Die Eroberung der Berge
Die bescheidenen Anfänge
Der Reiz der Wildnis siegt schließlich doch: Francesco Petrarca, ein italienischer Humanist und Gelehrter, ist der Erste, der die Abneigung des Mittelalters gegenüber den Bergen überwindet. Im April 1336 besteigt er den 1912 Meter hohen Mont Ventoux in der Provence - aus heutiger Sicht nicht unbedingt das, was man einen hohen Berg nennt. Höher hinauf wagt sich Antoine de Ville, als er 1492 einen Berggipfel über wirklich schwieriges Gelände erreicht: Die Tour durch eine Felswand auf den 2036 Meter hohen Mont Aiguille in den französischen Alpen ist auch aus heutiger Sicht nicht ganz einfach. Beide Bergsteiger faszinierte unter anderem die Schönheit der alpinen Landschaft.
Die letzten weißen Flecken
Im 18. Jahrhundert sind fast alle Länder bereist, ferne Kontinente entdeckt. In den Gebirgen gibt es jedoch noch viele weiße Flecken. Neugier, Forscherdrang und Entdeckerlust führen dazu, dass immer mehr Gipfel bezwungen werden. Der Wissenschaftler Horace Bénédict de Saussure setzt 1760 sogar einen Preis für die Bezwingung des höchsten Bergs der Alpen aus. Und 1786 ist es endlich geschafft: Jacques Balmat und Michel Paccard besteigen den Mont Blanc. Schon ein Jahr später erreicht Saussure selbst den Gipfel. Um seine wissenschaftlichen Erkenntnisse über die Bergwelt zu erweitern, beobachtet er den Puls der Bergführer, misst den Luftdruck und füllt Luft in Flaschen. Nach der Besteigung des Mont Blanc stehen Tür und Tor offen für die Eroberung der Alpen.
Frauen in den Bergen
In den folgenden Jahrzehnten wird erkundet und kartiert, man legt Wege an und baut Hütten. Auch Frauen gehen in die Berge: Marie Paradis, eine Bäuerin aus Chamonix, erklimmt 1809 als erste Frau den Mont Blanc. Um 1900 sind die meisten Gipfel in den Alpen bezwungen. Eisenbahn, Automobil, Telegrafie und Telefon erleichtern den Zugang in die einst so gefürchtete Bergwelt. In den Tälern schießen Hotels aus dem Boden, mit der Bergbahn gelangen Touristen gefahrlos und ohne großen körperlichen Einsatz auf die Gipfel und genießen das Panorama.
Dramatischer Wettlauf
So suchen Bergsteiger neue sportliche Herausforderungen. In den 1930er Jahren beginnt ein dramatischer Wettlauf um die Nordwand des Matterhorns, der Grandes Jorasses im Mont-Blanc-Massiv und die Nordwand des Eigers. Wer schafft die gefährlichen Durchsteigungen zuerst? Nach mehreren gescheiterten Versuchen mit tödlichem Ausgang gelingt es Anderl Heckmair, Ludwig Vörg, Heinrich Harrer und Ludwig Kasparek 1938, das "letzte Problem der Alpen" zu lösen: die Durchsteigung der Eiger-Nordwand. Das Interesse ist riesengroß, Journalisten von Presse und Rundfunk berichten live über die halsbrecherische Tour in der Eigerwand. Die Nationalsozialisten wissen die Medienwirksamkeit von Bergen und Heldentaten für ihre Zwecke zu nutzen: Die Erstdurchsteigung der berüchtigten Eigerwand und die Expeditionen der Deutschen Himalaja-Stiftung zum Nanga Parbat werden zu großen Medienereignissen stilisiert.
Jenseits der 8000 Höhenmeter
1950 erreichen Maurice Herzog und Louis Lachenal den Gipfel der 8078 Meter hohen Annapurna I. Zum ersten Mal stehen Menschen auf einem Berg mit einer Höhe von über 8000 Metern. Der Preis der Besteigung ist hoch: Herzog verliert durch Erfrierungen sämtliche Finger und Zehen. Die 1950er Jahre sind das Jahrzehnt der Achttausender, zwölf der 14 Achttausender werden zum ersten Mal bestiegen. Technische Neuerungen wie Eisschrauben tragen dazu bei, dass Aufstiege in bisher unerreichte Höhen möglich werden. Ein weiterer Rekord sorgt für Schlagzeilen: Der Sherpa Tenzing Norgay und der Neuseeländer Edmund Hillary erreichen am 29. Mai 1953 den Gipfel des höchsten Berges der Welt, des Mount Everest.
Die "Linie des fallenden Tropfen"
Begünstigt durch neue Materialien beginnt man bald, auch im Winter schwierigste Routen zu klettern. 1961 durchsteigt eine Seilschaft um Toni Hiebeler die Eiger-Nordwand im Winter. Als weitere bergsteigerische Herausforderung kommt die Linie der "diritissima" auf, die "Linie des fallenden Tropfen": Man geht jetzt senkrecht die Wände hoch, sucht den direkten Weg nach oben. Diese Art des technischen Kletterns ist sehr materialintensiv. Das Kraft raubende, akrobatische Klettern mit Hilfe von Trittleitern und Bohrhaken gilt als das Nonplusultra im extremen Alpinismus. Der Gegentrend lässt nicht lange auf sich warten: Die Renaissance des Freikletterns in den 1970er Jahren führt aus der Sackgasse des technisch Machbaren. "By fair means" heißt die Philosophie, die das Bergsteigen ohne Hilfsmittel wie künstlichen Sauerstoff propagiert. Reinhold Messner ist es, der 1978 den Mount Everest ohne künstlichen Sauerstoff bewältigt, ohne Sauerstoffflasche besteigt Messner auch alle anderen Achttausender.
Herausforderungen werden immer extremer
Durch verbesserte Technik und Ausrüstung werden die Herausforderungen beim Bergsteigen immer extremer. Inzwischen haben sich viele verschiedene Disziplinen entwickelt. Mal geht es darum, bestimmte Routen mit höchstem Schwierigkeitsgrad in möglichst kurzer Zeit zu klettern, mal darum, sich einen gefrorenen Wasserfall hochzuarbeiten. Anforderungen, Ausrüstung und Technik haben sich gewandelt. Was sich aber nicht so schnell ändert, ist die Philosophie des Bergsteigens: Sich selbst ein – oft schwieriges - Ziel zu stecken und die Schwierigkeiten und Strapazen auf dem Weg dahin – möglichst unbeschadet - zu überwinden.
Claudia Heidenfelder, Stand vom 24.08.2011
Sendung: Wilde Wanderpfade zwischen Harz und Himalaja, 24.08.2011
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