Der letzte Hexenprozess Europas

Historischer Stich eines Hexenprozesses im 19. Jahrhundert

Hexenverfolgung

Der letzte Hexenprozess Europas

Die Zeit der Hexenprozesse ist auf dem europäischen Festland längst passé, als während des Zweiten Weltkriegs in London eine 46-jährige Frau vor Gericht gestellt wird. Die schottische Hausfrau Helen Duncan, Mutter von sechs Kindern, hat sich als Medium und Geisterbeschwörerin einen relativ hohen Bekanntheitsgrad erworben.

Während einer Séance im Januar 1944 plaudert Helen Duncan fatalerweise militärische Geheimnisse aus, von denen sie eigentlich keine Kenntnis haben darf. Der britische Geheimdienst MI5 erfährt von dieser Séance und vermutet ein Leck in seinen Reihen.

Angesichts der bevorstehenden Invasion der Alliierten in der Normandie will die britische Regierung nicht das Risiko eingehen, dass Helen Duncan noch weitere Geheimnisse bekannt machen könnte. Sie muss aus dem Verkehr gezogen werden, man braucht nur noch einen geeigneten Grund.

Diesen finden die Ermittler in einem Anti-Hexereigesetz aus dem Jahre 1735, das noch immer in Kraft ist. Der sogenannte "Witchcraft Act" kommt ihnen sehr gelegen, erklärt er doch denjenigen für schuldig, der versucht die Geister der Toten zu erwecken. Genau dies hat Helen Duncan bei ihren Séancen versucht.

Sie wird unter Anklage gestellt und tatsächlich zu einer neunmonatigen Freiheitsstrafe verurteilt, die sie vollständig verbüßen muss. Als sie wieder auf freiem Fuß ist, ist der Zweite Weltkrieg vorbei. Erst sechs Jahre später, 1951, wird das Gesetz von Winston Churchill abgeschafft.

Winston Churchill mit braunem Wintermantel, schwarzem Hut und einer Zigarre im Mund.

Winston Churchill schafft den "Witchcraft Act" ab

Hexenglaube in der Dritten Welt

Dieser Prozess bildet im Europa des 20. Jahrhunderts eine Ausnahme, die Hintergründe der Verurteilung haben zudem nichts mit Magie und Aberglaube zu tun. In vielen Regionen der Dritten Welt spielt der Glaube an Hexen, Dämonen und Magie aber immer noch eine große Rolle. Dies hat in den vergangenen Jahrzehnten in verschiedenen Ländern immer wieder zu regelrechten Hexenpaniken und -jagden geführt.

Seit der Unabhängigkeit Indiens im Jahre 1947 sollen allein an der Westküste des Subkontinents Tausende Menschen Opfer von Hexenjagden geworden sein.

Im westafrikanischen Benin wurden 1975 von der Bevölkerung Hunderte alte Frauen, die angeblich für eine Tetanusepidemie verantwortlich waren, verfolgt und getötet. Die Regierung des Landes startete nicht wie erwartet eine groß angelegte Impfaktion, sondern schürte die Ängste der Bevölkerung noch, indem sie Geständnisse von vermeintlichen Hexen per Radio übertrug.

Auch in Tansania wurden seit 1970 Tausende Hexenmorde stillschweigend vom Staat geduldet und teilweise sogar gedeckt. Erst 1988 setzte die Regierung eine Sonderkommission ein, die zur Bestrafung einiger Politiker, die maßgeblich an den Verfolgungen beteiligt waren, führte. Und selbst 1996 wurden in der Nordprovinz Südafrikas noch 300 Hexen vor lokale Tribunale gestellt und hingerichtet.

Auch in den westlichen Gesellschaften glauben noch viele Menschen an die Existenz von Teufeln, Dämonen und Hexen. Zwar nimmt dieser Glaube nicht mehr die Ausmaße regelrechter Massenpaniken an, dennoch äußert er sich manchmal auf recht skurrile Weise.

In der Tagespresse liest man zuweilen von Menschen, die verhext wurden oder andere verhext haben. Auch okkulte Zirkel und Satanssekten gibt es nach wie vor. Der Glaube an Hexen und ähnliche Wesen des Bösen ist also noch gegenwärtig, auch wenn sich weltliche Gerichte damit seit längerem nicht mehr befassen.

Autor: Tobias Aufmkolk

Stand: 23.04.2018, 13:38

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