Wissensfragen

SW-Bild: Weiblicher Zirkusfakir auf einem Nagelbrett

Chronische Schmerzen

Wissensfragen

Von Jochen Zielke

Kennen Fakire wirklich keinen Schmerz?

Natürlich ist das ein populäres Missverständnis. Fakire können im Gegensatz zu anderen Menschen nur besser mit Schmerzen umgehen. Sie können ihre Schmerzwahrnehmung kontrollieren. Darin liegt das Geheimnis ihrer Kunststücke. Ganz langsam, Stück für Stück, mit täglichem Training erweitern Fakire ihre Schmerztoleranz. Sie lernen, den Schmerz nicht wahrzunehmen und ihre Körperfunktionen zu kontrollieren.

Eine wichtige Rolle spielt das Adrenalin. Vor einem Kunststück oder Auftritt versetzt es den Körper in einen Alarmzustand. Dabei sorgt das Adrenalin auch für die Aktivierung des körpereigenen Schmerzunterdrückungssystems. Wenn Endorphine ausgeschüttet werden (morphinähnliche Substanzen), sind Schmerzen leichter zu ertragen.

Parallel dazu haben Fakire gelernt, sich schnell und sehr tief in solchen Situationen zu entspannen. Dadurch tritt die Schmerzwahrnehmung in den Hintergrund. Entspannungstechniken spielen daher auch in der Therapie von chronischen Schmerzen eine nicht zu unterschätzende Rolle.

Können Säuglinge ein Schmerzgedächtnis entwickeln?

Säuglinge reagieren auf länger anhaltende Schmerzen noch empfindlicher als Erwachsene. Ihr Nervensystem, auch der schmerzunterdrückende Anteil des Systems, entwickelt sich noch nach der Geburt. Insofern sollte man die Reaktionen und Empfindungsäußerungen seiner Sprösslinge immer genau beobachten.

Wer in den ersten Lebenswochen öfter und länger Schmerzen empfindet, wird auch später eine größere Schmerzempfindlichkeit besitzen. Kinder gewöhnen sich genauso wenig an Schmerzen wie Erwachsene, und auch kleine Kinder können bereits ein Schmerzgedächtnis entwickeln, wenn sie zu lange sehr starken Schmerzreizen ausgesetzt sind.

Noch in den 1980er Jahren wurde bei Kindern oft während schmerzintensiver Behandlungen, zum Beispiel Operationen bei Frühgeborenen, auf Schmerzmittel verzichtet.

Ein wichtiges Thema sind in diesem Zusammenhang häufig auftretende Kopfschmerzen bei Kindern. Sie sollten frühzeitig behandelt werden. Das aber niemals in Eigenregie – viele Medikamente für Erwachsene und auch ihre Dosierung dürfen nicht in gleicher Weise bei Kindern angewendet werden.

Nahaufnahme eines schreienden Babys

Das Nervensystem eines Babys ist noch nicht fertig entwickelt

Können Frauen Schmerz besser ertragen?

Forscher haben festgestellt, dass Geschlechtshormone wie Östrogen und Testosteron einen wesentlichen Einfluss auf die Schmerzwahrnehmung haben. Östrogen steigert die Reaktionsfähigkeit und Aktivität des Nervensystems – verstärkt also auch die Weiterleitung schmerzhafter Impulse ins Zentralnervensystem. Testosteron dagegen wirkt eher dämpfend.

Insofern besitzen Männer eine höhere Schmerzschwelle und reagieren später, dafür aber nicht so differenziert auf Schmerzreize wie Frauen. Frauen empfinden früher Schmerz als Männer, können dafür aber Schmerzarten besser unterscheiden.

Frau mit schmerzverzerrtem Gesicht

Frauen können Schmerzen besser differenzieren

Stand: 23.05.2019, 10:30

Darstellung: