Nussknacker aus dem Erzgebirge

Traditionelle Soldaten- und Offiziersform bei Nussknackern

Erzgebirge

Nussknacker aus dem Erzgebirge

Außen hart – innen weich, das ist das Problem beim Nüsse knacken. Die Menschen im Erzgebirge haben dafür eine, inzwischen weltweit bekannte, Lösung gefunden: den Nussknacker als hölzerne Puppe. Zunächst wird ihm der Mund mit einer Nuss gestopft. Dann drückt man den Hebel am Rücken herunter und bewegt so den Oberkiefer nach oben. Diesem Druck hält auch die härteste Nuss nicht stand.


Geiziger Bauer oder Kopie?

Wie der Nussknacker ins Erzgebirge kam, darüber gibt es verschiedene Theorien. Der Legende nach lebte vor langer Zeit ein reicher, geiziger Bauer in der Region. Er aß nicht nur die vielen Nüsse ganz alleine, er war auch noch zu faul sie zu knacken. So bot er demjenigen eine Belohnung, der herausfinde, wie man ohne Mühe an den leckeren Kern herankommen könne.

Viele Vorschläge wurden gemacht. Den Puppenschnitzer des Dorfes aber sah man drei Tage in seiner Werkstatt arbeiten. Dann zeigte er ein hölzernes Männlein, mit großem Mund und kräftigem Kiefer zum Knacken der begehrten Frucht.

Der reiche Bauer war begeistert. Er schenkte dem Puppenschnitzer eine neue Werkstatt, aus der fortan die schönsten und kräftigsten Nussknacker in alle Welt gingen.

Wissenschaftlich betrachtet liegt die Wiege des Nussknackers allerdings nicht im Erzgebirge. Solche hölzernen Figuren wurden in anderen Regionen Mitteleuropas viel früher hergestellt.

Erst Mitte des 19. Jahrhunderts feierte er seinen Einzug in die Bergbauregion. Da war der Nussknacker bereits durch Märchen und Bilderbücher vom reinen Gebrauchsgegenstand zum Spielzeug aufgestiegen.

Im Erzgebirge boomte zu der Zeit das Holzhandwerk und Spielzeugmachen. Die Bergmänner besserten sich dadurch ihren kargen Lohn auf. Mit dem Nussknacker witterten sie eine Marktnische – und sollten Recht behalten.

Soldat, König oder Mickey Mouse

Doch wie unterscheidet sich ein Nussknacker aus dem Erzgebirge von anderen? Zunächst stellten die Bergleute ihnen vertraute Figuren her. So entstanden Nüsse knackende Bergmänner in Paradeuniformen, Steiger oder Hauer. Diese Tradition hat sich bis heute gehalten.

Prägend war da auch das Schaffen von Friedrich Wilhelm Füchtner. Um 1870 malte er seinen Figuren eine Krone auf den Steigerhut – die Geburtsstunde des berühmten Nussknackerkönigs.

Früh entwickelten sich auch andere Motive wie Soldat, Förster, Gendarm oder König. Dass dies alles Vertreter der Oberschicht waren, ist kein Zufall.

Wenigstens in der Weihnachtszeit sollte man ihnen das Maul mit einer Nuss stopfen können. Einmal mussten sie harte Arbeit für die armen Leute verrichten. Ob das der Grund ist, warum Nussknacker aus dem Erzgebirge immer so grimmig dreinschauen?

Heutzutage richtet sich die Herstellung der Figuren, neben traditionellen Motiven, auch nach dem Zeitgeschmack. Besonders beliebt: Koch, Arzt und andere Berufsgruppen. Aber auch Ritter, Weihnachtsmänner, Mickey Mouse und Darth Vader aus dem Film "Star Wars" werden im Erzgebirge zum Nüsse knacken verdonnert. Schließlich geht die Produktion bis zu 80 Prozent ins Ausland, vor allem in die USA.

Vom Holzklotz zum hölzernen Helfer

In etwa 130 Arbeitsgängen entsteht ein Nussknacker. Nur gut abgelagertes und trockenes Holz, hauptsächlich Fichte und Buche aus einheimischen Wäldern, findet Verwendung.

Zunächst wird ein Vierkantholz zu einem Zylinder gedrechselt, dem späteren Oberkörper der Figur. Dann folgen die Einkerbungen von Kopf, Hals und Rockende. Anschließend wird das Maul eingefräst.

Der für das Knacken der Nüsse wichtige Hebel mit Unterkiefer wird aus einem anderen Stück Holz ausgesägt und später im Maul befestigt. Arme, Beine und Sockel werden separat gedreht, Füße und Nase aus Holzstückchen geschnitzt.

Wenn die Einzelteile farbig lackiert sind, leimt man sie zusammen. Die Verzierungen werden anschließend per Hand aufgemalt. Zu guter Letzt bekommt der Nussknacker sein Haar und den Bart, meist aus Kaninchenfell, aufgeklebt. So viel Handarbeit hat ihren Preis: Mindestens 45 Euro kostet solch ein grimmiger Helfer aus dem Erzgebirge.

Invasion der Nussknacker

Mal wird die Nuss durch eine herabfallende Kugel zerschlagen, durch Zahnräder zerquetscht oder durch Schrauben aufgebrochen: zu sehen im einzigartigen Nussknackermuseum der Familie Löschner in Neuhausen, Erzgebirge.

Über 4400 Nussknacker aus 30 verschiedenen Ländern und vier Jahrhunderten gibt es dort zu bestaunen. Erotisches kommt aus England: Nackte Nymphen als Nusszangen. Die wohlgeformten Beine zerdrücken die Schale.

Holznussknacker in Form einer nackten Frau. Zwischen ihren Schenkel werden die Nüsse geknackt.

Die erotische Variante

Exotischer ist der Knacker für Kokosnüsse aus Thailand. Aus einem Holzstamm ist in Form einer Echse eine Sitzbank geschnitzt. An einem Ende ragt eine gezackte Metallzunge in die Höhe. Damit wird die Kokosnuss zunächst gespalten und dann das Fruchtfleisch herausgekratzt.

Eine Alternative: Der größte Nussknacker der Welt, als echt erzgebirgischer Nussknackerkönig. Der 5,87 Meter hohe Koloss ist Eigenbau der Familie Löschner. Und er funktioniert – er knackt Kokosnüsse.

Autorin: Birgit Amrehn

Stand: 02.10.2017, 13:39

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