Der Western – Urform des amerikanischen Kinos

Typische Westernszene: Zwei Cowboys vor einem Duell

Medien

Der Western – Urform des amerikanischen Kinos

Von Natalie Muntermann

Einsame Cowboys, die mit Cowboyhut und Revolver durch eine weite, karge Landschaft reiten. Wilde Schießereien, aufregende Duelle, rasante Verfolgungsjagden, Helden und Schurken, die vor Coolness nur so strotzen: Bilder, die jeder Filmfan mit Western verbindet.
Doch Western erzählen mehr als eine spannende Geschichte. Sie sind mythisch aufgeladen, erzählen immer auch von der Besiedlung Amerikas und den idealisierten amerikanischen Tugenden. Western sind ohne Zweifel das amerikanische Filmgenre schlechthin.

Der Western – ein amerikanisches Nationalepos

Es gibt kaum ein Filmgenre, das so unterschiedliche Filme vereint wie der Western. Doch eines ist allen gemein: Sie erzählen von der Eroberung und Besiedlung des Wilden Westens, vom Gründungsmythos Amerikas und spielen in der Regel in der Zeit zwischen 1850 und 1900.

Es ist die Zeit, in der sich Pioniere auf die Suche nach räumlicher und gesellschaftlicher Freiheit machen und die weite Landschaft im (Mittleren) Westen Nordamerikas besiedeln. So verschob sich die Grenze der Vereinigten Staaten immer weiter in Richtung Westen.

Der Western wurde im amerikanischen Grenzgebiet, der sogenannten "frontier", geboren und lebt aus dieser Herkunft. Im Westernfilm wird an dieser Grenze die Nation erweitert. Aber nicht nur das: Western leben auch von Moral und Begierden, erzählen Geschichten von Hoffnungen und Ängsten und drehen sich meist um so typisch amerikanische Nationaltugenden wie Pioniergeist und Individualismus – Western geben Einblick in die amerikanische Psyche.

Western erzählen also immer vom Gründungsmythos Amerikas, mal euphorisch und beschönigend, mal schonungslos und kritisch. Und weil er sich immer mit der Gründung der amerikanischen Nation beschäftigt, gilt der Western als das uramerikanische Filmgenre.

Schwarzweiß-Fotografie: Männer mit Anzügen und Hüten sitzen in und auf einer Pferdekutsche

Thema aller Western: die Besiedlung des Westens

Westernklassiker – Individualismus und idealisierte Gemeinschaft

Seine Hochzeit erlebte der Western in den 1930er und 1940er Jahren. In jener Zeit entstanden in Hollywood einige Westernklassiker, wie zum Beispiel "Ringo – Höllenfahrt nach Santa Fé" ("Stagecoach") von John Ford. Der 1939 entstandene Film funktioniert nach einer simplen, doch ergiebigen dramatischen Formel: Eine zufällig zusammengewürfelte Gemeinschaft durchlebt verschiedene Gefahren.

Der Film ergreift offen Partei für die Menschen, die den bürgerlichen Maßstäben, wie man sie an der Ostküste schätzt, nicht entsprechen: Das leichte Mädchen Dallas bewährt sich als aufopfernd und mutig, Dr. Boone, der betrunkene Arzt, ist zur Stelle, wenn es drauf ankommt; Ringo Kid, der Held selbst, ist dem Gefängnis entsprungen, darf aber als Opfer gelten.

Es ist ein humorvoller romantischer Film, den Ford vor seiner Lieblingskulisse, den gigantischen Tafelbergen des Monument Valleys, mit filmischen Mitteln in Szene setzt.

"Ringo – Höllenfahrt nach Santa Fé" enthält wichtige, für die amerikanische Nation so typische und identitätsstiftende Elemente: das Recht auf individuelle Selbstverwirklichung und -verteidigung und den Mythos der idealen Gemeinschaft.

In den Westernklassikern jener Jahre wird die Wirklichkeit im Westen Amerikas eher beschönigt als realistisch dargestellt: Waffen sind lediglich zur Selbstverteidigung da, dass sie auch Gewalt und Mord bedeuten, spielt kaum eine Rolle.

Und die viel beschworene Gemeinschaft ist stets eine "weiße" – Schwarze haben hier (noch) keinen Platz und wenn Indianer eine Rolle spielen, dann als die Gegner. "Ringo – Höllenfahrt nach Santa Fé" machte John Ford zu einem der bedeutendsten Westernregisseure und katapultierte John Wayne, der den Ringo spielt, in den Olymp der Westernstars.

Schwarzweiß-Bild: Filmszene aus dem Western "Ringo"

Western wie "Ringo" waren sehr erfolgreich

Spätwestern – Verlust der Freiheit

Hatte das Westerngenre die Wirklichkeit des Westens jahrzehntelang idealisiert, gingen Regisseure Mitte der 1950er Jahre mit einem neuen Standpunkt an die Dinge heran: Einige von ihnen, so wie Sam Peckinpah mit "The Wild Bunch – Sie kannten kein Gesetz" oder auch John Ford selbst mit "Der schwarze Falke" ("The Searchers"), stellten den Westernmythos Hollywoods in Frage.

Die Entwicklung des Westerns lässt sich an drei Filmen von John Ford, jeweils mit John Wayne in der Hauptrolle, aufzeigen: Ringo Kid aus "Ringo – Höllenfahrt nach Santa Fé" verwandelt sich in "Der Teufelshauptmann" ("She wore a yellow Ribbon") aus dem Jahr 1949 zunächst in die gutmütige Vaterfigur.

Und dann, 1956, verwandelt ihn Ford in "Der schwarze Falke" in den Außenseiter Ethan Edwards: Die Figur ist düsterer und besessener geworden. Vorbei ist die simple Schwarz-Weiß-Moral der frühen Tage, vorbei sind die altmodischen Werte des alternden Kavallerieoffiziers.

Derselbe Star, John Wayne, derselbe Schauplatz, die Gegend um Monument Valley, derselbe Regisseur – aber eine andere Figur, eine andere Sicht auf die Dinge, andere Konflikte, fast ein anderes Land. Es gibt kein Happy End und auch kein Zuhause, keine Familie, die auf Ethan wartet. Er ist verflucht, ein Mensch ohne Ziel, verdammt zwischen den Winden umherzuziehen. Das Grenzland ist nicht mehr Land der Freiheit und unendlichen Weite, sondern steht für Gier, Rache und Größenwahn.

Ein Cowboy reitet auf einem Pferd und hält eine Frau im Arm. Daneben geht ein Mann mit freiem Oberkörper.

John Wayne als Außenseiter in "Der schwarze Falke"

1969 trieb Sam Peckinpah die Entzauberung der Western-Mythologie in "The Wild Bunch – Sie kannten kein Gesetz" auf die Spitze: Die vier gebrochenen Helden machen keine Kompromisse mehr für eine korrupte zivilisierte Gesellschaft, die kein freies Leben mehr gewährleistet. Sie wählen die Flucht in den Tod.

Der Western heute

Seit der Demontage des Wild-West-Mythos durch "The Wild Bunch – Sie kannten kein Gesetz" oder auch "Heaven’s Gate – das Tor zum Himmel" von Michael Cimino aus dem Jahr 1980 ist der Western kein fortschreibfähiges Nationalepos mehr.

Dass wir den Western nicht mehr glauben können, hat damit zu tun, dass die Legenden, die das Genre erzählt, entlarvt sind: Die Gründung der amerikanischen Nation ist nicht ein rundum positives Ereignis gewesen, sondern hat auch Opfer gekostet und Verlierer hervorgebracht. Der Western funktioniert auch nicht mehr als universelles Männermärchen.

Kriselte das Westerngenre in Amerika, kam in Europa ein Subgenre des Western in Hochform: Mit dem Film "Eine Handvoll Dollar" ("Per un pugno di Dollari"), der im Jahr 1964 in die Kinos kam, schuf der italienische Regisseur Sergio Leone den Italowestern.

Es war eine eigenwillige Neuinterpretation klassischer Westernvorbilder: Ironisch, mitunter sarkastisch und zynisch, blickte Leone auf Superhelden der Westernklassiker aus Amerika.

Italowestern sind gewalttätiger, spartanisch im Stil und die Handlungen sind sehr ritualisiert und abstrakt gehalten. Eiskalte und zynische Helden wie "Der Mann ohne Namen", gespielt von Clint Eastwood, beobachten das Geschehen im Wilden Westen als Außenstehende, immer mit einem coolen Spruch auf den Lippen.

Seit den späten 1970er Jahren träumen Cineasten von einer Wiederkehr des Westerns. Die Genrekonventionen haben sich seitdem gelockert, dunkelhäutige Helden und Nebenhelden gehören längst zum Repertoire.

Alle paar Jahre entsteht dann doch wieder ein beachtenswerter Western: 1992 "Erbarmungslos" ("Unforgiven") von Clint Eastwood, 1995 "Dead Man" von Jim Jarmusch, 2005 "Brokeback Mountain" von Ang Lee oder auch 2012 "Django unchained" von Quentin Tarantino. Sie funktionieren allerdings nicht mehr als Wild-West-Mythos, sondern vielmehr als Überprüfung des Westerngenres.

Ein Cowboy nimmt einen anderen von hinten in den Arm

Heath Ledger und Jake Gyllenhaal in "Brokeback Mountain"

Weiterführende Infos

Stand: 29.10.2019, 15:59

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