Interview: Anlagestrategien
Planet Wissen (PW): Deutschland gilt als Sparnation - aber legen wir unser Geld auch klug an?
Markus Zschaber (M.Z.): Zuerst einmal: Dass die Deutschen eine Sparnation sind, hört man zwar immer wieder, aber ich würde das gar nicht unbedingt unterschreiben. Es kommt natürlich darauf an, wie man Sparen versteht. Wenn man nur dann spart, wenn man ins Festgeld hineingeht, mag das Etikett "Sparnation" ja ganz passend sein. Aber wenn Sparen auch Aktiensparen bedeutet, dann sind wir ganz und gar keine Sparnation! In den USA zum Beispiel, wo die Menschen sich ja schon immer weitgehend selbst um ihre Altersvorsorge kümmern mussten, ist das Sparen über Aktien viel ausgeprägter. Früher hieß es sogar mal, dort ginge jeder zweite Dollar in Aktien - da wurden zu Weihnachten teilweise keine Geschenke physischer Art vergeben, sondern Aktien von Coca-Cola und General Electric unter den Christbaum gelegt.
PW: Sie würden also raten: Statt sparen investieren - und zwar in den Aktienmarkt?
M.Z.: Als Teil einer umfassenderen Anlagestrategie durchaus. Sehen Sie, in den 50er und 60er Jahren kam der Gedanke der Lebensversicherung auf. Diverse Gesellschaften wie zum Beispiel die "Allianz" haben den Deutschen angeboten, durch monatliche Zahlungen oder auch durch eine Einmalzahlung Kapital anzusparen - mit Laufzeiten von 20, 30, manchmal 40 Jahren - und dementsprechend Zinsen dafür zu bekommen. Für jemanden, der sein Geld so angelegt hat, wäre es deutlich interessanter gewesen, damals anstatt der Lebensversicherung die Aktie der "Allianz" zu kaufen. Da hätte er am Ende einen deutlich höheren Gewinn gemacht.
PW: Nun ist an der Börse, gerade am Neuen Markt, ja auch schon viel Geld verbrannt worden. Sogar die bei ihrer Ausgabe als sichere "Volksaktie" beworbene T-Aktie hat zunächst herbe Kurseinbußen hinnehmen müssen. Können Sie nachvollziehen, dass vielen Spar
M.Z.: Natürlich muss man als seriöser Anlageberater immer wieder dem Gedanken entgegentreten, man könne mit Aktien das schnelle Geld machen. Auch an der Börse ist es am klügsten, sich wie der sprichwörtliche sparsame Schwabe zu verhalten: kontinuierlich Geld zurückhalten, die Summe klug anlegen und dann erstmal Geduld haben. Wie sagte Altmeister Kostolany: "Man soll nur dann an die Börse gehen, wenn man zehn Jahre Zeit hat!" Falls man das beherzigt, kann man, so sage ich aus Erfahrung, an der Börse im Durchschnitt acht bis zehn Prozent Rendite erwirtschaften.
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PW: Aber gibt es nicht auch andere lukrative Sparmöglichkeiten?
M.Z.: Natürlich - und ich rate auch den wenigsten meiner Kunden, ausschließlich auf den Aktienmarkt zu setzen. Da muss jeder für sich den optimalen Mix finden. Wenn ich zum Beispiel kein allzu hohes Risiko eingehen will, kann ich auch sagen: Ich stecke den Großteil meines Geldes in Renten- oder Immobilienfonds - oder zeichne, falls ich es noch sicherer haben will, verschiedene Anleihen - und lege nur das verbliebene Drittel an der Börse an. Allerdings sind dann auch die Chancen auf Wachstum geringer. Außerdem sollte man sich überlegen, ob man statt in einzelne Aktien nicht lieber in Aktienfonds investiert. Wenn da ein Papier einbricht, gibt es innerhalb des Fonds noch viele andere Papiere, die den Verlust wieder ausgleichen können.
PW: Würden Sie denn der jungen Studentin den gleichen Rat geben wie dem Rentnerehepaar?
M.Z.: Erstmal muss der jungen Studentin klar sein, dass in 30 oder 40 Jahren, wenn sie ins Pensionsalter kommt, die Situation der Rentenkassen wohl so aussehen wird, dass sie mit einer Einheitsrente rechnen muss. Das heißt: Sparen, überhaupt der ganze Umgang mit Finanzen, muss heute viel sorgfältiger geplant werden als früher. Eigentlich müsste man das schon den Kindern in der Schule beibringen - um zu verhindern, dass diese Generation dann 30 Jahre später im Bereich der Armut wiederzufinden ist! Aber auch wenn die Studentin jetzt beispielsweise nur so viel Geld hat, dass sie 50 Euro im Monat zur Seite legen kann, so kann sie doch von einem ganz anderen Vorteil profitieren: Sie hat einen viel weiteren Anlagehorizont. Will heißen, sie kann beim Anlegen durchaus mehr aufs Risiko gehen und dadurch höhere Gewinne einfahren, weil sie die Zeit hat, Verluste auch mal auszusitzen. Einem Rentnerehepaar, das sein Geld nur noch kurzfristig anlegt, würde ich dagegen raten, maximal 15 bis 30 Prozent in Aktien zu stecken.
PW: Woher kommt denn eigentlich die Scheu der Deutschen vor dem Spekulieren - und ihre Liebe zu eher konservativen Sparanlagen?
M.Z.: Alleine das Wort 'Spekulieren' drückt ja schon eine gewisse Geringschätzung aus. Das ganze Thema Finanzen ist für viele hier unbequem, man spricht nicht gerne darüber - während man in Amerika völlig freimütig über Geld redet, selbst über solch private Dinge wie die Höhe des eigenen Gehalts. Wir sollten vielleicht den kleinen Kindern nicht immer sagen: 'Geld ist pfui', sondern ihnen vielmehr klarmachen, dass Geld etwas Besonderes, etwas Schönes ist. Es bedeutet Freiheit, Erfolg, eine andere Lebenssituation. Und genauso würde ich auch den Gang an die Börse als etwas Positives sehen: Wenn ich mein Geld in Aktien stecke, dann muss ich nicht Manager oder Eigentümer sein, um an einem Unternehmen teilzuhaben. Ich kann einfach so an dessen wirtschaftlichem Erfolg partizipieren.
PW: Mit moralischen Bedenken sollte man der Börse also gar nicht erst kommen?
M.Z.: Ach, ich glaube einfach, dass es ohnehin die Gier ist, die das Handeln des Menschen bestimmt. Außerdem kann ich mir ja schließlich aussuchen, wo ich investiere - heutzutage gibt es auch eine Vielzahl nachhaltiger, ökologisch wertvoller Aktien. Und was das Zocken anbelangt, also das schnelle Kaufen und wieder Verkaufen, so denke ich, dass man damit höchstens kurzfristig Erfolg haben kann; langfristig holt man sich eine blutige Nase. Denn die Börse ist keine Einbahnstraße. Man kann den Markt nicht austricksen.
PW: Wenn man sich das erste Mal übers Geldanlegen oder auch über einen Aktienkauf Gedanken macht: Gibt es da so etwas wie eine "Goldene Regel"?
M.Z.: So weit würde ich nicht gehen. Nur so viel: Bei jeder Geldanlage - nicht nur bei Aktien - ist es wichtig, sich über zwei Dinge im Klaren zu sein. Überlegen Sie als erstes immer, was Sie erreichen wollen; dann entscheiden Sie, welches Risiko Sie dafür einzugehen bereit sind. Danach würde ich mir einen genauen Finanzplan aufstellen - mit einer Soll- und einer Ist-Erwartung - und ihn zyklisch immer wieder überprüfen. Wenn Sie also zum Beispiel jung sind und mit Ihrer Altersvorsorge noch viel Zeit haben, dann reicht es, alle drei Jahre mal zu schauen, ob die Soll-Erwartung auch erfüllt wird. Und selbst wenn Sie sich auf Fondsmanager, auf Vermögensberater oder auch auf Ihre Bank verlassen: Sie werden nicht darum herumkommen, sich auch eigenständig ein bisschen schlau zu machen. Lesen Sie, sammeln Sie die Informationen in den Medien, lassen Sie sich ausführlich beraten und treffen Sie dann eine Entscheidung. Und glauben Sie mir: Das kann Spaß machen!
PW: Was war denn die ausgefallenste Anlagestrategie, von der Sie jemals gehört haben?
M.Z.: Ich habe tatsächlich mal von einem Finanzdienstleistungsinstitut gehört, das Schweizer Austern angeboten hat - das war in den 80er, 90er Jahren. Da ging es um ein Beteiligungsmodell, bei dem der Anleger Geld in eine Gesellschaft investieren sollte, die eine Austernfarm im Zürichsee plante. Da hätte man sich schon im Vorfeld denken können, dass das gar nicht funktionieren kann, also höchst unseriös ist. Aber lustig war es trotzdem!
Kerstin Hilt, Stand vom 30.10.2007









