Dick durch Medikamente?

gelbes Maßband neben verschiedenen Pillen und Tabletten.

Adiposas

Dick durch Medikamente?

Von Barbara Garde

Manche Menschen nehmen zu, ohne an ihren Lebensgewohnheiten etwas verändert zu haben. Ursache dafür können Medikamente sein. Denn viele Medikamente haben unbeabsichtigte Nebenwirkungen; dazu kann auch die Gewichtszunahme zählen.

Antibiotika

Antibiotika haben Einfluss auf die Darmflora. Bei häufigem Gebrauch kann es zu Veränderungen kommen, die das Körpergewicht beeinflussen.

Wenn bei einer schweren Erkrankung über einen langen Zeitraum Antibiotika verabreicht werden, nimmt die Konzentration von Darmbakterien ab und das Gewicht steigt. Das fanden französische Wissenschaftler 2014 bei der Behandlung von Q-Fieber-Endokarditis heraus.

Medikamente können dick machen Planet Wissen 13.09.2021 02:47 Min. Verfügbar bis 13.09.2026 SWR

Anti-Diabetika

Viele Menschen mit Diabetes Typ 2 leiden an Übergewicht und möchten abnehmen. Gerade die Insulin-Therapie treibt aber häufig das Gewicht noch in die Höhe. Denn Insulin begünstigt die Einlagerung von Fett und hemmt die Fettverbrennung.

Ähnlich ist es bei Sulfonylharnstoffen, die die Insulinfreisetzung anregen und bei Medikamenten aus der Klasse der Glitazone, die die Insulinwirkung im Körper verbessern sollen. Aber auch sie können die Fettverbrennung hemmen und Wassereinlagerungen fördern und damit das Gewicht in die Höhe treiben.

Aber nicht alle Diabetes-Medikamente fördern das Gewicht: DPP-4-Hemmer, die den Abbau eines Darmhormons verringern, das den Blutzuckerspiegel senkt, haben offenbar keinen Einfluss auf das Gewicht. SGLT-2-Hemmer, die die Zuckerausscheidung über den Urin ankurbeln, GLP-1-Medikamente, die die Zuckeraufspaltung im Darm verhindern und Metformin können sogar einen Gewichtsverlust unterstützen.

Anti-Epileptika

Epileptiker sind oft über viele Jahre auf Medikamente angewiesen. Je nach Medikament kann es hierbei zu Gewichtsverlust oder auch zu Gewichtszunahme kommen. Man vermutet, dass Hormone und eine Beeinflussung des Hypothalamus dazu führen, dass der Appetit und die Kalorienaufnahme steigen.

Person spritzt sich Insulin.

Die Insulin-Therapie bei Diabetes Typ 2 treibt häufig das Gewicht nach oben

Betablocker

Betablocker sind ein erprobtes Mittel gegen Bluthochdruck und Herzprobleme. Sie machen die Rezeptoren am Herzen resistenter gegen körpereigenen Stress und beugen so Schlaganfällen und Herzinfarkten vor. Auch bei Schilddrüsen-Überfunktion, Grünem Star und Migräne werden sie eingesetzt.

Aber sie führen auch bei vielen Menschen zu einem Gewichtsanstieg. Denn sie setzen den Energieumsatz herunter und machen häufig müde. Das Ergebnis: weniger Bewegung und ein Anstieg der Fettdepots.

Gegebenenfalls können Betroffene mit ihrem Arzt oder ihrer Ärztin über eine Verringerung der Dosis sprechen oder sich ein Mittel mit einem anderen Wirkstoff verschreiben lassen, zum Beispiel gefäßerweiternde, Adrenalin senkende ACE-Hemmer oder entwässernde Medikamente wie Diuretika.  

Hormonelle Medikamente

Östrogen, Ghelin, Leptin, Cortisol, Insulin – manche körpereigenen Hormone machen hungrig und finden sich auch in Medikamenten. Insbesondere das Östrogen in der Pille wurde lange verantwortlich für Übergewicht gemacht.

Heute sind die Dosierungen sehr viel niedriger als in früheren Zeiten und die möglichen Gewichtszunahmen sind moderater geworden. Kombipräparate mit Östrogen und dem Schwangerschaftshormon Gestagen können Wassereinlagerungen befördern und stärken das Hungergefühl.

Und sie führen zu einem Abbau der Muskelmasse und verringern so den Energieumsatz. Das fand eine finnische Studie 2018 heraus. Ähnliches gilt für die Hormonersatztherapie für Frauen in den Wechseljahren.

goldfarbene Pillenpackung.

Durch hormonelle Medikamente kann man an Gewicht zulegen

Schilddrüsenmedikamente

Sie können das Gewicht beeinflussen. Die Schilddrüse ist maßgeblich für unseren Energiestoffwechsel verantwortlich. Bei einer Unterfunktion nimmt man in der Regel erst mal zu.

Werden durch Medikamente Schilddrüsenhormone zugeführt, kann dies zu Gewichtsverlust führen. Bei einer Überfunktion führen die verabreichten Medikamente häufig zu einer Gewichtszunahme. Hier können homöopathische Mittel als Begleitmittel eingesetzt werden, um die Gewichtszunahme zu stoppen.

Cortison

Cortison ist ein sehr erfolgreiches Medikament im Kampf gegen Entzündungen und wird unter anderem bei Asthma, rheumatischen Erkrankungen, Tumorbehandlungen und bei Allergien eingesetzt.

Aber Cortison macht hungrig und senkt den Energieverbrauch. Langfristig baut sich unter dem Einfluss von Cortison Muskulatur ab und der Energieumsatz verringert sich. Und es kann zu Ödemen, Wassereinlagerungen, zu geschwollenen Gelenken und aufgedunsenen Gesichtszügen führen.

Das sogenannte Cushing-Syndrom mit einem aufgeschwemmten Vollmondgesicht, einem ausgeprägten Stiernacken und Fettansammlungen am Rumpf wird auf Cortison zurückgeführt. Cortison ist kein Medikament für Langzeit-Einnahmen.

Schmerzmittel

Britische Wissenschaftler der Universität Newcastle haben 2017 einen Zusammenhang zwischen Adipositas und häufig verschriebenen Schmerzmitteln nachgewiesen – so verdoppelt die regelmäßige Einnahme von Schmerzmitteln das Risiko, adipös zu werden.

Die Forschenden führen das auf die dämpfende Wirkung der Mittel und auf Veränderungen der Geschmacksnerven zurück. Wer regelmäßig Schmerzmittel nimmt, isst offenbar gern süß und das macht dick.

Außerdem beeinträchtigen die Schmerzmittel den natürlichen Schlafrhythmus. Wer Schmerzmittel nimmt, schläft oft schlechter. Und schlechter Schlaf befördert Adipositas.

Neuroleptika und Antidepressiva

Wer unter Depressionen oder Wahrnehmungsstörungen leidet, bekommt häufig Antidepressiva oder Neuroleptika verschrieben, die auch als Antipsychotika bezeichnet werden.

Diese Medikamente dämpfen Aggressionen, Erregungszustände und Wahndenken. Aber sie machen häufig auch dick. Studien haben gezeigt, dass Betroffene nach einer Einnahme von Olanzapin über 47 Tage mehr als sieben Prozent ihres Ausgangsgewichts zunahmen – bei einer 80 Kilo schweren Person wären das mehr als fünf Kilo.

Rund 70 Prozent der Neuroleptika-Patienten klagen über einen Gewichtsanstieg. Die Erkrankung ruft häufig Hunger nach Kohlehydraten hervor. Zum anderen wirken Nahrungsmittel – besonders Süßigkeiten – stimmungshebend. Depressive Patienten greifen gern auf Süßes zurück, um sich besser zu fühlen.

Aber die Gewichtszunahme liegt auch an den Substanzen in den Medikamenten. Ihr Ziel ist es, Histamin, Serotonin und muskarinerge Acetylcholin-Rezeptoren im Gehirn zu blockieren. Das macht aber allgemein antriebslos und müde.

Der Energiebedarf verringert sich und die Patienten nehmen zu, obwohl sie nicht mehr essen als früher. Die Hunger- und Sättigungssteuerung wird verändert, bei manchen Präparaten auch der Blutzuckerspiegel.

Einige Medikamente verursachen Mundtrockenheit. Wer dann sehr viel mehr trinkt und dabei zuckerhaltige Getränke bevorzugt, nimmt auch zu.  

Rückenansicht eines sitzenden übergewichtigen Mannes im Anzug.

Gewichtszunahme durch Antidepressiva belastet Depressive zusätzlich

Entgegensteuern kann man der Gewichtszunahme durch ein ergänzendes Medikament wie etwa Metformin. Auch ein Medikamentenwechsel kann helfen, denn nicht jedes Präparat steigert das Gewicht. Und auch der Einnahmezeitpunkt spielt eine Rolle – manche vertragen ihre Medikamente besser, wenn sie sie am Abend statt am Morgen nehmen.

Wer durch die Einnahme von Medikamenten an Gewicht zulegt, sollte mit den behandelnden Ärzten Rücksprache halten. Ein anderes Medikament könnte die Gewichtszunahme stoppen oder ein Zusatzstoff könnte bei der Gewichtszunahme gegensteuern.

Gefährlich kann es sein, Medikamente wegen der Nebenwirkung "Übergewicht" einfach ohne Rücksprache abzusetzen.  

SWR | Stand: 25.08.2021, 11:00

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