Oder

Flüsse und Seen

Oder

Die Oder hat immer wieder für Schlagzeilen gesorgt. Sei es durch die Diskussion um die Grenzmarkierung zu Polen oder durch die Hochwasserkatastrophe von 1997. Was aber ist die Oder noch? Wie hat sie sich entwickelt? Welche Besonderheiten bietet dieser Grenzstrom? Werfen Sie einen Blick hinter das gängige Oderbild und entdecken Sie einen Fluss, der durch seine abgeschiedene Lage zu einem bedeutenden Refugium für die Natur geworden ist.

Vom Rinnsal zum spektakulären Fluss

Viele Jahrzehnte war die Quelle der Oder bei Oderske´ Vrchy im Mährischen Gebirge abgeriegelt, weil in der Gegend ein Militärgebiet war. Erst seit einigen Jahren ist die Quelle für alle zugänglich. Was man dort, 632 Meter über dem Meeresspiegel, erblickt? Ein kleines unspektakuläres Rinnsal, das sich über eine Strecke von 912 Kilometern zu einem mitunter wilden und weit verzweigten Strom entwickelt. Bevor er nach seiner langen Reise bei Swinemünde in die Ostsee fließt, durchquert der Fluss Tschechien, Polen und Deutschland.

Seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges bildet die Oder auf 162 Kilometern die Grenze zwischen Deutschland und Polen. In der abgeschiedenen Grenzregion konnten sich bis heute besonders ursprüngliche Landschaften und eine außergewöhnliche Fauna und Flora bewahren.

Bekannt ist die Oder durch die größten Auenlandschaften Mitteleuropas, die während der Hochwasserzeiten das viele Wasser aufnehmen und aus der Vogelperspektive wie große Seen anmuten. Weil die Oder aber auch extreme Niedrigwasserperioden aufweist, wird der Fluss von vielen Anwohnern Steppenfluss genannt.

Warum die Oder so viel kürzer wurde

Eine Karte zeigt den Verlauf der Oder. Sie bildet die Grenze zwischen Deutschland und Polen. Entlang der Oder befinden sich von Nord nach Süd die Städte Stettin, Frankfurt an der Oder, Breslau und Oppeln.

Verlauf der Oder

Der Name Oder – die Slawen nennen ihn Odra – geht aus dem altindischen Sanskrit hervor und heißt so viel wie "der Fluss, der ständig seinen Lauf ändert". Und tatsächlich verlief die unbändige Oder durchaus mal ganz anders. Der Grenzfluss wurde im Jahre 1741 um fast ein Viertel seiner Länge gekürzt.

Zu verdanken hat er das der damaligen preußischen Regierung: Die beschloss den vielarmigen Strom für die Schifffahrt zu bändigen. So wurden zahlreiche Mäander abgeschnitten, Flussufer begradigt und schließlich auch im Bereich des Oderbruchs der Strom von West nach Ost verlegt. Seitdem ist der Fluss um ganze 190 Kilometer kürzer.

Die radikale Kürzung brachte aber nicht nur Vorteile für die Schifffahrt, sondern auch für die Bewohner der Auen-Region: Jahrhundertelang lebten die Menschen im Oderbruch mit ständigen Überschwemmungen. Große Ansiedlungen am Fluss waren auf diesem Sumpfgebiet kaum möglich, einige Orte waren so klein "dass sie nicht mal über eine Kirche oder einen Friedhof verfügten.

Der Pfarrer kam per Kahn zum Gottesdienst ins Oderbruch und die Toten traten ebenfalls auf dem Wasserweg zu den Friedhöfen […] der Städte am Oderbruchrand an", schreibt Kathrin Wolff in ihrem Buch über die Oder. Durch die Verlegung der Oder entstand rund um "die alte Oder" eine äußerst fruchtbare Fläche im Oderbruch. Und das war in jeder Hinsicht ein Neuanfang.

Das Oderbruch: Ein Sumpfgebiet wird zum Gemüsegarten

Überschwemmte Wiesen im Oderbruch. Über dem Wasser hängt Nebel. Über einer Baumreihe im Hintergrund geht gerade die Sonne auf.

Sonnenaufgang im Oderbruch

Das Oderbruch ist die jüngste künstlich geformte Landschaft in Brandenburg. Der preußische König Friedrich II. wollte Leben und eine Infrastruktur in die ständig überschwemmte Fluss-Auenlandschaft zwischen Lebus, Küstrin und Bad Freienwalde, nördlich von Frankfurt an der Oder bringen. In dieser Region gab es Sümpfe und Moore, weit verzweigte Flussadern und immer wieder einen harten Kampf zwischen Mensch und Wasser.

Schon im Mittelalter versuchten sich die wenigen Menschen, die am Bruch lebten, mit Schutzwällen gegen die ständigen Überschwemmungen zu wehren – oft vergebens. Die Gegend galt als lebensfeindlich. Dann kam Friedrich II. Der König blies zur großen Trockenlegung der etwa 56 Kilometer langen und 20 Kilometer breiten Sumpffläche.

Eine große technische und bevölkerungsstrategische Leistung: 1753 wurde die alte Oder bei Güstebiese einfach abgeriegelt und der Fluss in ein neues Bett geführt. Ein Schweizer Mathematiker lieferte für diese spektakuläre Flussverlegung alle wichtigen Berechnungen.

Der begradigte Fluss verringerte die Überschwemmungsgefahr erheblich, gleichzeitig wurde jede Menge fruchtbarer Siedlungsboden frei. Auf diesem Ackerland sollte eine neue Kolonie entstehen. Insgesamt 6137 Auswanderer ließen sich nach und nach im Oderbruch nieder, darunter viele Ausländer und Verfolgte.

Viele waren Bauern oder Wollspinner aus Mecklenburg, Sachsen, Schweden, Polen, Frankreich und sogar aus der Schweiz. Der fruchtbare Boden war wie ein Paradies für die Bauern, selbst die bis dahin skeptischen Fischer konnten die Vorteile der Trockenlegung nicht von der Hand weisen. Großflächig konnten Zuckerrüben angebaut und gleichzeitig in den Fabriken vor Ort veredelt werden. Getreide, Raps, Gemüse und sogar Tabak wurde dort erfolgreich geerntet.

Eine Frau und ein Mann sitzen auf dem Freigelände des Tabakmuseums Vierraden (Brandenburg) auf einer Tabak-Pflanzmaschine. Die Maschine hat Ähnlichkeit mit einem Pflug.

Pflanzmaschine im Tabakmuseum Vierraden

Vor den Toren Berlins war ein großer "Gemüsegarten" entstanden, der durch neue Brücken und Straßen ganzjährig zu erreichen war. Die vielen Wollspinner-Familien widmeten sich der Verarbeitung von Seide, Wolle und Flachs. Auf der Oder konnte die Ware zu neuen Absatzmärkten reisen. Das wirtschaftliche Leben der Region florierte in dieser Form bis 1945.

Nach dem Zweiten Weltkrieg wurden viele der Großgrundbesitzer enteignet, das Land unter den Arbeitern aufgeteilt. Die Regierung der DDR machte aus vielen Bauernhöfen sogenannte Landwirtschaftliche Produktionsgenossenschaften (LPG). Noch heute finden sich im Oderbruch zahlreiche historische Museen, die den wirtschaftlichen Aufstieg der Region dokumentieren.

Im Friedrichsthal in der Nähe von Schwedt (gut auf der Hälfte der Strecke zwischen Stettin und Frankfurt) hat gar der Tabakanbau bis heute überlebt. In zahlreichen weiträumigen Scheunen hängen dort noch die Tabakpflanzen auf den typischen Schnüren zum Trocknen aus.

Unteres Odertal: Die Natur hat das Kommando

Im Unteren Odertal, zwischen Hohenstaaten und Stettin, hat die Natur still und heimlich das Kommando übernommen. Nach 1945 wurde das etwa 60 Kilometer lange Grenzgebiet mehr oder weniger sich selbst überlassen. In diesen Jahrzehnten entwickelte sich eine faszinierende Flusslandschaft: Im Zwischenoderland erwartet den Besucher das größte intakte Überflutungsgebiet mit weit verzweigten Auenlandschaften. Die Tier- und Pflanzenwelt in diesem Landstrich ist so vielfältig, dass das Untere Odertal 1995 zum deutsch-polnischen Nationalpark erklärt wurde.

In den Wasserläufen, Sumpfgebieten und Moorflächen findet man emsiges Leben: Seerosen knüpfen hier noch ganze Teppiche, die Sumpfdotterblume bevölkert weite Landstriche. Einzigartige Schwimmfarne sind hier zu Hause. Über 200 Vogelarten haben sich im Nationalpark niedergelassen. Darunter sehr seltene Exemplare, wie der Seeadler, der Kranich oder der Seggenrohrsänger. In den zahlreichen Flussarmen tümmeln sich Biber und Fischotter und mit ihnen 19 verschiedene Amphibien- und Reptilienarten.

Ein Angler sitzt im Nationalpark Unteres Odertal an der Oder. Neben ihm stehen zwei Angeln und sein Fahrrad. Am gegenüberliegenden Flussufer steht eine Kapelle.

Nationalpark Unteres Odertal

Die Fischwelt ist mindestens genauso bunt: Bis zu 36 Fischarten werden dort jährlich gezählt. Der Nationalpark umfasst etwa 10.000 Hektar auf der deutschen und rund 6000 Hektar auf der polnischen Seite. Das Gebiet gilt als Totalreservat – und ist nur für Wissenschaftler oder Mitarbeiter des Nationalparks zugänglich.

Die faszinierende Oderwelt kann aber trotzdem von Besuchern bestaunt werden: Viele Rad- und Wanderwege am Rande des Nationalparks führen den Naturfreund immer wieder zu Aussichtspunkten, die den Blick auf die unversehrte Auenlandschaft freigeben. Denn zum Nationalpark gehören auch die angrenzenden Talhänge, auf denen zum Teil sehr seltene Baumarten und Blumen ihre Wurzeln geschlagen haben: Mit ein wenig Glück erblickt man die seltene Flaumeiche, die es sonst nirgendwo in Brandenburg gibt.

Auch der Kreuz-Enzian und die Sibirische Glockenblume erblühen hier im Sommer. Die Glockenblume gilt als Steppenpflanze und hat es irgendwann aus der sibirischen Steppe, wo sie ursprünglich zu Hause ist, bis an die Oderhänge geschafft.

Autorin: Alexandra Trudslev

Stand: 11.05.2016, 10:09

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