Alltag der Ritter

Ritter

Alltag der Ritter

Von Leonie Schmid

Auch wenn der Mythos uns anderes vermittelt: Ritter verbrachten weder den Großteil ihrer Zeit Schwert schwingend im Schlachtengetümmel, noch zogen sie tagaus tagein für die "gute Sache" durchs Land. Ihr Alltag bestand aus weit mehr Aufgaben als der des tollkühnen Kriegers.

"My home is my castle"

Der Ritter und seine Burg – diese Begriffe scheinen untrennbar verbunden. Dabei konnten sich viele einfache Ritter als Behausung nur ein Steinhaus im Dorf leisten. Und selbst die Höherrangigen, die es auf eine Burg schafften, lebten dort großteils nicht als Burgherren, sondern als deren Angestellte.

Der Alltag auf einer solchen Burg war weit weniger romantisch, als es aus heutiger verklärter Sicht erscheinen mag. Spärlich möbliert waren Wohn- und Schlafräume, vollgestopft mit Kriegsgerät die engen dunklen Kammern neben den Stallungen – dienten die Burgen doch vornehmlich zu Schutz und Verteidigung ihrer Bewohner.

Wohlige Wärme gab es kaum, das Feuer wurde mit Holz entfacht und wärmte die klammen Kemenaten nur wenig. Höchstens in vornehmeren Burgen trotzten die Bewohner ihren zugigen Räumen durch Holzvertäfelungen, Wand- und Bodenteppiche ein behaglicheres Wohnklima ab.

Wohl fühlten sich darin auch ungebetene Gäste: Ratten huschten über die Burgböden, Läuse machten sich auf den Köpfen der Bewohner breit. Unheil in Form von herabfallendem Ungeziefer drohte von oben, wovor der Betthimmel Schutz bot.

Zwar waren die damaligen hygienischen Verhältnisse dürftig, doch besaßen immerhin einige Burgen des Spätmittelalters Badestuben, in denen große Bottiche zum Bad einluden. Das nötige Warmwasser erhitzte man in Kesseln über offenem Feuer – auf offener Feuerstelle erfolgte auch die Zubereitung der Speisen in der Burgküche.

Mittelalterliche Burgküche

Mittelalterliche Küche

Die Ernährung

Ein Mahl "nach Art der alten Rittersleut’" – wer denkt da nicht an üppige Tafeln, die sich unter deftigen Speisen biegen?

Die Wirklichkeit sah meist anders aus: Zwar verzehrten die Ritter deutlich mehr Fleisch als einfache Leute, meist Rind, Schwein oder Wild, doch war für alle das Getreide das wichtigste Grundnahrungsmittel. Frischkost hingegen war nur wenig angesagt.

Weizen, Dinkel und Hirse kamen als Brot oder Brei auf den Tisch, Fladenbrot aus Roggen- oder Hafermehl diente für Fleischspeisen sogar oft als Teller. Aus heutiger Sicht bemerkenswert: Je reicher der Ritter, desto heller und somit ärmer an Mineralstoffen sein Brot.

Ähnlich paradox verhielt es sich mit den Süßigkeiten. Vor allem die Höherrangigen leisteten sich Konfekt und süßten auch andere Speisen mit viel Honig, und so waren ihre Zähne, falls überhaupt noch vorhanden, vermehrt von Karies durchlöchert.

Auch Gewürze waren sehr beliebte Zutaten ritterlicher Mahlzeiten. Wie der Honig dienten sie dazu, Geruch und Geschmack des oft verdorbenen Fleisches und Fisches zu übertünchen. Wer seinen Reichtum zur Schau stellen wollte, griff gerne auf teure Gewürze aus fernen Ländern zurück, beispielsweise Safran, Ingwer oder Zimt, und pfefferte sogar des Ritters Lieblingsgetränk, den Wein.

Ölgemälde von Pieter Brueghel: Essen bei einer mittelalterlichen Hochzeit.

Auch auf Festen gab es häufig Brei zu essen

Die Kleidung

Als Statussymbol fungierte auch die ritterliche Garderobe, war doch im Mittelalter den einzelnen Ständen eine bestimmte Art der Bekleidung vorbehalten. Blieben die Kleider der Ritterfrauen über Jahrhunderte hinweg lang, überraschte die mittelalterliche Männermode mehrmals mit wechselnder Länge des ritterlichen Gewands – lange Hosen im heutigen Sinne gab es nicht.

Im 10. Jahrhundert trug der Ritter ein knielanges Kleid. Darunter kam die "bruoch", eine leinene mittellange Unterhose, ähnlich der heutigen Boxershorts. An ihr waren zwei einzelne Hosenbeine befestigt, die Beinlinge.

Als im 11. Jahrhundert die Kleider der Frauen von zunehmender Raffinesse zeugten und schließlich bis zum Boden reichten, wollte der stolze Ritter seinem "weib" in nichts nachstehen: Er hüllte sich ebenfalls in Unterkleider und Röcke, die es mit ihrer Länge gleichfalls bis zum Boden schafften.

Erst im 14. Jahrhundert besannen sich die Recken erneut auf die Vorteile eines kürzeren Kleids. Sie trugen wieder knielang, die Vorderseite des Rocks dabei oft zum Mini gekürzt, damit die schönen ritterlichen Beine besser zur Geltung kamen. Das rief natürlich die Kirche auf den Plan, die diese "Unsitte" sogleich einzudämmen versuchte.

Allseits beliebt zu dieser Zeit war auch die "gugel", ein Mantel mit Kapuze, deren Zipfel manchmal mit einem Glöckchen verziert war.

Während die Bauern einfache Kleidung in gedeckten Tönen zu tragen hatten, pflegten die Ritter ihre kostbaren Stoffe in bunten grellen Farbkombinationen zur Schau zu stellen. Oft waren die Gewänder in einem Stilmix mehrfarbig gemustert oder gestreift – letzter Schrei waren verschiedenfarbige Beinlinge.

Gemälde zweier Ritter in blau-weißen Gewändern, im Hintergrund ein rotes Pferd

Gekleidet, um aufzufallen

Der Alltag

Jenseits aller Eitelkeiten hatte der Ritter in seinem Leben abseits der Kriegsfront alltäglichen Pflichten nachzugehen. So musste er die landwirtschaftliche Arbeit der Bauern überwachen: etwa das Säen, Düngen, Ernten und die Weinlese. Und auch die Rechtsprechung im Namen des Lehnsherrn lag in seinen Händen.

Besonders gerne widmete er seine Zeit der Jagd. Sie diente der Nahrungsbeschaffung, gleichzeitig war sie sein liebstes Vergnügen. Das Erlegen gefährlicher Tiere erlebte er, von klein auf zum Kämpfen erzogen, als Abenteuer, bei dem er Mut und Tapferkeit unter Beweis stellen konnte.

Vor allem für Jungritter eigneten sich zum Erproben ihrer Kriegstechniken die Turniere. Diese Kampfspiele in Rüstung mit Waffen zu Pferde existierten in den drei unterschiedlichen Formen "Buhurt", "Tjost" und "Turnei". Mit etwas Glück fanden die angehenden Ritter schon in ihrem ersten Turnier einen Dienstherrn und damit auch einen Job.

Glanz in den Alltag brachten rauschende Feste nach so manchem Turnier, aber auch zu sonstigen besonderen Anlässen. Nach einem üppigen Mahl vergnügten sich die Gäste mit Musik und Tanz. An den langen Winterabenden entspannte sich der Ritter im Kreise seiner Familie mit allerlei Spielen wie Schach, Blinde Kuh und Hasch mich, bis es im Frühling dann oft wieder hieß: Auf in den Kampf!

Nachgestellte Szene: Zwei Lanzenreiter beim Ritterturnier

Auf Turnieren konnten sich junge Ritter beweisen

Stand: 14.04.2020, 13:25

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