Die Virchow-Studie von 1874
Blond und Blauäugig?
"Die Hautfarbe der Arier war weiß und rosig..., in der Haar- und Barttracht herrschte Blond vor", schrieb der französische Rassenideologe Graf Gobineau in seinem Buch "Über die Ungleichheit der Menschenrassen". Rudolf Virchows Untersuchung widerlegte diesen Mythos vom "Arischen oder Germanischen Typus" der nationalsozialistischen Rassenideologen völlig.
Nur etwa ein Drittel der deutschen Schulkinder war tatsächlich blond und blauäugig, rund 13 Prozent waren "rein dunkel", also mit dunklem Teint und braunen oder schwarzen Haaren; weit mehr als die Hälfte - fast 54 Prozent - zeigte unterschiedliche Merkmale. "Die klassischen Merkmale der germanischen Rasse beschränken sich also auf ein Drittel der heutigen deutschen Jugend", schrieb Virchow.
Interessant ist die Verteilung dieser Merkmale: Tatsächlich gab es regionale Schwerpunkte. Im Süden war vorherrschenden Typus "dunkel". im Norden des Reiches "hell". In Norddeutschland lebten also mehr blonde Menschen als im Süden. Was aber nicht für die Gebiete an den großen Flussläufen wie etwa Oder, Rhein oder Donau zutraf, hier stellten die Anthropologen die stärkste Vermischung fest. Eine sehr interessante Erscheinung zeigten auch die Städte: Sie unterschieden sich deutlich von ihrer Umgebung. In den "hellen" Gegenden waren sie dunkler, in den "dunklen" Gebieten waren sie heller. Die Erkenntnis: Überall da, wo eine überregionale Mobilität existierte, litt die "Reinrassigkeit". Ein Faktum bleibt noch zu erwähnen: 11,17 Prozent der jüdischen Kinder, jedes neunte Kind also, gehörte dem rein blonden Typus an.
In der Schlussbetrachtung zu seiner Studie stellte Rudolf Virchow fest, dass die körperlichen Merkmale eines Volkes wenig aussagten über die geistigen Fähigkeiten, ja dass selbst die physischen Eigenschaften wenig Einheitlichkeit und Aussagekraft enthielten: "Es klingt fast beschämend", so Virchow, "wenn gesagt werden muss, dass wir nicht einmal so weit sind, für die uns zunächst angehenden Völkergruppen oder Nationalitäten, für Kelten, die Germanen und die Slawen typische Unterscheidungsmerkmale im naturwissenschaftlichen Sinne des Wortes zu finden - Merkmale, an denen wir sicher zu entscheiden wüssten, ob ein bestimmtes Individuum zu der einen oder anderen Nationalität in wirklicher und reiner Abstammung gehöre. Am Ende sind die Unterschiede zwischen den einzelnen Individuen größer als die zwischen den Rassen."
Ulrich Baringhorst, Stand vom 15.03.2010





