"Zeit ist Hirn" – Therapie eines Schlaganfalls

Therapien nach einem Schlaganfall Planet Wissen 18.09.2020 05:10 Min. Verfügbar bis 18.09.2025 WDR

Krankheiten

"Zeit ist Hirn" – Therapie eines Schlaganfalls

Von Thomas Schwarz

Jeder Schlaganfall ist ein medizinischer Notfall. Zunächst geht es darum, das Leben des Patienten zu erhalten und die Durchblutung der betroffenen Hirnregion wiederherzustellen. Danach zielt die Versorgung auf ein weitmöglichstes Wiederherstellen der Körperfunktionen, die durch den Schlaganfall beeinträchtigt sind.

Erste Hilfe beim Schlaganfall

Bei Verdacht auf einen Schlaganfall ist das Wichtigste, die Telefonnummer 112 zu wählen und den Rettungsdienst zu rufen. Bis dieser eintrifft, sollte man den Patienten nicht allein lassen! Wichtig ist es auch, einengende Kleidung zu lockern und den Betroffenen bei Bewusstlosigkeit in die stabile Seitenlage zu bringen, damit die Atemwege frei bleiben. Dazu gehört auch, eine etwaige Zahnprothese zu entfernen.

Ist der Patient bei Bewusstsein, wird er mit erhöhtem Oberkörper auf dem Rücken gelagert, zum Beispiel durch ein Kissen im Rücken.

Überprüft werden sollten Atmung und Herzfrequenz des Patienten. Bei Herz- oder Atemstillstand müssen sofort Wiederbelebungsmaßnahmen eingeleitet werden. Auf keinen Fall sollte man dem Patienten Getränke, Speisen oder Medikamente geben, denn beim Schlaganfall kann auch das Schlucken gestört sein.

Notiert werden sollte auch der Zeitpunkt, zu dem die Symptome aufgetreten sind. Das ist später wichtig für den Notarzt und die Versorgung des Patienten im Krankenhaus.

Zwei Rettungsassistenten liefern eine Notfallpatientin auf einer Trage in ein Krankenhaus ein

Bei einem Schlaganfall zählt jede Sekunde

Akutversorgung des Schlaganfalls

Notarzt und Rettungsdienst kümmern sich nach ihrem Eintreffen um die Erstversorgung des Patienten. Dazu gehört die Sicherstellung von Kreislauf und Atmung. Es werden Blutdruck, Herzfrequenz, Blutzucker und der Sauerstoffgehalt des Blutes gemessen.

Der Patient, seine Angehörigen und weitere anwesende Personen werden zur Krankengeschichte des Patienten, zu Symptomen und Risikofaktoren befragt. Eine erste körperliche Untersuchung gibt Aufschluss über Lähmungen, Bewusstseinsstörungen, Sprachvermögen sowie Sprachverständnis und Gefühlsstörungen.

Falls nötig, erhält der Betroffene Sauerstoff über eine Nasensonde oder eine künstliche Beatmung und einen venösen Zugang, über den Flüssigkeit und Medikamente verabreicht werden können. Anschließend transportiert der Rettungsdienst ihn schnell in ein Krankenhaus – am besten in eine Abteilung, die auf die Versorgung von Schlaganfällen spezialisiert ist ("Stroke Unit").

Gesundheits- und Krankenpfleger auf dem Gang einer Klinik, darüber ein Schild "Stroke Unit"

"Stroke Units" sind spezialisierte Schlaganfallstationen

Dort liefern Blutuntersuchungen, Nerventests und eine Computertomografie erste Anhaltspunkte, welche Hirnregionen vom Schlaganfall betroffen sind.

Außerdem sollte die Frage geklärt werden, ob eine Durchblutungsstörung oder eine Hirnblutung ursächlich für den Schlaganfall ist. Das ist wichtig für die anschließende Therapie.

Mit Hilfe einer speziellen Ultraschalluntersuchung, der Doppler-Sonografie, wird darüber hinaus nach Durchblutungsstörungen gesucht, zum Beispiel im Halsbereich. Ein Elektrokardiogramm (EKG) gibt Aufschluss darüber, ob der Herzrhythmus gestört ist.

Präpariertes Gehirn, aufgeschnitten, Blutung im rechten Bereich

Hier hat ein Schlaganfall zu einer Massenblutung mit Einbruch in die Hirnkammern geführt

Therapie des Schlaganfalls

Wurde der Schlaganfall durch eine Durchblutungsstörung ausgelöst, muss der Blutfluss so schnell wie möglich wiederhergestellt werden. Dazu kann versucht werden, das Blutgerinnsel, das das Blutgefäß verstopft, mit Hilfe von Medikamenten aufzulösen.

Diese sogenannte Lysetherapie kommt zum Einsatz, wenn der Patient kein erhöhtes Blutungsrisiko – etwa wegen einer anderen Erkrankung – hat und wenn zwischen den ersten Symptomen des Schlaganfalls und dem Therapiebeginn maximal viereinhalb Stunden liegen.

Wenn zu viel Zeit vergangen ist oder die Lysetherapie allein nicht ausreicht oder nicht in Frage kommt, kann das Gerinnsel auch mit einem Kathetereingriff entfernt werden. Dieses Verfahren wird auch als "Thrombektomie" bezeichnet.

Nahaufnahme: Weiße Tabletten in einer Blisterpackung.

Manche Blutgerinnsel lassen sich mit Medikamenten auflösen

Leben nach dem Schlaganfall

Mit der Entlassung aus dem Krankenhaus ist die Behandlung eines Schlaganfalls noch nicht zu Ende. Denn es gilt, die Patienten wieder fit für den Alltag zu machen. Gerade in den ersten sechs Monaten nach dem Schlaganfall sollten die Patienten versuchen, so viel Therapie und Training wie möglich zu absolvieren, um verloren geglaubte Fähigkeiten zurückzugewinnen.

Das kann gelingen, indem gesunde Hirnregionen die Funktionen der geschädigten übernehmen. Dabei helfen kann eine Rehabilitation.

Sie beginnt als sogenannte Frührehabilitation bereits in der "Stroke Unit" des Krankenhauses und setzt sich in der Regel aus Logopädie, Ergo- und Physiotherapie zusammen. Dabei wird auch geprüft, welche Maßnahmen genau der Patient benötigt, damit sich die Schlaganfallsymptome schnell und nachhaltig zurückbilden.

Die anschließende Rehabilitation in einer stationären oder ambulanten Reha-Einrichtung besteht meist aus einer Kombination verschiedener Therapieverfahren. Durch die Physiotherapie zum Beispiel sollen Muskel und Gelenke beweglich bleiben, Lähmungen und Fehlhaltungen der vom Schlaganfall betroffenen Körperseite sollen sich zurückbilden und die Gefahr von Muskelverkrampfungen und Gelenkschmerzen verringern.

Rehabilitationssportgruppe von Menschen, die von einem Schlaganfall betroffen waren

Für Schlaganfallpatienten gibt es eigene Rehabilitations-Sportgruppen

Mit Sprachübungen beim Logopäden werden Sprachstörungen beseitigt, sobald der Patient nach dem Schlaganfall wieder ansprechbar ist. Besonders wichtig ist dabei auch das Erkennen von Schluckstörungen und deren Behandlung. Das beugt Lungenentzündungen vor, die durch das Verschlucken von Speichel und Nahrungsmitteln entstehen können.

Ergotherapeuten helfen dem Patienten, sich im Alltag wieder zurechtzufinden und ein möglichst selbstständiges Leben zu führen.

Eine Altenpflegerin betreut eine Schlaganfallpatientin bei Alltagsübungen

Nach einem Schlaganfall müssen viele Alltagshandlungen neu gelernt werden

Ein neuropsychologisches Training kann helfen, komplexe Störungen zu beheben – wie Sprachstörungen, Sehstörungen und Neglekt. Das bedeutet, dass die Patienten die Körperhälfte, die gelähmt ist, nicht wahrnehmen, und auch die Umgebung rund um die gelähmte Körperseite.

Ist etwa die rechte Körperseite betroffen, wird diese zum Beispiel bei der Körperpflege vernachlässigt. Auch werden Angehörige und Gegenstände, die sich dann rechts vom Patienten befinden, nicht wahrgenommen.

Weitere Möglichkeiten bieten künstlerische Therapien wie Musiktherapie, Gesprächs- und Verhaltenstherapie und Spiegeltherapie.

Grunderkrankungen behandeln

Zum Leben nach dem Schlaganfall gehört es auch, zu prüfen, welche Erkrankungen zum Schlaganfall geführt haben. So lassen sich möglicherweise weitere Schlaganfälle verhindern. Blutdruck, Blutzucker, Herzrhythmus und Fettstoffwechsel sollten kontrolliert werden und gegebenenfalls neu eingestellt werden. Dazu kann auch die Verordnung und Einnahme zusätzlicher Medikamente nötig sein.

Zusätzlich kann eine Änderung des Lebensstils helfen: Rauchen und starker Alkoholkonsum sollten vermieden werden. Auch eine gesunde Ernährung und regelmäßige körperliche Bewegung können helfen, Schlaganfälle zu verhindern.

Risikofaktoren für einen Schlaganfall Planet Wissen 18.09.2020 01:36 Min. Verfügbar bis 18.09.2025 WDR

WDR | Stand: 15.10.2020, 13:56

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