Der Kniefall von Warschau

Der deutsche Bundeskanzler Willy Brandt kniet vor dem Denkmal für die Opfer des Aufstandes im Warschauer Ghetto.

Polen

Der Kniefall von Warschau

Von Andrea Oster

Das deutsch-polnische Verhältnis war lange Zeit sehr schwierig. Nach dem Zweiten Weltkrieg entwickelten sich die beiden Länder auseinander. Polen war Teil des Ostblocks, die Bundesrepublik Deutschland gehörte zum Westen. Zwischen den beiden Staaten herrschte Eiszeit. 1970 – mitten im Kalten Krieg – reiste der deutsche Bundeskanzler Willy Brandt nach Warschau. Ein Besuch, der in die Geschichte eingehen sollte und Willy Brandt weltweit viel Sympathie einbrachte.

Wenn Worte nicht ausreichen

Der 7. Dezember 1970 ist ein kalter, grauer Tag in Warschau. Vor dem Mahnmal zum Gedenken an den jüdischen Ghetto-Aufstand von 1943 steht Bundeskanzler Willy Brandt. Es ist der erste Besuch eines deutschen Regierungschefs in Polen seit dem Zweiten Weltkrieg. Ein historischer Moment, zu dem auch viele Vertreter der internationalen Presse angereist sind. Willy Brandt hat einen Kranz niedergelegt, zupft noch einmal an der Schleife, tritt zurück.

Dann plötzlich ist der Kanzler verschwunden. Er ist gestürzt, denkt ein Reporter. Einem anderen schießt der Gedanke an ein Attentat durch den Kopf. Die Fotografen drängeln nach vorne und dann sehen sie es: Willy Brandt ist auf die Knie gefallen. Er kniet auf dem nassen Boden vor dem Mahnmal als Zeichen der Betroffenheit. Es ist eine Geste, mit der er stellvertretend für sein Land um Vergebung bittet für die Verbrechen der Deutschen im Zweiten Weltkrieg.

Das Foto vom Kniefall in Warschau geht um die Welt. Es wird zum Symbol für die Aussöhnung der beiden Staaten. Die Geste – so Willy Brandt später – war spontan, ungeplant und dafür umso intensiver.

Die Last der Geschichte

Der Feldzug gegen das polnische Volk, die Vernichtung der polnischen Juden, Auschwitz, die grausame Niederschlagung des Aufstandes im Warschauer Ghetto: Es war eine ungewöhnliche Last, sagte Brandt später, die er mit nach Warschau gebracht habe.

Das deutsch-polnische Verhältnis war damals schwierig. Die Verbrechen Hitlerdeutschlands auf der einen Seite und die Vertreibung der Deutschen aus Polen auf der anderen Seite waren nur schwer zu vergessen.

Im Jahr 1939 hatten Deutschland und Russland ein geheimes Abkommen geschlossen, den Hitler-Stalin-Pakt. Darin hatten sie die Aufteilung Polens vereinbart. Ein heimtückisches Manöver, denn zuvor hatte Deutschland den Polen vertraglich zugesichert, sie nicht anzugreifen.

Am 1. September 1939 marschierten deutsche Soldaten dennoch in das Land ein. In den folgenden Jahren ermordeten sie viele Polen, besetzten die Städte und vernichteten fast die gesamte jüdische Bevölkerung.

Im Süden Polens, nahe der Stadt Oswiecim, errichteten sie das Konzentrationslager Auschwitz, in dem bis 1945 mehr als eine Million Menschen umgebracht wurden. Es war nur eines von vielen Konzentrationslagern in Polen.

Nach dem Untergang des Hitler-Regimes und den Potsdamer Verträgen wurde die polnische Westgrenze verschoben. Es galt die Oder-Neiße-Grenze und das bedeutete für viele Deutsche, dass sie nun auf polnischem Gebiet lebten.

Polen aber wollte die Deutschen nicht mehr. Sie wurden vertrieben. Auf dem Weg in den Westen starben viele vor Hunger und Erschöpfung.

Lange Zeit forderten die deutschen Vertriebenenverbände, dass die ehemals deutschen Gebiete zurückgegeben werden sollten und Polen sich für die Verbrechen während der Vertreibung entschuldigen müsse. Den Kniefall von Willy Brandt kritisierten sie daher scharf.

Deutsch-polnisches Verhältnis 01:53 Min. Verfügbar bis 30.12.2099

Die Ostverträge

Der Kniefall war eine spontane symbolische Geste. Der eigentliche Grund für Brandts Reise nach Polen war die Unterzeichnung eines Vertrages. Die sozial-liberale Regierung verfolgte zu diesem Zeitpunkt eine neue Richtung in der Ostpolitik: Entspannung durch Annäherung.

Westdeutschland suchte den Kontakt zu den Staaten des Ostblocks. Willy Brandt war zuvor schon in Russland gewesen und hatte den Moskauer Vertrag ausgehandelt. Darin verpflichteten sich beide Staaten, Konflikte mit friedlichen Mitteln zu lösen. Außerdem knüpfte Brandt wieder erste offizielle Kontakte zur DDR.

Die Aussöhnung mit Polen war ein wichtiger Teil der Ostpolitik. Mit dem Warschauer Vertrag erkannte die deutsche Regierung die Oder-Neiße-Grenze offiziell an. Für die Polen war dies ein längst überfälliger Schritt. 25 Jahre nach Kriegsende war ihre Westgrenze endlich gesichert.

Im eigenen Land war die Ostpolitik der Regierung Brandt dagegen umstritten. "Verzichtspolitiker" nannten ihn seine politischen Gegner. Die Ostgebiete Pommern, Breslau, Stettin, Danzig, Schlesien, Posen und Ostpreußen waren zwar schon nach Kriegsende verloren gewesen, aber nun hatte Deutschland dies auch offiziell akzeptiert.

Der Traum der Vertriebenen, ihre Heimat eines Tages wieder zurückzubekommen, war damit ausgeträumt. Die ehemaligen deutschen Gebiete waren nun polnisch und sollten es bleiben.

Willy Brandt war sich der psychologischen Wirkung des Warschauer Vertrages bewusst. "Für viele meiner Landsleute, deren Familien im Osten gelebt haben, ist dies ein problemgeladener Tag. Manche empfinden es so, als ob jetzt der Verlust eintritt, den sie vor 25 Jahren erlitten haben", sagte Brandt und fügte hinzu: "Mit diesem Vertrag wird nichts verspielt, was nicht Hitler schon verspielt hat."

Porträtaufnahme von Willy Brandt an einem Schreibtisch.

Entspannung in der Ostpolitik

Weiterführende Infos

Stand: 16.07.2019, 15:58

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