Das Matterhorn

Das Matterhorn

Schweiz

Das Matterhorn

Steil, massiv, abweisend – scheinbar von keiner menschlichen Macht zu bezwingen. So thront das Matterhorn über dem Tal von Zermatt. Seit jeher hat es bei Alpinisten Faszination wie Furcht geweckt. Schweizer Tourismus-Manager frohlocken über den geheimnisvollen Riesen, denn nichts in unseren Köpfen kommt der Idealgestalt eines Berges näher als das Matterhorn. Daraus ergibt sich eine einfache Gleichung: Berg = Matterhorn = Schweiz, eine Weisheit, die auch die Werbebranche kennt.

Auf ins Gebirge!

An seiner Höhe allein kann es nicht liegen, dass uns das Matterhorn so fasziniert. Mit 4478 Metern ist das Matterhorn gegenüber den Bergkollegen ringsum von eher bescheidener Statur. Acht andere Viertausender überragen es in den Alpen, darunter die Montblanc-Gruppe, die Dufourspitze und der Liskamm.

Doch was ist es dann? Die Frage führt tief hinein in die Geschichte des Alpinismus – ins Jahr 1865, als der Wettlauf zu den schönsten Schweizer Gipfeln eigentlich schon fast zu Ende ist.

Nahezu ausschließlich sind es Engländer, die diesen Wettlauf unter sich ausmachen – die Schweizer selbst leben schon viel zu lange mit der imposanten Bergkulisse vor ihrer Haustür, um sich von ihr zu sportlichem Ehrgeiz oder andächtiger Bergfrömmigkeit hinreißen zu lassen.

Für gelangweilte englische Gentlemen dagegen wird der Bergsport im späten 18. Jahrhundert zum begehrten Nervenkitzel. Tritt für Tritt, Kletterstange für Steigeisen fallen die Gipfel der Alpen: 1777 der Triglav, 1786 der Montblanc, 1811 die Jungfrau, 1819 der Monte Rosa und die Zugspitze, 1850 der Piz Bernina. Nur ein Berg verweigert sich dem imperialen Eroberungsdrang: das Matterhorn.

Matterhorn-Gipfel und umgebende Berge

Unverkennbar zwischen den anderen Gipfeln

Pauschalreisen in die alpine Einsamkeit

Gerade wegen seiner Unbezwingbarkeit wird der abgelegene Gipfel zum Magneten des beginnenden Tourismus. In ihm bündelt sich alles, was Schweizbegeisterte aus ganz Europa fasziniert: ein raues Felsmassiv, das selbst routinierte Alpinisten im Innersten anrührt.

Am Fuß des Berges eine Wiesenlandschaft, die mit Edelweiß und Murmeltier wissensdurstige Naturforscher lockt. Im Tal schließlich ein paar gottesfürchtige Einheimische, die noch nicht an Fremde gewöhnt sind und damit dem Klischeebild vom unverdorbenen Schweizer aufs Romantischste entsprechen.

Zum Pionier des Matterhorn-Tourismus wird ein Seifenfabrikant aus dem Rhônetal: Alexander Seiler bringt 1855 mit dem Hotel "Monte Rosa" ersten Komfort ins verschlafene Zermatt. Wenig später gründen sich europaweit Alpenvereine – den Anfang machen die Engländer mit ihrem "Alpine Club" von 1857.

Schweiz-Reiseführer nehmen das Matterhorn als Sehenswürdigkeit auf und 1863 bietet der britische Unternehmer Thomas Cook die erste Pauschalreise in die Schweiz an. Hotelbesitzer Seiler lässt für die vielen englischen Touristen sogar eine anglikanische Kirche gleich neben der Zermatter Hauptstraße errichten.

Schwarzweiß-Fotografie eines kleinen Dorfs mit Holzhütten und einer Kapelle direkt unterhalb des Matterhorns

Bergeinsamkeit: das Dorf Findelen bei Zermatt

Gipfelsturm mit Todesfolge

Der Matterhorn-Gipfel bleibt indes unbezwungen. Und so entsteht am Fuß des spröden Felsens noch ein ganz anderer Geschäftszweig: Verarmte Bauernsöhne bieten sich verzweifelten Gipfelstürmern als Bergführer an. Und je knapper die Zahl unbesiegter Viertausender wird, desto zahlreicher strömen die Berghungrigen nach Zermatt.

Anfang der 1860er Jahre ist ein besonders Ehrgeiziger darunter. Der junge Brite Edward Whymper quartiert sich wieder und wieder bei Hotelier Seiler ein, versucht insgesamt sieben Mal, das Matterhorn zu bezwingen – und scheitert doch jedes Mal aufs Neue. Bis er am Morgen des 13. Juli 1865 einen weiteren Anlauf unternimmt, diesmal nicht, wie sonst, von der als leichter geltenden italienischen Seite aus, sondern über den berüchtigten Hörnligrat.

Viel entgegenzusetzen hat man dem Berg damals noch nicht. Statt atmungsaktiver Outdoor-Kleidung müssen sich die Gentlemen in standesgemäße Anzüge zwängen; die Seile sind aus Hanf und saugen sich bei Regen sofort mit Wasser voll. Eispickel und Steigeisen? Notdürftig selbst geschmiedet – wenn überhaupt vorhanden.

Luis Trenker am Matterhorn

Noch in den 1930ern war die Ausrüstung eher spartanisch

Immerhin: Edward Whymper kann den renommierten Bergführer Michel Croz aus Chamonix für seine Seilschaft gewinnen. Über Felsvorsprünge, Gletscherspalten und Schneefelder arbeiten sie sich Stunde für Stunde näher an den Gipfel heran. Am nächsten Morgen, es ist der 14. Juli 1865, haben sie ihr Ziel erreicht. Edward Whymper und seine sechs Gefährten sind die ersten Menschen auf dem Matterhorn.

Wenige Minuten später dann die Katastrophe. Vier der sieben Gipfelstürmer stürzen beim Abstieg in die Tiefe, darunter auch Bergführer Croz. Bei einem Rettungsversuch zwei Tage später kann Edward Whymper nur noch die verstreuten Überreste seiner Mitstreiter bergen. Vom Leichnam des jüngsten Expeditionsteilnehmers, des 18-jährigen Lord Douglas, fehlt bis heute jede Spur.

Von der Unverwüstlichkeit eines Mythos

Die Todesfälle lösen ein europaweites Medienbeben aus. In England debattieren die Zeitungen sogar über ein Verbot der waghalsigen Bergsucht, nicht zuletzt deshalb, weil es sich bei Lord Douglas um einen Verwandten der englischen Königin Victoria handelt. Seit Whympers zwiespältigem Triumph ist das andächtige Staunen angesichts des Matterhorn-Massivs immer auch vom Schauder begleitet.

Die Touristen lassen sich davon nicht schrecken, im Gegenteil: Der Todeskitzel verleiht dem Berg erst recht das gewisse Etwas. Bald werden die Zermatter Bauernsöhne nicht mehr nur als Bergführer gebraucht, sondern sie schleppen auch englische Ladys in langen Röcken zu den schönsten Aussichtspunkten und bauen die erste elektrische Zahnradbahn Europas. Seit 1898 fährt sie vom Zermatter Tal bis hoch zum Gornergrat, direkt unterhalb des Matterhorns bei Höhenmeter 3089 gelegen.

Eine rote Zahnradbahn fährt über ein Schneefeld, im Hintergrund das Matterhorn

Zahnradbahn mit Geschichte: die Gornergratbahn

Spätestens jetzt wird eine Woche in Zermatt zum Inbegriff des Schweizurlaubs – wenn auch die Bergbauern am Matterhorn noch immer nicht ganz ihren Frieden mit der neuen Zeit gemacht haben. 18 lange Jahre weigern sie sich, Hotelier Seiler zu einem der ihren zu erklären und ihm das Bürgerrecht der Gemeinde Zermatt zuzugestehen.

Heute sind solche Vorbehalte Bergschnee von gestern. Vom Matterhorn-Mythos lässt es sich gut leben. Nur in Zürich und Genf übernachten pro Jahr mehr Schweiz-Besucher als im 5600-Seelen-Dorf Zermatt. Vom Matterhorn in der Schneekugel bis zum Matterhorn-Geschirrtuch hat man an jede touristische Scheußlichkeit gedacht.

Nicht zu vergessen die unzähligen Markenartikel – von der Schokolade über den Käse bis zum Klappmesser – deren Emblemen das Matterhorn huldvoll seine Silhouette leiht. Allerdings: Dem Zauber kann all das nicht wirklich etwas anhaben. Noch immer verschlägt es jedem, der am Zermatter Kirchplatz zum ersten Mal einen Blick auf das Massiv wirft, den Atem.

Eine Frau ist ein Stück Toblerone-Schokolade

Verführerische Kopie des kantigen Originals

Autorin: Kerstin Hilt

Stand: 10.07.2018, 09:24

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