Die Heimatfront

Lebensmittelmarken: ein halber Liter Milch

Erster Weltkrieg

Die Heimatfront

Von Knut Weinrich

Der Erste Weltkrieg wird von Historikern als der erste "totale Krieg" bezeichnet. Das heißt, zum ersten Mal waren alle Menschen in den beteiligten Staaten davon betroffen. Der Krieg hatte diese Länder und ihre Bevölkerungen total erfasst. Was bedeutete das für Deutschland?

Hunger

Mit Beginn des Krieges stiegen sofort die Preise für Nahrungsmittel. Zugleich war der Sold der eingezogenen Soldaten gering. So gerieten viele Familien sofort in Not – besonders weil es für kleine Kinder so gut wie keine Kindergärten gab, so dass die Mütter oft nicht arbeiten gehen konnten.

Die Lebensmittelversorgung wurde für die meisten Menschen im Laufe des Krieges immer schwieriger. Der Hunger breitete sich aus. Seinen Höhepunkt erreichte er im sogenannten "Kohlrübenwinter" 1916/17, in dem sich viele Menschen fast ausschließlich von Kohlrüben ernähren mussten, die nur wenig Nährwert haben.

Hinzu kam in diesem Winter noch eine extreme Kälte, bei absolut unzureichender Versorgung mit Heizmaterialien wie Kohle und Holz. Wochenlang lagen die Temperaturen weit unter Null, bis zu minus 20 Grad wurden gemessen. Lebensmittel wurden bald von den Behörden eingesammelt und nur noch auf Lebensmittelkarten ausgegeben.

Ein Beispiel einer Tagesration: fünf Scheiben Brot, fünf Gramm Butter, 20 Gramm Zucker und ein Bissen Fleisch. Die Rationen schwankten ständig, ausreichend waren sie aber nie. 700.000 Menschen verhungerten in Deutschland im Ersten Weltkrieg.

Zugleich gab es aber auch einen florierenden Schwarzmarkt, auf dem sich Wohlhabende eindecken konnten. Das wurde von vielen Menschen als große Ungerechtigkeit und Versagen des Staates angesehen, dessen Glaubwürdigkeit auch deshalb rapide abnahm.

schwarz-weiss Bild einer Menschenmasse vor einem Lebensmittelgeschäft

Warten vor einem Lebensmittelgeschäft

Das Vertrauen in den Staat wurde auch durch die Ernährungs-Ratschläge der Behörden und die offiziellen Kriegskochbücher nicht gestärkt. Viele Ratschläge wirkten wie Hohn, zum Beispiel dass man jeden Bissen Dutzende Male kauen sollte, um die Nahrung besser zu verwerten; ebenso Kriegskochbuch-Empfehlungen, mit Butter oder Kalbsfleisch zu kochen, die in der Wirklichkeit praktisch nicht zu erhalten waren.

Besonders dramatisch war die Lage für Menschen in den deutschen Heil- und Pflegeanstalten. Dort wurden Tausende als "nutzlose Esser" angesehen und dem Hungertod preisgegeben.

Arbeit

Die Industrieproduktion, insbesondere die "kriegswichtige" Rüstungsproduktion, war im Lauf des Krieges ohne die Mobilisierung aller Kräfte in der Heimat nicht aufrecht zu erhalten. In Deutschland wurde Ende 1916 das "Hilfspflichtgesetz" verabschiedet.

Danach waren alle Männer zwischen dem 17. und dem 60. Lebensjahr verpflichtet, in der Rüstungsindustrie oder in einem anderen kriegswichtigen Betrieb zu arbeiten. Eine Ausnahme bildeten unter anderem Männer, die in der Landwirtschaft eingesetzt waren.

Besonders wichtig für das Funktionieren der Heimat im Krieg war die Arbeit der Frauen. Sie wurden mehr und mehr bei Arbeiten eingesetzt, die zuvor fest in Männerhand gewesen waren: als Schaffnerinnen, Straßenarbeiterinnen, Kraftfahrerinnen.

Am stärksten aber wurden sie von der Rüstungsindustrie verpflichtet: etwa in Munitionsfabriken, wo sie bis zu 13 Stunden täglich unter sehr gefährlichen und gesundheitsschädlichen Bedingungen arbeiteten. Dabei erhielten sie für die gleiche Arbeit meist weit weniger Geld als die Männer, weil sie angeblich weniger leisteten.

schwarz-weiss Bild einer Straßenbahnschaffnerin auf einem Zug

Eine Frau arbeitet als Straßenbahnschaffnerin

Invalidität

Je länger der Krieg dauerte, desto mehr invalide Männer kamen in die Heimat zurück. Sie blieben für viele Jahre lebende Erinnerung an die Schrecken des Krieges. Männer ohne Arme oder ohne Beine, Männer, denen Gesichtspartien fehlten. In der Zeit des Mangels war es extrem schwierig für sie, Prothesen zu bekommen. Das verbesserte sich erst nach dem Krieg.

Auch seelische Verletzungen waren weit verbreitet, Schätzungen gehen von mehr als zwei Millionen psychisch erkrankten Soldaten aus. Es ist davon auszugehen, dass viele unter dem sogenannten Posttraumatischen Belastungssyndrom litten, wie es auch heute bei Soldaten nach Einsätzen häufig auftritt. Damals aber gab es für die Erkrankten keine Therapie.

Behandelt wurden allenfalls diejenigen, bei denen ein damals sogenannter "Nervenschock" ausgelöst worden war, etwa durch die nahe Detonation einer Granate, und die teils am ganzen Leib unkontrolliert zitterten. Aber dabei wurden sie wie Versuchskaninchen behandelt, mit Elektroschocks und anderen krampfauslösenden Methoden traktiert und oft als Simulanten hingestellt.

Das erklärte Ziel ihrer Ärzte und Psychiater war es, ihnen die Behandlung unangenehmer zu machen als den Einsatz an der Front und sie so zu bewegen, lieber an die Front zurückzugehen als krank zu bleiben.

Diese Ärzte bezeichnete der Neurologe und Psychoanalytiker Sigmund Freud als "Maschinengewehre hinter der Front". Denn die Männer, die ihren Körper nicht mehr kontrollieren konnten, waren keine Simulanten, sie waren Opfer des Krieges, und sie gerieten nun in der Heimat vielfach in die Hände von Folterknechten in Arztkitteln.

Bombenkrieg

Wenige Jahre vor Beginn des Krieges war das Motorflugzeug erfunden worden. Nun wurde es schnell zu einer wichtigen Kriegswaffe: Es diente dazu, feindliche Linien zu beobachten und zu bombardieren. Zudem bombardierte es Fabriken hinter der Front, so wurde zum Beispiel die Chemiefabrik BASF in Ludwigshafen von französischen Flugzeugen angegriffen.

Aber auch Zivilisten waren Ziel der Luftwaffe, insbesondere im Südwesten Deutschlands, der teils in Reichweite der Flugzeuge der Entente lag. Die Zivilbevölkerung hatte Angst vor diesen neuen, unberechenbaren Attacken, vor denen es keinen Schutz gab.

Dutzende Menschen starben, insbesondere in Freiburg. Nachts mussten die Fenster verdunkelt werden, Zuwiderhandlung wurde unter Strafe gestellt. So war der Erste Weltkrieg der erste Bombenkrieg der Geschichte.

schwarz-weiss Bild der zerstörten Stadt Arras von den Kämpfen des ersten Weltkrieges

Die französische Stadt Arras wurde zerbombt

Kriegsanleihen und Sammlungen

Der Krieg dauerte länger und länger und wurde so auch immer teurer. Die Bevölkerung in Deutschland sollte über die Steuerzahlungen hinaus einen finanziellen Beitrag leisten und wurde dazu in zahllosen Zeitungsanzeigen und auf Plakaten aufgefordert.

"Kriegsanleihen zeichnen" hieß das, dem Staat also Geld für den Krieg leihen. Das taten viele Menschen, und für sie bedeutete dann die Niederlage im Krieg auch den Verlust ihres Geldes.

Immer wieder gab es auch Aufrufe, Gegenstände zu spenden, die für den Krieg wichtig waren. Vor allem Metall war dabei begehrt, das in enormen Mengen für Waffen und Munition benötigt wurde. So brachten die Menschen Töpfe, Bügeleisen, Fahrräder und vieles mehr zu den Sammelstellen.

Stand: 09.05.2018, 10:00

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