Ruhrdeutsch - Die Sprache des Malochers

Schwarzweiß-Foto der Schauspielerin Tana Schanzara. Sie zeigt mit dem Arm auf etwas und scheint lauthals zu rufen.

Essen - Ruhr 2010

Ruhrdeutsch - Die Sprache des Malochers

Ruhrdeutsch gilt gesellschaftlich als nicht so chic wie zum Beispiel Bayerisch und ist zudem mit dem rußigen Image des Kohlenpott-Malochers behaftet.

Darum geht's:

  • Die Sprachen der Zuwanderer hatten Einfluss auf das Ruhrdeutsch.
  • Die Ruhrgebietssprache ist ein Regiolekt und Soziolekt.
  • "Komm ma bei die Omma bei" – Besonderheiten der Ruhrgebietssprache
  • Schauspieler, Kabarettisten und Komödianten machten Ruhrdeutsch berühmt.

Ursprung und Entwicklung

Doktor Stratmann, Tana Schanzara und Herbert Knebel kommen nicht nur aus dem Ruhrgebiet, sondern beherrschen auch seine Sprache in Perfektion. Was für sie künstlerisches Instrument für ihre kabarettistischen, komödiantischen und schauspielerischen Einlagen ist, versuchen aber viele Menschen, die aus dem Ruhrgebiet stammen, zu unterdrücken und in kostspieligen Sprechkursen abzutrainieren.

Wo heute Ruhrdeutsch gesprochen wird, sprach man früher westfälisch, platt, niederfränkisch oder in angrenzenden Regionen auch eine Mischung daraus. Erst im 19. Jahrhundert entwickelte sich das Ruhrdeutsch, zwischen Duisburg im Westen und Hamm im Osten, wie wir es heute kennen.

Die Sprache des Reviers ist eng mit der Zuwanderung von Arbeitskräften in die damals aufstrebende Montanregion verbunden. Hunderttausende kamen innerhalb weniger Jahrzehnte aus den ostdeutschen, niederdeutschen, ostpreußischen und polnischen Gebieten, um sich in einer der wichtigsten Industrieregionen Europas niederzulassen.

Zwischen Rhein und Ruhr entstand auf diese Weise innerhalb weniger Jahrzehnte eine vollkommen neue Bevölkerungsstruktur. Der bis dahin von der einheimischen Bevölkerung gesprochene niederdeutsche und niederfränkische Dialekt wurde mit dem Zuzug der Einwanderer immer mehr zurückgedrängt, und es entstand eine hochdeutsche Standardsprache, aus der sich später das Ruhrdeutsch, eine Art Alltagssprache, entwickelte.

Einfluss auf das Ruhrdeutsch hatte zum Teil auch die Sprache der Zuwanderer. So findet man in der Reviersprache zum Beispiel auch Begriffe aus dem Polnischen wie "Mottek" (Hammer) oder "Mattka" (Mutter). Auch jiddische und russische Begriffe wie "Mischpuche" (Familie) und "Raboti" (Arbeit) bereicherten die Sprache der Bergleute. Von der Bevölkerung wurden gerne durch das Anfügen einer verpolnischten Endung neue Begriffe kreiert, wie zum Beispiel "Pastek" für Pastor.

Besonders beeinflusste das Niederdeutsche die Ruhrgebietssprache. Das typische "dat" und "wat" ist im Ruhrdeutschen geblieben. Verlaufsformen wie "am Essen" und "am Laufen" stammen ebenso aus dem Niederdeutschen wie die Verkleinerungsformen mit der Endung "ken" wie "Wüüastken" (Würstchen) oder "Schnäppsken" (kleines Glas Schnaps).

Sprachwissenschaftler stufen die Ruhrgebietssprache heute nicht als Mundart oder Dialekt, sondern als Regiolekt ein. Manche Wissenschaftler sprechen sogar von Soziolekt, da sie auch heute noch kennzeichnend für die Arbeiterschicht des Ruhrgebiets ist.

"Hattata geplästert" – Besonderheiten der Ruhrgebietssprache

"Ich waa in Doatmund mit mein Omma ihr Hütkes inne Kiiache." Dieser Satz enthält einige sprachliche Merkmale des typischen Ruhrdeutsch. So wird zum Beispiel das "r" durch ein "a" ersetzt und lange Vokale wie beim Wort Oma (Omma) verkürzt.

Das Zusammenziehen zweier Worte wie "in der" zu "inne" ist im Ruhrdeutschen gang und gäbe – ebenso wie die Verkettung von Nominativen "mein Omma ihr Hütkes" und die Vertauschung von "dem" und "den". Ist dann das Ende eines Satzes noch mit einem Bestätigungsartikel wie "Nä?" oder "Woll?" geschmückt, ist der Ruhrgebietssatz schon fast perfekt.

Kiosk im Ruhrgebiet mit dem Schild 'Verkaufshalle'. Eine Mutter mit ihrem Kind unterhält sich mit dem Besitzer.

Fundgrube für echtes Ruhrdeutsch

Wer sich im Ruhrgebiet mal auf einem Spielplatz aufgehalten hat, der wird auch schon mal einen Satz gehört haben wie "Komm ma bei die Omma bei" oder im Wartezimmer einer Arztpraxis "Ich bin nachm Krankenhaus gefaan". Diese Sätze entstammen durchaus nicht den Dialogen von Kabarettisten, sondern werden im Revier tatsächlich so gesprochen und sind bezeichnend für die Grammatik dieses Regiolekts.

Nicht zuletzt gibt es auch noch die typischen verkürzten Wörter. Was im Hochdeutschen "hast du", "bist du" oder "kriegst du" heißt, wird im Ruhrdeutschen zu "hasse", "bisse", "krisse" abgekürzt.

Wenn man von den typischen Merkmalen der Ruhrgebietssprache spricht, wird von Sprachwissenschaftlern gerne ein bekanntes Satzbeispiel genannt, das das Ruhrdeutsch auf den Punkt bringt: "Wammama auf Schalke, hammama Fußball geguckt, hattata geplästert." ("Waren wir mal in Schalke und haben uns das Fußballspiel angeguckt, hat es da geregnet.")

Ruhrdeutsch wird berühmt

Das belächelte Ruhrdeutsch – die Sprache der Arbeiterschicht, die man sich am liebsten so schnell wie möglich abgewöhnen möchte, wenn man auf der Karriereleiter aufsteigen will, hat so manch anderem erst zu einer Karriere verholfen.

Schauspieler, Kabarettisten und Komödianten haben das Ruhrdeutsch als Instrument für ihre künstlerische Darstellung benutzt und sind damit über die Grenzen des Ruhrgebiets hinweg erfolgreich geworden: Tana Schanzara, Elke Heidenreich als Metzgersgattin Else Stratmann, Jürgen von Manger in seiner Paraderolle des Ruhrgebietsmalochers Adolf Tegtmeier, Diether Krebs, Uwe Lyko als Herbert Knebel oder Doktor Ludger Stratmann als Hausmeister Jupp.

Der Schauspieler Jürgen von Manger schaut in die Kamera. Er hat ein Eishörnchen in der Hand und eine schwarze 'Arbeitermütze' auf dem Kopf.

Jürgen von Manger alias Adolf Tegtmeier

In gedruckter Form wurde und wird die Ruhrgebietssprache vornehmlich als Glosse in einigen Ruhrgebiets-Zeitungen gepflegt. Auch in einem Asterix-Band wurde sie verewigt: "Zoff im Pott" erschien 1998 auf Ruhrdeutsch und ist ein beliebtes Sammlerstück der "Asterix und Obelix"-Freunde.

Ein musikalisches Denkmal setzte der gebürtige Bochumer Herbert Grönemeyer 1982 der Malochersprache: "Gehsse inne Stadt, wat macht dich da satt – 'ne Körriwuass! Kommsse vonne Schicht, wat schön'ret gibbet nich als wie Körriwuass." "Currywurst" gilt bis heute als eine Identifikationshymne für das Revier.

Autorin: Inés Carrasco

Weiterführende Infos

Stand: 11.08.2017, 13:00

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