Königin Viktoria

Gemälde von Königin Viktoria

Viktorianisches Zeitalter

Königin Viktoria

Als Viktoria (1819 bis 1901) im Juni 1837 als 18-Jährige den Thron besteigt, steht es um das englische Königshaus nicht gerade zum Besten. Ihre Vorgänger sterben in geistiger Umnachtung oder sind beim Volk wegen ihres Lebenswandels höchst unbeliebt. Die junge Frau ist zunächst nicht einmal als Thronfolgerin vorgesehen. Aber ihr Vorgänger und Onkel William IV. verstirbt kinderlos.

Die Ehe

Die völlig unerfahrene junge Königin vertraut anfangs auf den Rat des liberalen Premierministers William Lamb Viscount Melbourne und ihres Onkels König Leopold I. von Belgien. Der wichtigste Mensch in ihrem Leben wird aber ab 1839 ihr gleichaltriger Mann Prinz Albert von Sachsen-Coburg-Gotha.

Ihre Hochzeit 1840 ist eine Liebesheirat, wie sie an europäischen Fürstenhöfen dieser Zeit nur selten vorkommt. Während Viktoria in den nächsten 18 Jahren neun Kinder zur Welt bringt, kümmert sich Albert um die Amtsgeschäfte. Ihre Ehe gilt als vorbildlich und glücklich.

Krönung von Victoria I., Königin von England

1837 wird Viktoria als 18-Jährige zur britischen Königin gekrönt

Die große Trauer

Das glückliche Familienleben am Hof von London wird im Dezember 1861 durch den Tod Prinz Alberts jäh unterbrochen. Bis zu ihrem Tod 40 Jahre später kommt Viktoria über diesen Verlust nicht hinweg.

Die ersten 20 Jahre nach Alberts Tod meidet sie vollständig jede Öffentlichkeit. Ihre schwarze Trauerkleidung wird zum öffentlichen Erscheinungsbild der Epoche. Gleichzeitig entspricht ihre tugendhafte Lebensführung und gewissenhafte Erfüllung ihrer Amtspflichten ganz den bürgerlichen Idealen ihrer Zeit.

Königin Viktorias außenpolitischer Einfluss besteht vor allem in ihren verwandtschaftlichen Beziehungen zu allen wichtigen Herrschaftshäusern Europas. Innenpolitisch steht sie für Kontinuität in Zeiten dauernden Wandels. Als erste Herrscherin bereist sie ausgiebig ihr Land, das sie 63 Jahre lang regiert und entscheidend prägt.

Königin Viktoria und Prinz Albert

Königin Viktoria und Prinz Albert waren glücklich verheiratet

Die viktorianische Gesellschaft

Vielleicht liegt ein wesentlicher Grund für Viktorias Beliebtheit bei ihren Untertanen in dem Umstand, dass sie als Person so gar nicht in die rasante Entwicklung des 19. Jahrhunderts passen will.

Viele Briten, darunter auch Intellektuelle aller politischen Richtungen, wünschen sich damals in selige vorindustrielle Zeiten zurück, als die Welt noch scheinbar geordnet und überschaubar war. Für sie verkörpert Viktoria genau diese Tradition. So wird die Familie in Zeiten stetigen Wandels die einzige verlässliche Konstante. Die Queen erweist sich als geradezu vorbildlicher Familienmensch.

Gemälde: Königin Viktoria mit Schwiegertochter und vier Enkeln

Die Königin gilt Zeit ihres Lebens als ausgesprochener Familienmensch

Oberflächlich gilt die Epoche als optimistisch und fortschrittsgläubig, doch ein Hang zur Melancholie, Puritanismus und Prüderie ist unverkennbar. Erfolg und gesellschaftlicher Aufstieg verlangen eine strikte Einhaltung gesellschaftlicher Konventionen.

Nach außen hochanständig, entsteht hinter der bürgerlich-viktorianischen Fassade allerdings ein moralischer Sumpf aus Prostitution und Pornografie, in den auch gelegentlich Verwandte der Königin eintauchen. Die öffentliche Geißelung solcher Lebenslügen und Scheinheiligkeit bringt den Dichter Oscar Wilde gleich mehrfach ins Gefängnis.

 Farblithographie: Königin Viktoria besteigt mit Ehemann und Gefolge einen Zug

Die Königin bereiste als erste Monarchin das ganze Land

Literatur zur Zeit Viktorias

Lesen können im England des 19. Jahrhunders durch die verbesserten Schulsysteme bald sogar die untersten Schichten. Doch erst mit der Abschaffung der Stempelsteuer 1855 werden Bücher und vor allem Zeitungen auch für ein Massenpublikum erschwinglich. Der Markt wird mit Romanen, Groschenheften und Boulevardzeitungen überschwemmt.

Zwar wandelt sich der Stil von der Romantik zu Anfang des Jahrhunderts zu einem immer stärkeren Realismus, ohne aber die romantische Ader aufzugeben.

Das zeigt sich exemplarisch an den Romanen Jules Vernes, der ausgiebig futuristische Technik in seinen Büchern beschreibt. Aber das Denken seiner Romanfiguren ist nach wie vor romantisch geprägt, so wie seine Bücher den Wunsch der Leser nach einer zeitweiligen Flucht aus der Wirklichkeit perfekt bedienen.

Die zunehmende Nachfrage nach Unterhaltungslektüre fördert die Entstehung von historischen Romanen ("Ivanhoe"), Schauerromanen ("Dracula"), Detektivgeschichten ("Sherlock Holmes") und manchmal sogar sozialkritischen Büchern ("Oliver Twist").

Christopher Lee als Sherlock Holmes

Sherlock Holmes ist ein Produkt des viktorianischen Zeitalters

Autor: Stefan Morawietz

Stand: 09.01.2019, 13:46

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