kong Fuzi (Konfuzius, vermutlich 551-479 vor Christus) wurden bekämpft.

Dieser historische Abschnitt der Qin-Dynastie liest sich heute wie ein früher Entwurf zur Herrschaftszeit Mao Zedongs. Und tatsächlich sah sich der "Große Vorsitzende" der Kommunistischen Partei Chinas selbst als Nachfolger des Kaisers Qin Shihuangdi.

Die Parallelen erstrecken sich auf die Bücherverbrennungen, Morde und Gewalttaten an Intellektuellen, auf die Ächtung des Kong Fuzi, aber vor allem die Einigung des Reiches nach einem verheerenden Bürgerkrieg. Dafür werden beide – Mao Zedong und Qin Shihuangdi – bis heute verehrt.

In einem zweiten "Parallelfall der Historie" hat das Land in den vergangenen 30 Jahren die unter Mao selbst gewählte Isolation zur Welt durchbrochen. Über Jahrhunderte hatten die Kaiser es abgelehnt, mit fremden Mächten zu kooperieren. Das "Reich der Mitte" hatte an sich selbst genug, es strebte weder nach Expansion noch exzessivem Austausch mit anderen Völkern.

Ausnahme: Die Tang-Dynastie, die von 618 bis 907 nach Christus herrschte und einen Austausch mit europäischen und arabischen Kaufleuten pflegte. Spätere Dynastien schotteten sich wieder stärker ab. Und auch die Expeditionen übers Meer, vor 600 Jahren, die sehr erfolgreich waren, waren nur von kurzer Dauer.

Lange Zeit fühlte man sich den "Langnasen" – den Nichtasiaten – überlegen. Die waren für China "Barbaren", wegen der Bärte. Das wurde auch sehr deutlich, als englische Gesandte erstmals an den Kaiserhof kamen und ihre Waren anpriesen und der Kaiser nur sagte: "Wir brauchen davon nichts. Gehen Sie wieder."

Aber die Europäer kamen zurück – im 19. Jahrhundert setzten vor allem Briten und Franzosen innerhalb kurzer Zeit massiv ihre Handelsinteressen gegenüber einem schwachen und dekadenten Kaiserhaus durch. Sie erzwangen Chinas Öffnung nach Westen, was schließlich zum Sturz des Kaiserhauses und zu einem Jahrzehnte währenden Bürgerkrieg führte, den erst der Sieg der Kommunisten beendete.

Ein Jahr nach Maos Tod begann Deng Xiaoping die zweite Öffnung nach Westen. Sie wälzte mehr um als alle Kaiser zuvor – nicht nur in China.

Öffnete China weiter für den Westen: Deng Xiaoping | Bildquelle: picture-alliance

Wirtschaftsboom und Umweltkatastrophe

Seit den 1980er-Jahren herrscht in China "sozialistische Marktwirtschaft". Ihr politischer Vertreter, Deng Xiaoping, brach mit zwei Tabus des Maoismus: Erstens: Produktionsmittel – also zum Beispiel Grund und Boden der Bauern oder handwerkliche und industrielle Unternehmen – konnten privat bewirtschaftet werden. Zweitens: Ausländisches Kapital konnte ins Land fließen, wenn auch zunächst unter strengen Auflagen.

Die Folge war ein anhaltender Wirtschaftsboom, der China zur Welthandelsmacht erstarken ließ. Die unbeschränkte Lizenz zum Reichwerden hatte allerdings auch ein unbeschränktes Wachstum von Korruption, brutaler Ausbeutung von Menschen und Natur sowie tiefe soziale Verwerfungen zur Folge.

Niemand muss mehr hungern in China, aber Hunderte Millionen haben kein sauberes Trinkwasser und die Luft in den großen Städten ist so verschmutzt, dass das Land sämtliche Rekorde in einschlägigen Statistiken hält.

Inzwischen sieht sogar die Führung der Kommunistischen Partei (KP) diese Entwicklung mit Sorge, aber Verbesserungen sind kaum zu sehen. Wenn es zu schweren Unfällen kommt und ganze Flüsse zu giftigen Kloaken werden, spielen offizielle Stellen die Probleme meist herunter.

Grund und Boden können privat bewirtschaftet werden | Bildquelle: imago/Rainer Weisflog

Befreiter Konsum und gefesselte Meinung

In Chinas Großstädten dominieren riesige Werbetafeln, Leuchtreklamen und Kaufhausfassaden. Die allgemeine Botschaft ist: Schafft Wohlstand nach westlichem Vorbild, und die Jugend scheint ihr so unkritisch und hingebungsvoll zu folgen wie einst den Parolen aus der roten Mao-Bibel.

Der Nachholbedarf der Chinesen ist umso verständlicher, als die Medien ihm eine ganz eindeutige Richtung vorgeben: Wohlstand gibt Selbstbewusstsein, und wir können es darin eigentlich noch weiter bringen als Amerikaner und Westeuropäer.

Der Wunsch nach Individualität war stark nach den Jahren der Uniformierung, der Wunsch, eine eigene Meinung zu äußern auch, aber die zarten Pflänzchen der Demokratie wurden beim Massaker auf dem Tiananmen-Platz im Juni 1989 von Panzern zermalmt.

Es gehört immer noch sehr viel Mut dazu, heute in China kritisch seine Meinung zu äußern; jeder Funktionsträger des Systems setzt nach eigenem Belieben Machtinstrumente ein, wenn er Kritik unterdrücken will.

Korruption regiert, kein Gesetz schützt die freie Meinungsäußerung, und rechtsstaatliche Verhältnisse sind in weiter Ferne. Alle Medien unterliegen der Zensur. Internetaktivisten und Umweltschützer landen nicht selten hinter Gittern oder werden halbtot geprügelt.

Aber die Herrschaft der KP ist nicht monolithisch. In manchen Provinzen herrscht ein Pragmatismus, der lieber Probleme löst, als eisern am Führungsanspruch festzuhalten und der auch Kritikern Raum gibt. Die internationalen Verbindungen, der Kulturaustausch und der Einfluss von Millionen Auslandschinesen stärken den Pluralismus der Meinungen.

Chinesen nutzen die modernen Medien zu Millionen, sie bilden sich ehrgeizig weiter – wenn auch in der Mehrheit ohne politische Ambitionen. Die großen Konflikte, die sich aus der katastrophalen Situation der Umwelt und den wachsenden sozialen Spannungen auf dem Lande entwickeln, werden unvermeidlich auch eine Opposition wachsen lassen, die China auf neue Wege führen kann.

Wohlstand nach westlichem Vorbild | Bildquelle: Mauritius