Die Barschel-Affäre

Uwe Barschel im Sommer 1987

Politische Skandale

Die Barschel-Affäre

1987 gibt Willy Brandt den SPD-Vorsitz ab und Helmut Kohl gewinnt seine zweite Bundestagswahl. Doch die politischen Schlagzeilen der Bundesrepublik Deutschland werden in diesem Jahr nicht in Bonn, sondern im hohen Norden gemacht. Hier beginnt ein Politskandal, der sich zu einem wahren Krimi entwickelt. Ort des Geschehens: Schleswig-Holstein, der Kieler Landtag. Die Person im Kreuzfeuer: Uwe Barschel, seines Zeichens CDU-Ministerpräsident. Der Skandal: schmutzige Tricks. Es ist bis heute Deutschlands berühmtester Politskandal.

Das Ehrenwort

"Ich gebe Ihnen mein Ehrenwort, dass die gegen mich erhobenen Vorwürfe haltlos sind". Der Mann wirkt fahrig. Mühsam ringt er nach Fassung, wirkt unendlich angestrengt, sich als Herr der Lage zu präsentieren.

Es ist der 18. September 1987, Uwe Barschel unterstreicht mit seinem persönlichen Ehrenwort und eidesstattlichen Versicherungen, dass die Vorwürfe gegen ihn nicht gerechtfertigt seien.

Uwe Barschel stützt sein Kinn mit beiden Händen ab - hinter einem Wald von Mikrofonen.

Die berühmte Ehrenwort-Konferenz

Mit dem Rücken zur Wand versucht Uwe Barschel mit einer einmaligen Tour de Force ein letztes Mal, die Fassade des rechtschaffenen Politikers zu wahren, die Vorwürfe als Verleumdungen abzutun und das Vertrauen der von ihm beschworenen "Bürgerinnen und Bürger des Landes Schleswig-Holstein" zurückzugewinnen.

Einen Monat später hat er alles verloren: Ruf, Ehre und Karriere, sein Leben. Uwe Barschel ist tot.

Politische Lichtgestalt

Von Barschel lernen heißt siegen lernen – Barschel, das ist die große Hoffnung der CDU. Ein Mann von Format, dem vielleicht sogar eines Tages mal das Bundeskanzleramt offen stehen wird.

Seine Ochsentour im hohen Norden gestaltet sich als Blitzkarriere: Mit 27 Jahren wird er CDU-Abgeordneter im Landtag, mit 35 wird er Finanzminister, wenig später Innenminister. 1982, Barschel ist 38 Jahre jung, folgt er Gerhard Stoltenberg ins Amt des Ministerpräsidenten.

1983 erringt die schleswig-holsteinische CDU unter Barschels Führung in der Landtagswahl sogar die absolute Mehrheit. Doch auf die CDU-Lichtgestalt fallen bereits erste Schatten:

Sein Ehrgeiz scheint maßlos, seine Methoden sind wenig zimperlich. Sein Umgang mit Untergebenen wird oft als rüde und abwertend beschrieben.

Doch Barschel versteht sich zu inszenieren, die richtigen Kontakte zu knüpfen. Geschickt strickt er am eigenen Image, das solider und glanzvoller nicht sein könnte.

Als armes und vaterloses Nachkriegskind bringt Barschel es rasch zu Wohlstand und Ansehen. Er studiert Jura und Politikwissenschaft und erlangt gleich in beiden Fächern die Doktorwürde.

Neben seiner politischen Karriere scheint auch die private Situation in jeder Hinsicht bemerkenswert. Barschel heiratet die Aristokratin Freya von Bismarck. Sie bekommen vier Kinder.

"Mein Hobby ist meine Familie", strahlt Barschel in die Kameras. Das mögen die Leute – und Barschel weiß, was bei seinen Wählern gut ankommt.

Schmutzige Tricks

Das Bild des Vorzeige-Politikers Barschel bekommt erste Risse, als die CDU am 2. März 1986 empfindliche Verluste in den Kommunalwahlen hinnehmen muss. Barschel wird nervös.

Im September 1987 sind Landtagswahlen und mit dem charismatischen Björn Engholm ist ihm auf Seiten der SPD ein starker Gegner gewachsen. Barschel hält Ausschau nach einem "Medienreferenten", der bereit und willens ist, ihn im bevorstehenden Wahlkampf tatkräftig zu unterstützen.

Medienreferent Reiner Pfeiffer posiert neben Zeitungsständer mit Barschel-Aufmachern.

Der ehemalige CDU-Medienreferent Reiner Pfeiffer

Er engagiert den wegen Verleumdung vorbestraften Journalisten Reiner Pfeiffer.

Später wird herauskommen, mit welch abgeschmackten Methoden Pfeiffer die Landes-SPD attackiert, um Engholm öffentlich zu diskreditieren: Er reicht eine anonyme Steuerhinterziehungsklage gegen Engholm ein, die jedoch fruchtlos bleibt.

Pfeiffer lässt Engholm von Privatdetektiven beschatten, um ihm irgendeinen Fehltritt nachweisen zu können – ohne Ergebnis.

Am 5. Februar 1987 gibt sich Pfeiffer telefonisch als Dr. Wagner aus und "informiert" Engholm, eine mit Aids infizierte Patientin habe ihm erklärt, mit Engholm intim gewesen zu sein.

An perfiden Ideen mangelt es Pfeiffer nicht. Schließlich steht die Überlegung im Raum, Barschels Telefonanlage mit einer Wanze auszustatten, um bei einer inszenierten Überprüfung derselben der SPD einen Abhörskandal à la Watergate in die Schuhe zu schieben.

Die Bombe platzt am Vorabend der Wahl. Am 12. September 1987 gibt das Nachrichtenmagazin "Der Spiegel" bekannt, in seiner nächsten Ausgabe zu enthüllen, dass Uwe Barschel den SPD-Spitzenkandidaten Björn Engholm mit allen erdenklichen "schmutzigen Tricks" bespitzeln ließ.

Tatsächlich hatte Pfeiffer gegenüber dem "Spiegel" ausgepackt und seinen Chef schwer belastet. Es ist der Anfang vom Ende, die Barschel-Affäre kommt ins Rollen.

Die CDU verliert bei der Landtagswahl die absolute Mehrheit und ist mit 42,6 Prozent der Stimmen nur noch zweitstärkste Kraft hinter der SPD, die 45,2 Prozent der Stimmen erzielen kann.

Barschel steht das Wasser bis zum Hals. Für ihn geht es nicht mehr um die verlorene Wahl, es geht um den totalen Gesichtsverlust, um alles oder nichts. Noch steht die Partei hinter ihm, noch stärkt Kohl ihm von Bonn aus den Rücken. Aber das Ansehen bröckelt rapide, die Parteifreunde werden unruhig.

Barschel befindet sich unter Zugzwang. Das ganze Land rätselt: Was wusste Barschel von der Verleumdungskampagne gegen seinen Herausforderer Björn Engholm?

Kategorisch bestreitet Barschel jede Mittäterschaft. Hektisch versucht er Spuren zu verwischen, stiftet Untergebene zu Meineiden an. Nichts soll an ihm haften bleiben, Barschel will allein Pfeiffer für die schmutzigen Tricks verantwortlich machen.

Am 18. September 1987 dann die Ehrenwort-Konferenz, doch Koalitionsverhandlungen zwischen CDU und FDP werden nicht aufgenommen – die FDP ist misstrauisch, betont "mit der CDU zu verhandeln", nicht mit Uwe Barschel.

Als Barschel schließlich der ersten Lügen überführt wird, belastende Aussagen Pfeiffers sich bestätigen und die ersten Meineide entlarvt werden, ist Barschel am Ende.

Am 2. Oktober 1987 tritt er als Ministerpräsident zurück. Doch er übernimmt nur die politische, nicht die persönliche Verantwortung. Barschel sieht sich weiter als Opfer, hereingelegt und verleumdet vom eigenen intriganten Referenten.

Das Ende

Am 11. Oktober 1987 verschafft sich der "Stern"-Reporter Sebastian Knauer Zutritt zu Barschels Zimmer im Genfer Hotel Beau Rivage. Er will Barschel unbedingt interviewen, doch Barschel lässt sich nicht blicken. Barschel ist förmlich auf der Flucht, vor der heimischen Presse, der Vergangenheit, dem Skandal.

Das Hotel Beau Rivage in Genf

Das Hotel Beau Rivage in Genf

In Genf ist er abgestiegen, weil er unter mysteriösen Umständen einen noch mysteriöseren Informanten treffen will, der ihm wichtige Informationen in der Affäre verspricht.

Mit Herzklopfen betritt Knauer Barschels Hotelzimmer. Im Badezimmer macht er einen grausigen Fund: die Leiche Uwe Barschels in der Badewanne. Knauer macht das wohl berühmteste Foto seiner Karriere.

Die Veröffentlichung des Bildes löst eine hitzige Debatte über journalistische Ethik aus. Der Deutsche Presserat hält eine einmalige Publikation allerdings für gerechtfertigt. Das Kontrollgremium verweist auf den hohen Informationswert des Fotos, da es sich bei Barschel um eine Person der Zeitgeschichte handelt.

Als der "Stern" das Bild aber eine Woche später erneut abdruckt, erteilt der Presserat der Zeitschrift eine Rüge. Begründet wird diese Rüge damit, dass die zweite Veröffentlichung des selben Motivs keine neuen Informationen mehr liefern würde.

Es sei in diesem Fall also wichtiger, die Interessen von Barschels Hinterblieben zu schützen als das Informationsbedürfnis der Öffentlichkeit zu befriedigen.

Die wichtigste Frage in der Barschel-Affäre ist bis heute unbeanntwortet: Beging Uwe Barschel Selbstmord oder wurde er ermordet?

Sicher ist: Barschel starb an einer Medikamentenvergiftung, Zeichen von Gewaltanwendung wurden nicht festgestellt. Für die Mordthese spricht ein wahrer Wust sich widersprechender Fakten und Indizien.

Doch auch die Motive für einen Selbstmord sind überzeugend. Durch den schmutzigen Wahlkampf und die falschen eidesstattlichen Erklärungen hatte Barschel, der beseelt war von der strahlenden Fassade seines politischen Daseins, nahezu alles verloren, was ihm etwas bedeutete: Macht und Ansehen in der Partei, Einfluss und Ämter, Freunde und Parteifreunde.

Von heute auf morgen war Barschel zum politischen Außenseiter degradiert worden, selbst in seinen Beruf als Anwalt konnte er aufgrund der strafrechtlichen Vergehen nicht zurückkehren.

Sah Barschel im Freitod die einzige Chance, den Konsequenzen seines Handelns zu entkommen, mehr noch: ein letztes Mal zu der eigenen Legendenbildung beizutragen? Bis heute ist es nicht gelungen, die letzten Stunden des Uwe Barschel, den Tathergang seines Todes zu rekonstruieren.

"Aktenzeichen 33247/87 ungelöst"

Gleich zweimal beschäftigt sich der Kieler Landtag in einem Untersuchungsausschuss mit der Barschel-Affäre. Der zweite Ausschuss bringt ans Licht, dass auch die SPD eine nicht ganz so weiße Weste trug, wie sie den Wählern vorgegaukelt hatte. Früh hatten Engholm und Co. von Barschels Machenschaften gewusst.

Björn Engelholm.

Björn Engelholm

Reiner Pfeiffer hatte seinerzeit auch die SPD detailliert von den CDU-Intrigen in Kenntnis gesetzt – und auch im linken Lager kräftig abkassiert. Das Nachspiel fordert nun auch bei der SPD Konsequenzen: Der inzwischen als Kanzlerkandidat aufgestellte Björn Engholm nimmt am 3. Mai 1993 seinen Hut.

Heute, viele Jahre später, lassen sich allenfalls Tendenzen erkennen. Pfeiffer, Doppel-Agent in eigener Mission, erwies sich weit skrupelloser und gerissener als anfangs vermutet.

Doch was waren seine wahren Motive? Geltungssucht, Macht, Geld oder vielleicht persönliche Abrechnung, Rache? Barschel war wohl weit mehr Opfer eines emsigen Referenten, als anfangs ersichtlich schien.

Dennoch dürfte er über die schmutzigen Wahlkampftricks genau im Bilde gewesen sein – nicht umsonst hatte er eigens den "Mann fürs Grobe" angestellt. Und die SPD war keineswegs nur Opfer, wie sie es fünf Jahre lang vorgegaukelt hatte.

Aktenzeichen 33247/87 ungelöst – titelte der Spiegel zehn Jahre nach der rätselhaften Barschel-Affäre. Und auch mehr als 25 Jahre später gibt es keine neuen Erkenntnisse.

Autor: Gregor Delvaux de Fenffe

Stand: 21.09.2017, 16:00

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