Mann-Verfilmungen

Historisch kostümierte Leute am Strand, in der Mitte eine lockige blonde Dame, die mit dem Opernglas entrüstet ein Geschehen in der Ferne verfolgt.

Thomas Mann

Mann-Verfilmungen

Von Kerstin Hilt

In Thomas Manns Roman "Der Zauberberg" gibt es eine bekannte Episode, in der das Kino mehr oder minder als größter Stumpfsinn unter der Sonne angeprangert wird. War Thomas Mann Kino-Hasser? Mitnichten! Im Exil in den USA soll er sich sogar als Drehbuchschreiber versucht haben – allerdings erfolglos. Und Walt Disneys Rührstück "Bambi" hat er sich sogar zweimal im Kino angesehen. Nur den Verfilmungen der eigenen Werke begegnete er meistens mit Skepsis.

"Der Tod in Venedig" (1971)

Die erste Einstellung des Films vermittelt eine Ruhe, als bliebe der Hauptperson noch alle Zeit der Welt. Langsam löst sich ein Schiff aus blau-schwarzer Ferne und treibt auf die verwunschene Silhouette Venedigs zu.

Dabei ist Gustav von Aschenbach, Passagier des Schiffs und Held des Films, zum Sterben nach Venedig gekommen – freilich ohne dass er das selbst schon weiß. Ausspannen will der berühmte Komponist, seiner Schaffenskrise entkommen, neue Kraft schöpfen.

In der Halle seines Hotels bleibt sein Blick an dem schönen Knaben Tadzio hängen – engelsgleich, mit blonden Locken und scheuer Miene, verzaubert Tadzio Aschenbach mit seiner bloßen Anwesenheit. Selbst als in der Stadt die Cholera ausbricht, kann er sich nicht aus dem Bann des Jungen lösen – er folgt ihm ein letztes Mal an den Strand und bricht dort tot zusammen.

Luchino Visconti (1906 bis 1976), unter den italienischen Regisseuren einer der ganz Großen, ist mit "Tod in Venedig" eine Seltenheit gelungen: eine Literaturverfilmung, die mit einem Minimum an Text auskommt.

Schwarzweiß-Foto: Luchino Visconti bespricht sich mit Schauspielerin

Regisseur Visconti während der Dreharbeiten

Was Thomas Mann in der Novelle so treffend und wortreich beschreibt – Aschenbachs Weltekel, seine Unfähigkeit, dem Leben anders gegenüberzutreten als in der distanzierten Rolle des Zuschauers –, übersetzt Visconti in genau komponierte Bildsequenzen voller Symbolik. Die Menschen bewegen sich in seinem Film wie unter Glas: alle ein bisschen gebremst, alle halb gelähmt – so träge, wie auch Aschenbachs umschatteter Blick in die Welt schaut.

In einem Punkt weicht Visconti allerdings von Thomas Manns Vorlage ab: Aschenbach ist Komponist, nicht Schriftsteller. Begründet hat Visconti das ebenso eigenwillig wie schlüssig: Thomas Mann habe ihm bei einem Treffen kurz vor seinem Tod gestanden, dass er eigentlich den Komponisten Gustav Mahler habe porträtieren wollen, wegen des möglichen Skandals das aber letztlich verworfen habe.

Ob das nun stimmt oder nicht – Viscontis Lesart hat jedenfalls ihren ganz eigenen Charme: Hat sie ihn doch dazu inspiriert, für seinen Film die fast überirdisch schöne 5. Sinfonie Mahlers zu verwenden. Eine Literaturverfilmung, die es schafft, den Zauber des Originals zu wahren – gerade weil sie sich ganz auf die Mittel des Films verlässt.

Schwarzweiß-Foto: Venezianischer Seitenkanal, links und rechts schmucklose Häuser

So sah Venedig zu Thomas Manns Zeiten aus

"Mario und der Zauberer" (1994)

Für seine Premiere als Filmregisseur hat sich Klaus Maria Brandauer die wohl politischste Erzählung von Thomas Mann vorgenommen. Dabei beginnt sie eher wie eine unbeschwerte Feriengeschichte.

Ende der 1920er Jahre trifft der deutsche Schriftsteller Fuhrmann mit seiner Familie im italienischen Seebad Torre di Venere ein – man war schon öfter hier und freut sich auf ein paar erholsame Wochen. Bald jedoch werden sie als Ausländer benachteiligt und geschnitten: Der Oberkellner ignoriert die Fuhrmanns, wenig später müssen sie unter Vorwänden in ein schlechteres Zimmer umziehen.

Schon zu Thomas Manns Zeiten hat man die Erzählung als einen Kommentar zum heraufdämmernden Faschismus gelesen. Die weitere Handlung bestätigt das: Bei einer abendlichen Vorstellung des Zauberers Cipolla, der Menschen hypnotisiert und sie so willenlos macht, kommt es zur Katastrophe – eine Parabel auf die Verführbarkeit der Massen.

Die Beklemmung, die einen dabei beschleicht, kann man beim Zuschauen fast körperlich spüren. Das ist vor allem das Verdienst von Klaus Maria Brandauer. Er führt nicht nur Regie, sondern spielt auch den Zauberer Cipolla – und das auf seine unnachahmlich Brandauersche Weise: sehr eindringlich, gar nicht mit großer Geste, dafür mit ungeheurer Präsenz.

Da ist es dann auch zu verschmerzen, dass der Rest des Films eher konventionell daherkommt: Routiniert ausgestattet und gedreht, bleibt er ein Kinoerlebnis ohne wirkliche Überraschungen. Ein Film, der sich wegen des Schauspielers Brandauer lohnt – nicht wegen des Regisseurs.

Porträt von Klaus-Maria Brandauer

Klaus-Maria Brandauer inszenierte "Mario und der Zauberer"

"Buddenbrooks – ein Geschäft von einiger Größe" (2008)

Anders als bei den anderen beiden Filmen hat man es bei den "Buddenbrooks" nicht mit einer überschaubaren Vorlage in Novellenlänge zu tun, sondern mit einer Handlung, die sich über mehr als 40 Jahre erstreckt.

Die ehrwürdige Patrizierfamilie Buddenbrook geht an der eigenen Feinsinnigkeit zugrunde: Zunehmend fasziniert von Kunst, Musik und tiefsinnigen Gedanken, kommt ihr der Geschäftsinstinkt abhanden. Am Ende muss sie bedenkenlosen Aufsteigern Platz machen.

Trotzdem scheint die Länge des 1000-Seiten-Romans keineswegs abzuschrecken: Bereits 24 Regisseure haben sich an dem Stoff versucht. Die insgesamt vier deutschen Umsetzungen könnten dabei unterschiedlicher nicht sein. 1923, noch zu Stummfilmzeiten, ist die Handlung in die Gegenwart verlegt und glänzt sogar mit einem Happy End.

Die Fassung von 1959 weidet sich vor allem an üppigen Dekors und teuren Kostümen – in Wirtschaftswunderzeiten passt die Verfallsgeschichte einfach nicht ins Bild.

Szene aus dem Film "Die Buddenbrooks" von 1959

Der Film von 1959 fällt durch seine üppige Ausstattung auf

1979 schließlich wagt sich der Hessische Rundfunk an eine elfteilige TV-Serie. Die bisher werkgetreueste Umsetzung wird von der Kritik zwar als sterbenslangweilig gescholten, fährt aber überraschend gute Quoten ein.

Für die vierte und jüngste deutsche Verfilmung hat Regisseur Heinrich Breloer Gernot Roll als Kameramann verpflichtet. Roll hatte bereits an der Buddenbrooks-Serie von 1979 mitgearbeitet, nur macht er beim zweiten Mal – und das ist das große Glück des Films – alles anders. Damals ging es eher statisch zu: Die Szenen glichen sorgsam eingerichteten Gemälden. Die Kamera filmte alles brav ab und blieb damit gleichsam außen vor.

In der Verfilmung von 2008 ist sie mittendrin und macht so den Zuschauer zum Teil des Geschehens – etwa in der Szene, in der Konsul Jean Buddenbrook bei einem Streit mit seinem Schwiegersohn Bendix Grünlich einsehen muss, dass er seine Tochter Tony an einen Betrüger verheiratet hat.

Im Moment von Jeans Erkenntnis fährt die Kamera blitzschnell an die Warze auf Grünlichs Oberlippe heran – jene Warze, die Tony immer schon als Grund für ihre tiefe Abneigung gegenüber Grünlich ins Feld geführt hat. In diesem Moment wird das kleine Detail auch für Jean zum Symbol für die Verworfenheit seines Schwiegersohns.

Regisseur Heinrich Breloer mit kostümierten Schauspielern am Filmset.

"Ein Geschäft von einiger Größe": Breloer am Set

Solch wunderbare Szenen gibt es viele in dem Film. Ihm fehlt aber die Ruhe, sich wirklich auf Handlung und Charaktere einzulassen. Manche Dialoge verlangen geradezu nach ein bisschen Bedenkzeit – zum Beispiel, als der junge Thomas seine Lehrjahre in Amsterdam verbringt:

Van Kellen: "Sie werden sehen: je größer der Markt, desto größer die Chancen. Das Geld will sich vermehren!"

Thomas: "Wie Sie das sagen. Als ob es lebendig wär', das Geld!"

Aber der Film hetzt weiter von Szene zu Szene, ein bisschen auch in dem verzweifelten Versuch befangen, möglichst nah an der Romanvorlage zu bleiben und ja nichts auszulassen. Gerne hätte man ihm da so viel Sendezeit gewünscht wie der Serie von 1979.

Weiterführende Infos

Stand: 18.02.2019, 11:55

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