Interview mit Sabine Pohlner

Portraitaufnahme von Sabine Pohlner.

Drogen

Interview mit Sabine Pohlner

Von Claudius Auer

"Viele wissen nicht, was sie in einer Suchtberatung erwartet", sagt Sabine Pohlner, Leiterin des Fachdiensts Suchtberatung der Psychosozialen Beratungsstelle für Suchtkranke bei der Caritas in Stuttgart.

Frau Pohlner, welche Menschen kommen in die Suchtberatung?

Es kommen die verschiedensten Menschen aus allen Altersstufen – von Mitte zwanzig bis über siebzig: Studierende, Berufstätige und Rentner. Wir sehen also eine große Bandbreite unserer Bevölkerung.

Manche kommen von sich aus, andere werden von der Familie geschickt, von der Arbeit, von Bewährungshelfern, und auch vom Jobcenter. Die häufigsten Gründe sind die sogenannten "3 F": Führerschein, Familie und Firma. Oft sind auch Freunde, der Partner oder Familienmitglieder zur Unterstützung dabei, die kommen dann gleich mit in die Beratung.

Was sind dann die häufigsten Abhängigkeiten?

Bei uns kommen in letzter Zeit immer häufiger Menschen, die Alkohol plus Kokain konsumieren, als leistungssteigernde Substanz. Kokain wird häufiger konsumiert, als man denkt.

Wir haben damit angefangen, mit den Klienten eine Checkliste durchzugehen, was sie neben Alkohol sonst noch konsumieren, das heißt, wir fragen explizit zum Beispiel Kokain, Cannabis, Medikamente ab und ja: Viele haben einen Mischkonsum. Sie nehmen Kokain zusätzlich zu Alkohol, um zum Beispiel im Beruf zu bestehen.

Außerdem gibt es viel Medikamentenkonsum, Schmerzmittel sind da sehr im Kommen. Die werden dann oft vom Arzt gegen Schmerzen verschrieben, aber dann setzen die Betroffenen den Konsum weiter fort, weil sich eine Abhängigkeit entwickelt hat.

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Was passiert, wenn Menschen zu Ihnen in die Beratungsstelle kommen, was erwartet sie dort?

Die Arbeit beginnt natürlich mit einer Beratung. Diese Menschen haben bereits länger über Hilfe nachgedacht. Wir freuen uns darüber und heißen sie herzlich willkommen: "Schön, dass Sie da sind, es ist die richtige Entscheidung." Das ist auch wichtig, denn so ein Schritt ist ja oft mit Schamgefühlen behaftet.

Viele wissen aber nicht genau, wie sie ihre Therapie gestalten wollen, welche Ziele sie haben, und da müssen wir rausfinden, was der Veränderungsbedarf ist. Wollen sie, dass alles so bleibt? Wollen sie reduzieren? Wollen sie den Konsum nur noch auf gesellschaftliche Ereignisse beschränken? Wollen sie ganz aufhören? Wir nennen das zieloffene Beratung. Nicht wir legen fest, was passieren soll, das machen die Menschen selbst.

Was sind die nächsten Schritte, wenn jemand beschließt, von der Sucht loskommen zu wollen?

Nach den ersten Gesprächen schauen wir, wie es weitergehen kann: Da gibt es Kriterien von der Rentenversicherung. Am Anfang steht eine Entgiftung, der Entzug, der bei schweren Alkoholikern wirklich in einer Klinik durchgeführt werden sollte.

Dann kommt eine mehrwöchige Reha. Die kann stationär oder ambulant sein. Eine stationäre Reha passt besser für Leute, die sozial nicht so gut integriert sind, die vielleicht arbeitslos sind, vielleicht auch alleinstehend. Ambulant passt oft besser für Leute, die einen festen Arbeitsplatz, eine Familie haben, oder in einem festen sozialen Umfeld integriert sind.

Danach beginnt eine begleitende Therapie: Man muss sich über die Gründe und die Situationen klar werden, warum man trinkt oder andere Drogen konsumiert und sich dann Strategien erarbeiten, wie man möglichst ohne leben kann. Das kann eine harte, aber sehr lohnende Arbeit sein.

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So eine Betreuung kann dann Jahre dauern?

Wenn sich Menschen für eine Therapie entscheiden, dann ist der klinische Aufenthalt, also Entzug und Entgiftung, tatsächlich nur ein kleiner Teil. Viele haben sich jahrelang darüber Gedanken gemacht, etwas zu verändern. Die Sucht ist etwas, was einen ein Leben lang begleiten kann. Und eine Betreuung müssen wir dann auch in dieser Länge anbieten.

Aber es ist von Fall zu Fall unterschiedlich: Die Lösung liegt in der Person selbst, sie muss eine Zuversicht haben, etwas ändern zu können. Das entscheidet dann auch darüber, welche Art von Therapie in Frage kommt.

Wie wichtig sind die Familie, Partner oder Freunde in der Therapie eines Suchtkranken?

Familie und Freunde sind sehr wichtig, denn viele Betroffene kommen in die Suchtberatung, weil sie von ihren Angehörigen dazu motiviert wurden – oft kommen sie ja auch in deren Begleitung. Aber es ist für die Angehörigen nicht einfach, das Thema Abhängigkeit anzusprechen. Man muss bei den Betroffenen mit Abwehr rechnen.

Manche Abhängige sind aber auch froh, wenn endlich mal jemand darüber spricht und Hilfe anbietet. Wir erleben Betroffene, die auch heute noch betonen, wie ausschlaggebend es war, als der Partner, der Arbeitgeber oder eine Vertrauensperson offen gesprochen hat: "So geht es nicht weiter". Das ist für viele ein wirklicher Schlüssel zur Veränderung.

Das ist aber nur eine Möglichkeit. Es kann auch sein, dass der Abhängige leugnet oder sagt: "Ich will das nicht, das ist nicht so schlimm."

Wie verhält man sich da?

Unser Tipp wäre, das erstmal so stehen zu lassen und dann bei sich zu bleiben: "Mir geht es mit dir gerade so und so. Und ich würde gern mit dir zusammen überlegen, was man ändern kann."

Man muss sich allerdings vorher schon fragen: Wie könnte der Betroffene reagieren und wie möchte man dann konstruktiv damit umgehen? Vielleicht ein, zwei Szenarien mal durchspielen. In unserer Beratung machen wir das dann auch im Rollenspiel oder wir gehen solche Situationen in einem Gespräch durch.

Ist es ratsam, die Angehörigen in die Therapie mit einzubeziehen?

Wenn es gelingt, ist das sehr gut. Wenn beide Parteien, der Betroffene und die Angehörigen, bereit sind, kann das Unterstützung und Halt geben. Und vor allem: Dann können die sich zusammen, miteinander verändern.

Bei Leuten mit einer stationären Therapie passiert es oft – wenn sie von der Therapie zurückkommen –, dass es dann daheim richtig kracht. Denn die Betroffenen entwickeln sich ja weiter, entwickeln ja neue Werte, neue Ideen. Die nehmen sich andere Sachen vor. Und da sind dann manchmal auch Angehörige vor den Kopf gestoßen. Es ist wirklich für alle hilfreich, die Therapie zusammen zu machen.

Oft sind auch Kinder von der Suchterkrankung betroffen. Wie können Sie denen helfen?

Kinder aus Familien von Abhängigen haben ein sechsfach höheres Risiko, selbst suchtkrank zu werden. Es leiden schon die Kleinsten, auch schon Babys, denn für die Eltern ist es oft schwer, eine gute Beziehung aufzubauen.

Und solange die Kinder das nicht richtig verstehen, braucht es Lehrer, Erzieherinnen oder Leute aus dem Umfeld, die wissen, dass es auch Gruppen für Kinder aus suchtbelasteten Familien gibt. Da geht es darum, Resilienz zu stärken, mehr Selbstbewusstsein zu geben: Was ist denn da mit den Eltern, wenn die mal total lieb sind und dann vielleicht ganz aggressiv? Oder das Kind kommt von der Schule heim, und dann liegt das Elternteil auf dem Sofa und schläft immer noch.

Manche Kinder versuchen es geheim zu halten, dass die Eltern nicht funktionieren und übernehmen viel Verantwortung. Man spricht da von "Parentifizierung": Sie gehen einkaufen, machen dann den Haushalt. In den Gruppen geht es dann darum, das spielerisch und kreativ aufzuarbeiten.

Wie hoch ist die Rückfallquote bei Ihren Patienten?

Die Rückfallquote ist für mich ein nichtssagender Begriff. Da wird nur gefragt, ob eine totale Abstinenz – beispielsweise bei der Alkohol-Abhängigkeit – geklappt hat, ob man noch trinkt oder nicht , alles andere wird vernachlässigt.

Aber so muss es ja nicht laufen. Für viele Menschen ist das gar nicht das Ziel. Sie möchten – wenn wir bei Alkohol bleiben – wieder zu einem vertretbaren Konsum zurückkommen, so wie Menschen, die nicht abhängig sind: also mit Freunden ein Glas Wein trinken, zur Freude, und es dabei auch belassen. So können sie in ihrem Leben zu mehr Selbstzufriedenheit kommen. Ja, man spricht sogar von Selbstheilung. Das klingt komisch, aber bei manchen verändern sich einfach die Lebensumstände im Laufe der Therapie und in zehn Jahren haben sie einen völlig unproblematischen Konsum. Auch ohne Abstinenz.

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Sind Sie nicht enttäuscht, wenn einige Ihrer Klienten gar keine Fortschritte machen?

Ganz ehrlich: Für mich ist es einfach normal. Ich habe nicht den Anspruch, zu wissen, was richtig ist. Wir arbeiten ja nach dem Konzept der offenen Suchtarbeit. Das heißt: Die Menschen, die zu uns kommen, sind selbst die Experten.

Natürlich kann ich sagen: Rein körperlich oder gesundheitlich gesehen wäre Abstinenz immer das Richtige – für alle Menschen. Meine Arbeit ist es aber nicht, alle zur Abstinenz zu bringen, sondern dass sie wieder zurück in unsere Gesellschaft kommen und dass sie mit sich selbst ins Reine kommen.

Es gibt ganz selten Situationen im Therapieverlauf, wo ich das Gefühl habe, da ist jemand stur oder widerständig. Das ist meist Ausdruck der Situation, in der sich die Person befindet. Viele sind im Leben solchen Erwartungshaltungen ausgesetzt, sie sollen immer nur funktionieren. Und manche wissen sich dann eben nur zu helfen, indem sie trinken oder Drogen konsumieren. Daran müssen wir arbeiten.

Süchtig zu sein, ist in unserer Gesellschaft ein Tabu. Was können wir und auch die Politik tun, um den Suchtkranken zu helfen?

Man müsste bereits in der Rehabilitation nicht-abstinenz-orientierte Behandlungen zulassen. Das Ziel von Therapien ist bisher pauschal die Abstinenz. Patienten, die das von vornherein nicht schaffen und eher auf einen möglichst niedrigen Konsum hinarbeiten wollen, bekommen bisher nur Kurse. Das sind dann zehn Abende und ein bisschen Einzelberatung dazu. Da sind wir dann wieder bei der Rückfallquote. Wir müssen uns von dem Gedanken der Abstinenz als einzige Lösung verabschieden.

SWR | Stand: 14.10.2020, 13:00

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