Ärzte am Krankenhausbett eines älteren Mannes.

Geriatrie

Geriatrisches Netzwerk

Bei der hausärztlichen Weiterversorgung älterer Patienten nach einem Krankenhausaufenthalt treten nicht selten Komplikationen auf. Denn dem Hausarzt fehlen oft wichtige Informationen über die erfolgte stationäre Behandlung. Das führt dazu, dass Patienten nach kurzer Zeit erneut ins Krankenhaus müssen. Mit dem Pilotprojekt "Geriatrisches Netzwerk" will die Unimedizin Mainz den Informationsaustausch zwischen geriatrischen Kliniken und Hausärzten verbessern.

Ein betagter Mensch wird aus einer geriatrischen Klinik entlassen. Der Hausarzt nimmt die Weiterbehandlung auf. Die einzigen Informationen, die ihm dafür zur Verfügung stehen, entnimmt er dem Arztbrief, den der Patient bei seiner Entlassung bekommen hat. Damit muss der Hausarzt arbeiten. Denn für Rückfragen ist der behandelnde Krankenhausarzt nur schwer zu erreichen.

Verordnet der Hausarzt dem älteren Patienten nun also – ohne es zu wissen – ein Medikament, das der nicht verträgt, verschlechtert sich dessen Gesundheitszustand. Sehr häufig sogar so stark, dass der Patient nach relativ kurzer Zeit wieder in eine Klinik eingewiesen werden muss.

Die Statistik zeigt, dass 71 Prozent der betagten Patienten in Deutschland von diesem Drehtüreffekt betroffen sind. Das bedeutet zum einen Stress für den älteren Menschen, der wieder sein vertrautes Zuhause gegen ein Klinikzimmer tauschen muss. Zum anderen kommen erneut Kosten auf die Krankenkassen zu.

Bessere Kommunikation als Schlüssel zum Erfolg

Mit dem 2018 gestarteten Pilotprojekt der Mainzer Unimedizin sollen zukünftig die Strapazen für Patienten verringert und das Budget der Krankenkassen geschont werden.

Die Testphase für das "Geriatrische Netzwerk" (GerNe) ist auf drei Jahre angelegt. In diesem Zeitraum soll die Annahme belegt werden, dass sich die Zahl der wiederholten Krankenhauseinweisungen älterer Patienten deutlich verringern lässt.

Der Schlüssel zum Erfolg wird dabei in einer verbesserten Kommunikationsform zwischen geriatrischen Kliniken und niedergelassenen Hausärzten vermutet. Um das zu überprüfen, nehmen etwa fünfzig Mainzer Hausärzte teil.

Herzstück des Geriatrischen Netzwerks ist die elektronische Patientenakte. Die ist allerdings nicht zu verwechseln mit der elektronischen Krankenversicherungskarte.

Geriatrisches Netzwerk

Planet Wissen 23.03.2022 02:29 Min. UT Verfügbar bis 29.09.2026 SWR

Die elektronische Patientenakte wird in der geriatrischen Klinik angelegt und existiert ausschließlich virtuell. Darin festgehalten sind alle behandlungsrelevanten Informationen über den älteren Patienten, zum Beispiel sämtliche Untersuchungsbefunde, Röntgenbilder und – besonders wichtig – ein Medikationsplan.

Weiterhin gibt die elektronische Patientenakte Auskunft über den Grad der Selbstständigkeit des Patienten und darüber, wie viel Hilfe er zum Beispiel beim Essen und Trinken benötigt, bei der Toilettenbenutzung oder beim Gehen und Stehen. Ebenfalls digital erfasst sind die Empfehlungen der Klinik für die Weiterbehandlung durch den Hausarzt.

Einblick in die digitale Fallakte per Internet

Der Hausarzt kann in seiner Praxis mit einem Passwort Einblick in die elektronische Patientenakte nehmen. Dazu ist keine spezielle Soft- oder Hardware nötig. Ein Internetzugang genügt. Ab dem Zeitpunkt der Entlassung des älteren Patienten gehört es dann zu den Aufgaben des Hausarztes, die digitale Fallakte weiterzuführen.

Über ein Jahr lang soll er neben dem Gesamtzustand seines Patienten hier beispielsweise eintragen, welche Behandlungsmethoden zur Anwendung kommen und ob er die Medikation verändert hat.

In der Klinik wiederum werden die hausärztlichen Eintragungen von einem Geriater und einem Krankenhausapotheker ausgewertet. Daraufhin bekommt der Hausarzt dann gegebenenfalls einen Vorschlag für ein weiteres mögliches Vorgehen. Hat er dazu Rückfragen, kann er sie in die elektronische Akte eintragen oder auch telefonisch stellen.

Damit ist die Kommunikation zwischen Klinik und Hausarzt keine Einbahnstraße mehr. Ein direkter und präziser Informationsaustausch ist in beide Richtungen möglich.

Die Zahl der Geriatrie-Patienten wächst weiter

Das Modellprojekt "Geriatrisches Netzwerk" der Unimedizin Mainz wird mit etwa vier Millionen Euro vom Innovationsfond des "Gemeinsamen Bundesausschusses" (GBA) unterstützt. Stellt es sich als erfolgreich heraus, soll die elektronische Patientenakte bundesweit in die Regelversorgung eingehen.

Das wäre ein wichtiger Schritt in eine richtige Richtung, wenn man die demografische Entwicklung bedenkt. Denn immer mehr Patienten werden immer älter und sind mehrfacherkrankt. Dem Bundesverband Geriatrie zufolge soll die Zahl der geriatrisch zu behandelnden Patienten in den nächsten knapp zehn Jahren um 33 Prozent ansteigen.

Stand: 28.01.2020, 18:00 Uhr

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