Interview mit Prof. Dr. Karl-Josef Kuschel
Planet Wissen (PW): Jährlich treten zirka 100.000 Menschen aus der katholischen Kirche aus. Wie erklären Sie sich das?
Prof. Dr. Karl-Josef Kuschel (K.J.K.): Die Gründe sind vielfältig, zu nennen sind die aktuellen Missbrauchsvorfälle oder mangelnde Reformen. Bei vielen Gläubigen lag vermutlich schon lange eine Entfremdung vor und sie nutzen dann einen konkreten Anlass wie die Missbrauchsfälle zum Austritt. Aber das ist letztlich keine Lösung. Vielmehr muss es jetzt heißen: auftreten und nicht austreten.
PW: Angesichts des Priestermangels wird die Aufhebung des Zölibats diskutiert. Warum hält der Papst daran fest?
K.J.K.: Der Zölibat ist aus einer Tradition heraus gewachsen. Nach verschiedenen Anläufen in der Geschichte dauerte es bis zum Zweiten Laterankonzil im 12. Jahrhundert, bis das Zölibat zur unabdingbaren Zugangsvoraussetzung für das geistliche Amt wurde, aber es ist kein Kirchengesetz, es kann sich in jedem Fall etwas daran ändern.
PW: Ein wichtiger Punkt, der gerne vergessen wird, ist die Frage nach der Frauenordination. Warum weigert sich der Papst, Frauen zu Priesterinnen zu weihen?
K.J.K.: Bei der Frauenordination sieht die Kirche keinen Spielraum. Nach Ansicht des Papstes entspricht es nicht der göttlichen Schöpfungsordnung, dass Frauen liturgische Funktionen übernehmen. Nur Männer sind demnach zur Nachfolge Christus berufen.
PW: Kann der Papst seine Weigerung, Frauen zum Priesteramt zuzulassen, durch die Bibel begründen?
K.J.K.: Biblisch lässt sich das in keiner Weise begründen. Es gibt keine Bibelzitate, die das belegen würden. Im frühen Christentum gab es sogar Apostelinnen. Vielmehr ist die Weigerung, Frauen zu weihen erst in der Geschichte der Amtskirche gewachsen. Und diese Tradition hält die Kirche nun für göttliches Recht.
PW: In der evangelisch reformierten Kirche oder der anglikanischen Kirche gibt es längst Priesterinnen. Was sagt der Papst dazu?
K.J.K.: Der Protestantismus hat liberale Reformen wie die Frauenordination durchgesetzt. Und, so argumentieren der Papst und der Vatikan, ist die protestantische Kirche etwa nicht von Kirchenaustritten betroffen? Wir dagegen haben unser katholisches Profil und unsere Tradition bewahrt.
PW: Was kann man dem Papst in diesem Punkt entgegensetzen? Wie muss man argumentieren?
K.J.K.: Nur inhaltliche Argumente zählen. Diesem Beharren auf der Tradition muss man das Neue Testaments entgegenhalten. Geschlechtergleichheit ist wichtiger als Traditionspflege. Es geht um die Nachfolge Christus, um den Geist Jesus und nicht um das Festhalten an Traditionen.
PW: Weltweit waren die Christen schockiert, als sie von den sexuellen Verfehlungen der Kirchenmänner hörten. Warum wiegen diese Taten gerade bei Priestern so schwer?
K.J.K.: Besonders schwer wiegt, dass es das Kernpersonal der Kirche trifft und eine ihrer Hauptaufgaben, den seelsorgerischen Umgang mit Menschen. Im Vertrauen darauf, dass Kinder in der Kirche oder von Ordensleuten erzogen werden, erfahren sie Gewalt oder noch Schlimmeres.
PW: Diese Missbrauchsfälle erschüttern die Kirche enorm, kann man dem Papst einen Vorwurf machen?
K.J.K.: Benedikt XVI. ist ein Vorwurf zu machen. Schließlich gingen alle die Missbrauchsvorfälle über seinen Schreibtisch, als er die Glaubenskongregation leitete. Er war der bestinformierteste Mann und er hat nicht konsequent reagiert und die Priester aus den Gemeinden entfernt.
PW: Wie hat der Papst jetzt auf die Vorfälle reagiert, als sie öffentlich wurden?
K.J.K.: Die Vorfälle müssen für den Papst ein Schock gewesen sein. Mittlerweile hat er sein Entsetzen und seine Abscheu in vielen Stellungnahmen kundgetan. Und den Opfern wurde in der Kirche ein Forum geboten. Aber eine Entschädigung, wie etwa in den USA, hat es in Deutschland noch nicht gegeben. Das wäre ein positives Zeichen.
PW: Was muss passieren, dass die Menschen sich wieder in der Kirche wahrgenommen fühlen?
K.J.K.: Das ist nicht ganz einfach. Man muss ihnen eine spirituelle Heimat bieten und die soziale Gemeinschaft stärken. Das ist das, was Kirche ausmacht und was die Menschen suchen und brauchen.
Sabine Kaufmann, Stand vom 03.02.2011





