Hexenkult im Dritten Reich

Viele Nationalsozialisten stehen auf einer Wiese und schwenken große Hakenkreuzfahnen.

Hexenverfolgung

Hexenkult im Dritten Reich

Die Propaganda-Maschinerie des Nationalsozialismus kam auf manche absurde Idee um die Ideologie des Regimes zu untermauern. So wurden auch die Hexenverfolgungen auf deutschem Boden ideologisch missbraucht, um das Juden- wie das Christentum zu diffamieren. Federführend hierbei war SS-Reichsführer Heinrich Himmler, der esoterischen Zirkeln und altgermanischen Mythen zugeneigt war.


Ideologische Vorboten

Mit dem aufkommenden Nationalbewusstsein gegen Ende des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts machen sich zusehends mehr Theoretiker aus nationalistischen Kreisen Gedanken um die urgermanischen Wurzeln Deutschlands: Ihrer Meinung nach sind die Ursprünge des Germanentums während des Mittelalters und der frühen Neuzeit massiv von der katholischen Kirche und vom Judentum unterdrückt worden. Ins Blickfeld gerät dabei auch verstärkt die Figur der Hexe, die als Inbegriff der germanischen Priesterin verklärt wird.

Die Philosophin Mathilde Ludendorff, Ehefrau des preußischen Generals Erich Ludendorff, macht Anfang der 1930er Jahre als erste das Thema der Hexenverfolgungen zum Bestandteil völkischer Propaganda. Das Christentum trage für die Verfolgung deutscher Frauen die alleinige Verantwortung. Sie macht zudem die frei erfundene, viel zu hoch gegriffene Zahl von neun Millionen Opfern publik, die seit geraumer Zeit in wissenschaftlichen Kreisen diskutiert wird.

Zusammen mit ihrem Mann will sie eine neue, antichristliche und deutschgläubige Religion gründen, die sich an den vermeintlichen Kulten der germanischen Hexen orientieren soll. Adolf Hitler hat kein Interesse an diesen Plänen, andere bedeutende Größen des Nationalsozialismus greifen die Ideen jedoch begierig auf.

Schwarzweiß-Foto von Mathilde Ludendorff während eines Prozesses 1951

Mathilde Ludendorff wollte eine germanische Religion gründen

Die treibende Kraft

Das größte Interesse an den Hexenverfolgungen hat der Chef der Schutzstaffel (SS) Heinrich Himmler. Von Beginn der nationalsozialistischen Herrschaft an ist Himmler ein großer Freund okkulter Feierlichkeiten und pseudogermanischer Brauchtumspflege. Er ist stets auf der Suche nach altgermanischen Wurzeln, kombiniert wahllos germanische Symbole und romantisiert historische Ereignisse und Personen. Bei offiziellen Feiern lässt er rituelle Hexentänze vorführen.

Seine Vorliebe für die frühneuzeitliche Verfolgung der Hexen ist in seiner eigenen Familiengeschichte zu suchen. Eine Urahnin von ihm sei einst im Rahmen der Verfolgungen gefoltert und auf dem Scheiterhaufen verbrannt worden. Himmler betrachtet die Hexenprozesse als Verbrechen am deutschen Volk. Schuldig daran sei die katholische Kirche gewesen, die altgermanisches Erbe vernichten wollte.

Zudem vermutet er, wie bei fast allen vermeintlichen Verbrechen am deutschen Volk, eine jüdische Verschwörung als Hintergrund. Das Thema fasziniert Himmler so sehr, dass er es schon bald nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten in großem Stil erforschen lässt.

Schwarzweiß-Porträtfoto von Heinrich Himmler mit Nickelbrille, schmalem Schnurrbart und SS-Uniform.

Himmler war von den Hexen fasziniert

Himmlers Hexenkartothek

Bereits 1935 wird auf Betreiben von Heinrich Himmler innerhalb des Sicherheitsdienstes der sogenannte H-Sonderauftrag (Hexen-Sonderauftrag) eingerichtet. Die Geschichte der frühneuzeitlichen Hexenverfolgung soll wissenschaftlich aufgearbeitet werden. Das Projekt ist einer von vielen Versuchen die politische Macht ideologisch zu untermauern.

Die Ziele sind von Beginn an klar vorgegeben: Es soll möglichst viel Material gesammelt werden, um die antikirchliche und antijüdische Propaganda zu unterstützen. Des Weiteren sollen die Überreste einer heidnischen, altgermanischen Volkskultur und -religion gefunden werden.

Bis 1944 suchen 14 hauptamtliche Mitarbeiter systematisch in mehr als 260 Archiven und Bibliotheken des gesamten deutschen Reiches nach Akten über Hexenprozesse. Die Ergebnisse werden auf etwa 33.000 DIN A4-Karteiblättern festgehalten, die heute unter dem Namen "Hexenkartothek" bekannt sind.

Jedes Blatt enthält 37 vorgedruckte Felder, in die unter anderem detaillierte Angaben zur Person des Opfers, zu den Verfolgern und zum Prozessverlauf eingetragen werden. Die Karteiblätter sind nach Ortsnamen in Mappen zusammengeheftet und alphabetisch geordnet.

Insgesamt sind so 3621 Ortschaftsmappen zusammengestellt worden. Angesichts der Größe des Projektes und der relativ geringen Mitarbeiterzahl ist die wissenschaftliche Auswertung rasch zum Scheitern verurteilt. Die Arbeit des H-Sonderauftrags kommt über das Stadium der Materialsammlung nicht hinaus. Eine nennenswerte Auswertung findet nicht statt: Mit dem Ende des Zweiten Weltkrieges stirbt auch das Projekt.

Heutiger Nutzen

Nach dem Zweiten Weltkrieg gelangt die Hexenkartothek auf verschlungenen Pfaden nach Polen. Heute wird das gesamte Material im Woidwodschaftsarchiv der Stadt Poznan (Posen) aufbewahrt. Erst Anfang der 1980er Jahre werden die bis dahin verschollenen Karteiblätter in Deutschland wieder bekannt.

Für die moderne Geschichtsforschung sind die Dokumente von unterschiedlichem Nutzen. Historiker, die sich mit dem Dritten Reich beschäftigen, finden eine einzigartige Sammlung vor, die den ideologischen Wahn der Nationalsozialisten eindrucksvoll belegt.

Für die Hexenforschung sind die Karteiblätter von geringerem Wert. Das liegt zum einen an der teilweise recht schlampigen Arbeit der SS-Leute, zum anderen an der wohl oftmals geringen Qualifikation der damaligen Forscher.

So sind die Karteiblätter aufgrund mangelnder wissenschaftlicher Methodik von sehr unterschiedlicher Qualität. Nur in den Regionen, wo höher qualifizierte Mitarbeiter am Werk waren, ist das Material für die regionalwissenschaftliche Forschung von Bedeutung.

Als statistische Schätzwerte über die Anzahl frühneuzeitlicher Hexenprozesse auf deutschem Gebiet sind die Daten dennoch von großem Wert. Die SS-Forscher haben zumindest quantitativ sehr gut gearbeitet. Ihnen standen zur damaligen Zeit noch Quellen zur Verfügung, die heute längst zerstört sind.

Ungewollt haben die Nationalsozialisten damit auch ihre eigene These widerlegt, dass neun Millionen Hexen im Laufe der frühneuzeitlichen Verfolgung auf dem Scheiterhaufen gestorben seien.

Autor: Tobias Aufmkolk

Weiterführende Infos

Stand: 23.04.2018, 13:42

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