Eine Hand blättert eine Seite in einem roten Buch um

Krimis

Die Geschichte des Kriminalromans

Sherlock Holmes, Miss Marple und die Schwedenkrimis von Henning Mankell oder Stieg Larsson kennt heute fast jeder Krimi-Fan. Doch die Blutspur in der Literatur hat eine viel ältere Geschichte.

Von Alfried Schmitz

Krimis in der Antike

Schon in den großen Dramen der Antike ging es um Mörder und ihre Taten. Sophokles und Euripides waren zwei bedeutende Dichter, die mit ihren griechischen Tragödien und Komödien breite Bevölkerungskreise ansprachen und begeisterten.

Der Tragiker Aischylos schuf schon um 500 vor Christus äußerst populäre Werke, darunter die Orestie-Trilogie. In der griechischen Sagenwelt gilt Orest als Sohn des Agamemnon und der Klytämnestra. Er tötet seine Mutter und deren Geliebten und wird daraufhin halb wahnsinnig.

Auch im alten Rom waren blutrünstige Geschichten beliebt: Der Staatsmann und Anwalt Cicero (106-43 vor Christus) berichtet von einem jungen Mann namens Sextus Roscius, der des Vatermordes angeklagt wurde. Cicero stellte den wahren Tathergang klar und sorgte in dem zunächst ausweglos erschienenen Fall für einen Freispruch.

Eine Marmorbüste zeigt den römischen Redner, Schriftsteller und Politiker Marcus Tullius Cicero

Cicero war Redner, Schriftsteller und Politiker

Auch im frühen Mittelalter waren Geschichten über Verbrechen beliebt. Da die meisten Menschen weder schreiben noch lesen konnten, wurden diese Moritaten von so genannten Bänkelsängern öffentlich und gegen Geld vorgetragen. In ihren oftmals frei erfundenen Liedtexten erzählten sie spannende Geschichten von dreisten Raubrittern und marodierenden Banden.

Mit der Erfindung des Buchdrucks durch Johannes Gutenberg erhielt die Kriminalliteratur Mitte des 15. Jahrhunderts ein neues Medium. Das Volk liebte Geschichten über Mord und Totschlag, Betrügereien, Ehebrüche und Zechprellereien. Handlungsschilderung und Sprachstil waren allerdings noch von niedrigem Niveau.

Blutige Klassiker der Neuzeit

Im Zeitalter der Aufklärung gewann ab Mitte des 18. Jahrhunderts die Literatur im Allgemeinen und die Kriminalliteratur im Besonderen an Bedeutung und sprachlicher Qualität.

Die veröffentlichten Verhandlungsprotokolle der sogenannten "Halsbandaffäre" wurden 1786 zu einem Bestseller. Buchhandlungen wurden regelrecht gestürmt. Jeder wollte Einzelheiten des Falls um die Gräfin de la Motte lesen, die den französischen Kardinal Rohan mit einer gelungenen Betrügerei hinters Licht geführt und blamiert hatte.

Die Aufzeichnungen und Veröffentlichungen solcher wahrer Kriminalfälle nannte man "Pitavalgeschichten" – nach dem Pariser Juristen François Gayot de Pitaval, dem ersten Herausgeber eines solchen "Gerichtssaalreports".

Auch die deutschen Klassiker bereicherten und kultivierten das Genre: Friedrich Schillers "Räuber", Heinrich von Kleists "Michael Kohlhaas", Annette von Droste-Hülshoffs "Judenbuche" und besonders E.T.A. Hoffmanns Kriminalnovellen wie "Das Fräulein von Scuderi" (1818) bildeten eine literarische Brücke zu den moderner aufgebauten Kriminalnovellen des Engländers Wilkie Collins ("Die Frau in Weiß", 1860) oder des Amerikaners Edgar Allen Poe.

Poe erlangte mit seiner Romanfigur Auguste Dupin große Bekanntheit. Seine Erzählungen "Der Doppelmord in der Rue Morgue" (1841) oder "Das Geheimnis um Marie Roget" (1842) wurden richtungsweisend für das gesamte Genre des Kriminalromans bis in die heutige Zeit.

Eine zeitgenössisches Schwarzweiß-Porträt zeigt den amerikanischen Schriftsteller Edgar Allan Poe.

Edgar Allan Poe (1809-1849)

(Erstveröffentlichung 2005. Letzte Aktualisierung 16.06.2021)

Quelle: WDR

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