Kriegsschuld

schwarz-weiß Fotom Deutsche Soldaten werfen aus dem Graben heraus Handgranaten

Erster Weltkrieg

Kriegsschuld

Von Knut Weinrich

Wer ist schuld? Das ist in jedem Krieg heiß umstrittene Streitfrage und Kampfplatz der Propaganda. Natürlich auch im bis dahin größten Krieg der Weltgeschichte. Der Umgang mit dieser Frage und die Konsequenzen der Antworten hatten gefährliche Sprengkraft, auch über den Ersten Weltkrieg hinaus.

Kriegsschuld

Vor mehr als 100 Jahren begann der Erste Weltkrieg, und seither wird auch über die Frage der Kriegsschuld diskutiert. Waren allein das Deutsche Reich und die österreichisch-ungarische Doppelmonarchie schuld, wie es nach dem Krieg im Versailler Vertrag von 1919 festgeschrieben wurde?

Schließlich hatte die Entscheidung Österreich-Ungarns, mit der Unterstützung des Deutschen Reiches gegen Serbien in den Krieg zu ziehen, eine fatale Kettenreaktion ausgelöst.

Oder traf auch andere Länder eine Mitschuld? Waren die europäischen Mächte allesamt in den Krieg "geschlittert", geleitet von Machtstreben und Konkurrenz, gefangen in Bündnissen, die sie in den Krieg zogen? Waren also alle an der Schuld beteiligt oder eben doch nur das Deutsche Reich und Österreich-Ungarn?

Beide Thesen lassen sich vertreten. Mittlerweile lautet aber die vorherrschende Meinung unter internationalen Historikern: Alle Kriegsparteien, die von Anfang an dabei waren, tragen eine Teilschuld. Alle hätten sich dem Kriegsausbruch entgegenstellen können, ja ihn sogar verhindern. Dass sie es nicht taten, dass sie einen Krieg in Kauf nahmen, machte folglich alle mitschuldig.

Auch die Konstellation zwischen den großen europäischen Mächten vor dem Krieg spricht für die These einer geteilten Schuld.

Das Deutsche Reich hatte in den Jahren vor dem Krieg stark aufgerüstet. Die Armee zählte 800.000 Mann. Es war eine Zeit der großen Begeisterung für alles Militärische, gerade auch für die neue Kriegsflotte.

Diese war der ganze Stolz des Kaisers, und sie sollte größere Geltung in der Welt bringen und mehr Kolonien. Danach strebten der Kaiser und viele seiner Untertanen schon lange.

Großbritannien sah sich durch die deutsche Flotte in seiner Herrschaft über die Weltmeere bedroht. Großbritannien war die Supermacht dieser Zeit, mit Kolonien rund um den Globus.

schwarz-weiss Bild von rennenden Soldaten

Die Deutsche Infanterie auf dem Vormarsch

Auch Frankreich hatte ein Kolonialreich. Mit Großbritannien hatte es sich nach langen Konflikten verbündet, aber nicht mit Deutschland, dem "Erzfeind". Der letzte Krieg 1870/71 hatte mit der französischen Niederlage geendet, die nicht verwunden war. Auch Frankreich rüstete sich und verfolgte den Aufstieg Deutschlands zur stärksten Macht auf dem Kontinent mit großer Beunruhigung.

Russland wiederum war mit Frankreich und Großbritannien verbündet, nach langen Kriegen und Konflikten. Auch der russische Zar Nikolaus II. war beunruhigt über den Machtzuwachs des Deutschen Reiches und dessen Ambitionen.

Die Herrschaft des Zaren war durch innere Unruhen in seinem Reich geschwächt. Aber er hatte dennoch 173 Millionen Untertanen und konnte riesige Heere aufstellen. Auch die Mobilmachung seiner Armee Ende Juli 1914 war ein Schritt in Richtung Krieg.

Diese Konstellation von Konkurrenz, Misstrauen, Bedrohung, Kriegsrüstung und Bündnissen war zweifellos sehr bedrohlich für den Frieden und damit hochbrisant. Sicher ist, dass sich im Krieg alle beteiligten Staaten als Verteidiger gegen einen Angreifer darstellten.

Sicher ist auch, dass im Krieg den Verantwortlichen auf beiden Seiten der Front jahrelang der Wille fehlte, den Krieg zu beenden – obwohl er allein an den Fronten neun Millionen Menschenleben kostete, die meisten in enormen Materialschlachten, in denen die Soldaten für winzige Geländegewinne verheizt wurden. So bezieht sich die Frage nach Schuld und Verantwortung nicht nur allein auf den Beginn des Krieges, sondern auch auf dessen Verlauf und Dauer.

Der Versailler Vertrag

Im Schloss Versailles bei Paris begann im Januar 1919 die Friedenskonferenz, in der es um den Friedensvertrag zwischen Deutschland und der Entente und ihren Verbündeten ging. Weitere Konferenzen der Sieger mit Österreich-Ungarn, Bulgarien und dem Osmanischen Reich fanden ebenfalls 1919 in der Nähe von Paris statt.

In Versailles durfte das Deutsche Reich zunächst nicht teilnehmen. Einer deutschen Delegation wurden die Friedensbedingungen erst im Mai 1919 vorgelegt. Die Deutschen machten zahlreiche Gegenvorschläge, die aber abgelehnt wurden.

Schließlich unterzeichneten sie im Juni 1919, unter der Drohung einer militärischen Intervention der Sieger. Deutschland wurden hohe Reparationszahlungen auferlegt, die Summe war im Juni 1919 aber noch offen.

schwarz-weiss Bild  von Versailler Vertragsunterzeichnung von Reichsaußenminister

Unterzeichnung des Versailler Vertrags

Hinzu kamen Gebietsabtretungen: sieben Prozent des Territoriums. Im Westen waren das unter anderem Elsass und Lothringen, im Osten Posen und Westpreußen. Außerdem musste Deutschland seinen gesamten Kolonialbesitz aufgeben.

In mehreren Grenzgebieten sollte das Volk zudem über seine staatliche Zugehörigkeit entscheiden. So fiel 1920 Eupen-Malmedy an Belgien, und Nordschleswig wurde zwischen Deutschland und Dänemark aufgeteilt.

In den Abstimmungsgebieten Westpreußens und in Ostpreußen stimmte die Bevölkerung fast einstimmig für Deutschland. Im Versailler Vertrag wurde auch von den Siegern festgeschrieben, dass Deutschland die alleinige Kriegsschuld trage.

Besonders das führte in Deutschland zu einer strikten Ablehnung des Vertrags, der im ganzen Spektrum der politischen Richtungen von der äußersten Rechten bis zur Sozialdemokratie als "Diktat" und "Schandfriede" angesehen und scharf kritisiert wurde.

Die Ministerpräsidenten David Lloyd George (England), Vittorio Emanuele Orlando (Italien), Georges Benjamin Clemenceau (Frankreich) und der amerikanische Präsident Woodrow Wilson - 1919

Verhandlungen in Versailles

Stand: 09.05.2018, 09:00

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