Interview mit Dr. Jörg Celesnik: "Adipositas ist eine ernsthafte Erkrankung"

Portraitaufnahme von  Dr. Jörg Celesnik.

Adipositas

Interview mit Dr. Jörg Celesnik: "Adipositas ist eine ernsthafte Erkrankung"

Von Barbara Garde

Jeder vierte Deutsche gilt als fettleibig. Wenn alle anderen Möglichkeiten ausgeschöpft sind, ist die Adipositas-Operation die letzte Chance, um gefährliche Folgeerkrankungen aufzuhalten. Keine leichte Entscheidung, denn die OP ändert das gesamte Leben.

Planet Wissen: Sie sind leitender Arzt am Knappschaftskrankenhaus, Bottrop. Was sind das für Menschen, die zu Ihnen ins Adipositaszentrum kommen?

Dr. Jörg Celesnik: Die Patienten haben sich lange und intensiv mit ihrem Problem der Adipositas auseinandergesetzt und schließlich festgestellt, dass schlussendlich eine relevante Gewichtsreduktion nicht funktioniert. Mehr noch: Zumeist findet sich in den letzten Jahren eine stetige Gewichtszunahme, und weitere mit dem Übergewicht vergesellschaftete Erkrankungen sind oft bereits hinzugekommen. Viele Patienten kommen leider erst sehr spät: Wir haben bei uns im Zentrum einen Durchschnitts-BMI von 50.

Was erwartet die Patienten im Adipositaszentrum?

Wir versuchen zunächst, uns einen umfassenden Eindruck über den individuellen Gesundheitszustand der Patienten zu machen, und nicht zuletzt auch mögliche bisher unerkannte Erkrankungen abzuklären. Eine endokrinologische Abklärung und eine psychologische Begutachtung gehören immer dazu.

Dann schleusen wir die Patienten in ein sogenanntes Multimodales Konzept ein, um beispielsweise durch konsequente Umstellung der Nahrungsgewohnheiten unter professioneller Unterstützung durch unsere Ernährungsberater und Intensivierung sportlicher Betätigung entweder einen Erfolg in der Gewichtsabnahme zu erzielen oder aber die Patienten auf eine Operation vorzubereiten.  Ab einem BMI von 40 hat man eigentlich keine Chance mehr, durch eine reine Umstellung der Ernährung und Steigerung der Bewegung abzunehmen. Bis zur Operation ist es trotzdem immer noch ein langer Weg.

Gibt es Patienten, bei denen Sie ahnen: Da bringt auch eine Operation nichts?

Es gibt durchaus Patienten, die kommen und sagen: Ich bin viel zu übergewichtig und möchte schnell abnehmen. Operieren Sie mich, dann ist alles gut. Das ist absolut der falsche Weg. Die Operation kann nur funktionieren, wenn die Patienten mitarbeiten. Und ganz wichtig: Manche haben die völlig falsche Vorstellung, dass man nach der OP sein altes Leben ohne Umstellung der alten Gewohnheiten und des Ernährungsstils fortführen kann. Das kann nicht funktionieren. Wir können operieren, beraten und begleiten. Sein Leben so zu führen, dass die verlorenen Kilos nicht zurückkommen, muss der Patient allein hinbekommen.

Für wen ist eine Adipositas Operation sinnvoll?

Patienten mit Nebenerkrankungen ab einem BMI von 35 können eine solche Operation in Anspruch nehmen, wenn alle konservativen Maßnahmen zur Gewichtsabnahme gescheitert sind. Etwa 200 Nebenerkrankungen sind da relevant, zum Beispiel Diabetes, Bluthochdruck, Fettleber und viele andere. Ohne Nebenerkrankungen können Patienten mit einem BMI von über 40 operiert werden. Vor der Operation müssen alle konservativen Möglichkeiten im Sinne eines "multimodalen Konzeptes" zur Behandlung der Adipositas durchlaufen werden. Kein Patient wird hier operiert, ohne dass er vorher intensiv versucht hat, das Gewicht auf andere Weise in den Griff zu bekommen und intensiv auf die Zeit nach der Operation vorbereitet wurde. Festgelegt wurde das in einer Leitlinie, die verschiedene medizinische Fachgesellschaften zusammen erstellt haben.

Was passiert bei der Operation?

Es gibt zwei Standard-Operationsverfahren, die weltweit am häufigsten angewendet werden: einmal die Schlauchmagen-Operation. Dabei wird der Magen verkleinert, dass noch etwa 110 Milliliter Volumen verbleiben. Das ist etwa so viel wie ein halber Joghurtbecher fasst. Dadurch kann zum einen weniger Nahrung aufgenommen werden. Zum anderen kommen zahlreiche Effekte auf die Ausschüttung von Botenstoffen (Hormonen) im Verdauungstrakt hinzu. So werden beispielweise durch die Entfernung eines Großteiles des Magens auch hormonbildende Zellen entfernt, die unter anderem das Hormon Ghrelin produzieren. Das ist ein Hormon, das Hunger hervorruft, sodass nach der Operation das Hungergefühl zu großen Teilen wegfällt.

Magen-Verkleinerung Planet Wissen 13.09.2021 04:14 Min. Verfügbar bis 13.09.2026 SWR

Die zweite Operationsmethode ist eine Magenbypass-Operation. Dabei wird der Magen auf einen kleinen Restmagen, einen sogenannten Magen-Pouch, verkleinert und an diesen Pouch wird eine Dünndarmschlinge angeschlossen. Dadurch gelangt die Nahrung über die Speiseröhre und den Pouch und dann unter Umgehung des Zwölffingerdarms und oberen Dünndarmanteils direkt in den etwas weiter unten befindlichen Dünndarm. Hierdurch beginnt die Nährstoffaufnahme aus der Nahrung ins Blut deutlich später und fällt geringer aus. Auch die bereits bei der Schlauchmagen -OP erwähnten erheblichen Veränderungen der Hormonausschüttung im Magen-Darm-Trakt kommt hier zum Tragen, was unter anderem auch direkte positive Einflüsse auf den Zucker- und Fettstoffwechsel hat.

Wie hoch ist denn die Gewichtsabnahme durch die OP?

Realistisch sind durchaus 68 bis 80 Prozent des Übergewichts zu verlieren. Ein Mann, der 1,80 Meter groß ist und 180 Kilo wiegt, hat etwa 100 Kilo Übergewicht. Dieser Patient könnte nach einer Operation bei 100 bis 120 Kilo Körpergewicht landen. Das Normalgewicht oder gar Idealgewicht erreichen die wenigsten. Natürlich gibt es auch Patienten, die ihr Gewicht tatsächlich halbieren, aber das Idealgewicht ist auch gar nicht das Ziel der Operation. Bleiben wir bei dem Beispiel des 180-Kilo-Manns. Er hat vor der OP einen BMI von etwa 55, an Nebenerkrankungen beispielweise einen Diabetes, spritzt Insulin, nimmt fünf verschiedene Bluthochdruck-Medikamente, und vielleicht noch einige andere Probleme im Muskel-Skelett-System, hat vielleicht noch ein kaputtes Knie. Wenn er durch eine Operation innerhalb von einem bis eineinhalb Jahren 60 bis 80 Kilo abnimmt, ist das ein Riesenerfolg, denn jetzt ist der Diabetes deutlich gebessert, vielleicht sogar weg und der Blutdruck ebenfalls viel besser, er kann sich schon ein paar Wochen deutlich besser bewegen und hat einen unglaublichen Zugewinn an Lebensqualität. Nach etwa 1,5 Jahren erreichen die meisten Patienten erfahrungsgemäß ein gewisses Plateau, nehmen dann vielleicht noch zwei, drei Kilo zu und dann stabilisiert sich das Gewicht.

Können die Patienten das erreichte Gewicht dann auch halten?

Im Langzeitverlauf sind wir so bei 50 bis 70 Prozent operierter Patienten mit dauerhaftem Erfolg. Und dabei geht es ja nicht nur um Gewichtsreduktion, sondern um die Kontrolle der relevanten Nebenerkrankungen, des Diabetes, des Bluthochdrucks, der Fettleber …

Eine wichtige Rolle spielt die Nachsorge in unserem Adipositaszentrum. Wir bieten eine lebenslange Kontrolle an: In den ersten beiden Jahren kommen die Patienten wirklich gut und verlässlich. Nach zwei Jahren sind wir bei einer Nachsorgequote von über 90 Prozent. Dann ist es so, dass der Elan bei vielen operierten Patienten nachlässt und viele erst dann wieder kommen, wenn es Probleme gibt, oder wir sehen den ein oder anderen Patienten erst nach sechs oder mehr Jahren wieder, wenn er wieder viel zugenommen hat. Hier hätten wir dann gemeinsam viel früher gegensteuern können.

Wie wirkt sich die Operation auf die Entwicklung dieser Begleiterkrankungen aus?

Sehr deutlich sieht man das, wenn es um Diabetes Typ 2 geht: Wir haben hier wirklich die Möglichkeit, mit einer Operation Diabetes zu heilen. Stellen Sie sich vor: BMI über 40 – ein Patient entwickelt einen Diabetes. Dann arbeitet man erst mit Diäten und Nahrungsumstellung, man fängt an mit Metformin und den ganzen anderen Medikamenten, letztlich gibt man Insulin. Das zieht sich über Jahre hin: Folgeerkrankungen treten auf – Sehverlust, Durchblutungs- und Nervenstörungen …  Man hat aber die Möglichkeit durch eine der oben genannten Operationen innerhalb von zwei Jahren nach Feststellung des Diabetes eine nahezu 100 Prozent Heilungsrate zu erzielen. Heilung – nicht nur Verbesserung. Das ist toll. Aber auch alle anderen mit der Adipositas vergesellschafteten Nebenerkrankungen lassen sich durch eine Operation erheblich verbessern. Das ist mittlerweile wissenschaftlich belegt.

Ganz wichtig ist: Adipositas ist eine chronische, sehr ernst zu nehmende Erkrankung – das ist leider auch bei manchen Ärzten noch nicht richtig angekommen. Ab einem gewissen Grad kann der Patient selbst dagegen gar nichts mehr tun. Statt Hilfe zu bekommen, wird er stigmatisiert. Er braucht dann eine engmaschige Betreuung und immer mal wieder eine Nachjustierung der Behandlung seiner Adipositas, aber vor allem auch rechtzeitig eine Operation!

SWR | Stand: 25.08.2021, 10:00

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