Die Geschichte der Verschwörungstheorien

SW-Stich: Drei Hexen werden auf dem Scheiterhaufen verbrannt

Verschwörungstheorien

Die Geschichte der Verschwörungstheorien

Von Martina Frietsch

Verschwörungstheorien gibt es schon seit vielen Jahrhunderten. Sie entstanden in Europa und wurden von dort in alle Welt getragen. Doch erst mit dem Internet nahm die Verbreitung rasant zu.

Die Hexen waren an allem schuld

Nach dem Ende des Mittelalters standen die Menschen in Europa für Jahrhunderte vor großen Umbrüchen und Unsicherheiten. Eine Änderung des Klimas führte zu Ressourcenknappheit, Preissteigerungen und Existenznot; Seuchen wie die Pest brachen aus, Kriege verschärften die Situation.

Zur gleichen Zeit schwand mit dem Beginn der Neuzeit die Allmacht der Kirche und mit ihr die religiösen Erklärungsmuster für alles, was geschah. Bisher war alles Gottes Wille, nun sollten rationale Erklärungen an dessen Stelle treten.

Es entstand, so der Philosoph Karl Popper, ein Sinndefizit und die Menschen hielten in dieser Situation weiter an der religiösen Erklärungsmustern fest. Popper prägte 1948 den Begriff "Verschwörungstheorie" (conspiracy theory of society), der noch heute benutzt wird.

Das Buch Hexenhammer in den Händen einer Frau mit weißen Handschuhen

Der "Hexenhammer" von Heinrich Kramer, erschienen 1487, kann als eine der ersten großen Verschwörungstheorien gelten. Durch den Buchdruck und kirchliche Predigten verbreitete er sich besonders gut. Die Menschen glaubten Kramers "Beweisführung", dass es Hexen gebe, machten diese für ihre eigene missliche Situation verantwortlich und folgten Kramers Empfehlungen, wie mit Hexen umzugehen sei.

In der Folge gab es geschätzt mehrere Zehntausend Tote: Die Hexenjagden wurden zwar von der Kirche angeheizt, die Initiative für die Prozesse gingen aber oft von den Bürgern aus.

Frühe Verschwörungstheorien in den USA

Im Mittelalter suchten die Menschen Sündenböcke für Ereignisse wie die Pest, und machten oft die Juden dafür verantwortlich. Ab dem 18. Jahrhundert änderte sich das: Zielscheibe früher Verschwörungstheorien waren zwar wieder die Juden, manchmal auch die Freimaurer. Ihnen wurden nun aber Verschwörungen unterstellt, deren Ziel die Machtübernahme war.

Darstellung von Winkel und Zirkel mit Zirbelnuss am Tisch im Osten im Freimaurer-Tempel in Augsburg.

Winkel und Zirkel sind das Symbol der Freimaurer

Auch in den USA wurden Komplotte aller Art vermutet – auch auf höchster Ebene, sagt der deutsche Amerikanistik-Professor und Experte für Verschwörungstheorien, Michael Butter: Abraham Lincoln beschuldigte 1858 unter anderem den amtierenden Präsidenten James Buchanan sowie weitere Politiker und den Vorsitzenden des Obersten Gerichtshofs, sich mit den Sklavenhaltern verbündet zu haben. Ziel dieser Verschwörung, so die Unterstellung, sollte die Einführung der Sklaverei im ganzen Land sein.

Auch gegen die vermeintliche Unterwanderung durch Katholiken richtete sich Mitte des 19. Jahrhunderts eine Verschwörungstheorie. Demnach steuerten der Papst und europäische Herrscherhäuser die katholische Einwanderung in die USA, um so die freie Demokratie zu beseitigen.

Diese vermeintliche Verschwörung, verbreitet von amerikanischen Protestanten, kursierte zu einer Zeit, in der vor allem irische und süddeutsche Immigranten im Land ankamen – allesamt Katholiken.

USA: McCarthy sieht Kommunisten

Zu den bekanntesten modernen Verbreitern von Verschwörungstheorien gehörte der republikanische US-Senator Joseph McCarthy. In den 1950er-Jahren fürchteten viele Amerikaner den Kommunismus. Gleichzeitig sahen sie, wie sie beispielsweise bei der Raumfahrt technisch abgehängt wurden.

In dieser Atmosphäre begann McCarthy, in Regierung und Verwaltung nach Kommunisten zu suchen. Ein eigener Untersuchungsausschuss wurde eingerichtet.

McCarthy, den viele als modernen Hexenjäger bezeichneten, sah schließlich überall Kommunisten und Verräter – auch bei seinen eigenen Parteifreunden, in der Armee, in der Gesellschaft. Die USA ließen ihn jahrelang gewähren und den oft grundlos Verdächtigten enorm schaden. 1954 beendete eine überwältigende Mehrheit der US-Senatoren McCarthys Umtriebe.

USA – das Land der Verschwörungstheorien

Viele Verschwörungstheorien, die wir heute kennen, kommen aus den USA. Zu den bekanntesten gehören der Mythos von der Mondlandung, die angeblich nur in einem Filmstudio inszeniert wurde.

Auch zum Mord an John F. Kennedy gibt es unzählige Verschwörungstheorien. Bis heute hält sich das Gerücht, der Mörder habe im Auftrag gehandelt. Eine Beteiligung wird wahlweise der CIA, dem FBI, der Mafia, Israel und anderen Akteuren unterstellt.

Die erste Seite einer Zeitung mit dem großen Aufmacher 'JFK DEAD'.

Zum Mord von John F. Kennedy gibt es zahlreiche Verschwörungsvermutungen

In der Zeit danach erlebten Verschwörungstheorien eine wahre Blüte. Auch nach den Anschlägen vom 11. September 2001 entstanden viele absurde Theorien zur Urheberschaft und zum Ablauf der Anschläge – und verbreiteten sich übers Internet blitzschnell um den Globus.

Alte Verschwörungstheorien im neuen Gewand

Verschwörungstheorien folgen bestimmten Strukturen und scheinen sich daher zu wiederholen – lediglich die Akteure werden ausgetauscht. Den Juden wurde vor Jahrhunderten unterstellt, das Blut von Kindern zu trinken. Heute kursiert fast gleichlautend das Gerücht durch "QAnon" – nur die Hauptdarsteller wurden aktualisiert.

Mitte des 19. Jahrhunderts fürchteten die Protestanten in den USA, von Katholiken überrannt zu werden. Heutzutage wird die Übernahme Deutschlands durch die Muslime als Schreckgespenst an die Wand gemalt. Prominente wie die ehemalige Tagesschau-Sprecherin Eva Herman verbreiten diese Verschwörungstheorie ebenso wie rechtsgerichtete Politiker.

Früher wurden die Illuminaten oder die Juden verdächtigt, heimlich die Welt zu lenken, heute müssen Reptilien in Menschengestalt dafür herhalten.

Verschwörungstheorien gehören einfach dazu

Verschwörungstheorien kursierten im Grunde immer – mal waren sie mehr, mal weniger präsent. Und bis zur zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts war dies auch kein Problem. Schon in der griechischen Antike und im alten Rom gehörte es dazu, in Reden und vor Gericht Verschwörungstheorien zu konstruieren und zu beschreiben.

Jahrhundertelang dienten Verschwörungstheorien auch dazu, Zusammenhänge herzustellen und Ereignisse zu erklären. Diese Art von Wissen war anerkannt und akzeptiert. Im arabischen Raum und in Russland ist dies bis heute so – Verschwörungstheorien werden teils ganz offiziell vertreten, während sie im Westen nicht mehr als normales Wissen durchgehen.

Donald Trump als Präsident am Pult im Weißen Haus.

Donald Trump teilte als Präsident regelmäßig Verschwörungsmythen

Mit Donald Trump war von 2016 bis 2020 zum ersten Mal wieder im Westen ein Staatsoberhaupt an der Macht, das regelmäßig Verschwörungstheorien verbreitete – ganz wie seine Vorgänger Jahrhunderte zuvor. Und ebenso wie viele Ex-Präsidenten nutzte er Verschwörungstheorien politisch für sich – so beispielsweise die so genannten "Pizzagate"-Gerüchte, die durch Rechtsgerichtete wie QAnon verbreitet wurden.

SWR | Stand: 25.11.2020, 18:00

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