Bananenrepublik Deutschland
Die Kamerunbanane
Anfang des 20. Jahrhunderts kommen die wenigen Bananen, die Deutschland erreichen von den Kanarischen Inseln oder über England aus Jamaika. Das Geld verdienen Briten oder Amerikaner. Da kommt eine deutsche Reederei auf die Idee, eigene Bananen anzubauen. Ein idealer Platz scheint die damalige deutsche Kolonie Kamerun zu sein. Die Reederei kann die "Afrikanische Frucht-Compagnie" (A.F.C.) zur Zusammenarbeit gewinnen. Am Kamerunberg findet man geeignetes Land. Die Bevölkerung wird vertrieben und die ersten deutschen Bananenplantagen werden errichtet. Allerdings ist der Anbau nicht sehr erfolgreich – die vor Ort zusammengesuchten Arbeiter müssen gezwungen werden, auf den Plantagen zu arbeiten. Viele sterben wegen der harten Arbeitsbedingungen. Ein Erfolg des Bananenanbaus hat sich noch nicht gezeigt, da scheint mit dem Ende des Ersten Weltkrieges die Chance auf "eigene deutsche" Bananen endgültig vorüber. Deutschland verliert seine Kolonie und damit auch seine Bananenplantagen.
Doch schon Mitte der 20er Jahre kauft die A.F.C. die Plantagen zurück. Mitte der 30er Jahre sind sie dank staatlicher Unterstützung in der Lage in größerem Umfang Bananen anzubauen, so dass 1938 ein Drittel der deutschen Bananeneinfuhren aus Kamerun kommt. Das ist auch im Sinne des nationalsozialistischen Deutschland, sieht es darin doch eine Bestätigung, dass seine Wirtschaftspolitik in Afrika es durchaus zu Kolonialbesitz berechtige. Mit dem Ende des Zweiten Weltkrieges ist dieser Plan allerdings für alle Zeiten vergessen. Die A.F.C. richtet ihre Aufmerksamkeit auf Lateinamerika und die Deutschen haben für viele Jahre keine Bananen zum Essen.
Immer billige Bananen
Wie wichtig es den Deutschen schon bald wieder wird, immer ausreichend Bananen zu haben, zeigt das Zusatzprotokoll zu den Römischen Verträgen, das der damalige Bundeskanzler Konrad Adenauer 1957 durchsetzt. Von nun an dürfen die Deutschen, anders als die anderen europäischen Länder, die in ihren Überseegebieten über eigene Bananenplantagen verfügen, zollfrei amerikanische Bananen einführen. Damit beginnt der Siegeszug der Banane in Deutschland – allerdings nur in Westdeutschland, in Ostdeutschland muss die Bevölkerung sich für Jahrzehnte damit abfinden, dass Bananen Mangelware bleiben. Mit der Maueröffnung gewinnt die Banane gar noch ihre eigene deutsch-deutsche Bedeutung. Die Bürger der DDR werden auf der anderen Seite der Mauer mit Bananen empfangen, und als Otto Schily 1990 gefragt wird, weshalb die CDU und nicht die SPD die Wahl im Osten gewonnen habe, zieht er als Antwort eine Banane aus seiner Jackentasche. Auch wenn er sich später dafür entschuldigen muss, er trifft den Nerv der Zeit: Die Banane wird zu einem Lieblingsobjekt der Karikaturisten, und der Begriff "Bananenrepublik Deutschland" bekommt eine ganz neue Note.
Die Bananenmarktordnung
Doch das Interesse an Bananen ist beileibe nicht allein den Deutschen vorbehalten. Austragungsort politischer Diskussionen um die Banane ist seit Jahren vor allem die Europäische Union, denn die Europäer haben ein ganz besonderes Verhältnis zur Banane, so dass es niemanden verwundern darf, dass es eine europäische "Bananenmarktordnung" gibt. Dort wird ganz genau geregelt, wer wie viele Bananen aus welchem Gebiet zu welchen Konditionen einführen darf. Seit Jahren geht dies allerdings nicht ohne Komplikationen vor sich. Was auf den ersten Blick absurd anmuten mag, hat einen guten Grund: Bananen sind ein wichtiges Wirtschaftsgut, an dem viele beteiligt sind – neben den Plantagenbesitzern, verdienen auch die Transportunternehmen, die Reifereien, Fruchthandelsunternehmen und andere an der krummen Frucht. Da es in der Bananenmarktordnung vor allem darum geht, die kostenintensiver angebauten europäischen Bananen zu unterstützen, haben sich auch die USA in den Streit eingemischt. Sie wollen nämlich, dass ihre, die so genannte "Dollarbanane", ohne Beschränkungen nach ganz Europa verkauft werden darf. Und das sind genau die Bananen, die die Deutschen dank des Bananenzusatzprotokolls Adenauers schon seit Jahrzehnten essen dürfen.
Sine Maier-Bode, Stand vom 01.06.2009








