Der Zölibat

Christentum

Der Zölibat

Keine Ehe, keine Kinder, kein Sex – immer noch verpflichten sich katholische Priester bei der Weihe zu dieser Lebensform. Seit etwa 900 Jahren ist der Zölibat (abgeleitet vom lateinischen Wort "caelebs" = "ehelos") für katholische Geistliche Gesetz. Und genauso lange wird über die Vorschrift diskutiert. Anders als früher werden die Kritiker in den eigenen Reihen der katholischen Kirche heute nicht mehr direkt von oberster Stelle abgemahnt. Aber kein Papst hat bislang den Zölibat ernsthaft in Frage gestellt.

Von Gott gewollt?

"Jesus hat es so vorgelebt", sagen Verfechter des Zölibats. Tatsächlich steht in der Bibel, dass Jesus unverheiratet blieb. Als Schlüsselstelle für Gläubige gilt sein im Evangelium von Matthäus zitierter Satz: "Nicht alle können dieses Wort erfassen, sondern nur die, denen es gegeben ist. Denn es ist so: Manche sind von Geburt an zur Ehe unfähig, manche sind von den Menschen dazu gemacht und manche haben sich selbst dazu gemacht um des Himmelreiches willen."

Die Anhänger des Zölibats interpretieren die Stelle so, dass die Ehe für Diener Gottes "um des Himmelreiches willen" zu meiden sei.

Auf der anderen Seite gibt es keine Bibelstelle, die darauf hinweist, dass Jesus die Ehelosigkeit von seinen Jüngern verlangt hat. Er forderte, dass sie "sanftmütig" und "demütig" sein sollten "wie der Vater und ich", aber nirgendwo heißt es: "Verheiratet Euch nicht."

Auch Paulus schreibt in seinen Korintherbriefen: "Was die Frage der Ehelosigkeit angeht, so habe ich kein Gebot vom Herrn." Viele der Jünger Jesu waren verheiratet. So ist in der Bibel zum Beispiel von der "Schwiegermutter des Petrus" die Rede. Und Petrus gilt nach katholischer Auffassung immerhin als erster Papst.

Familienväter als Priester

Nach der Gründung der christlichen Kirche konnten Priester und Bischöfe jahrhundertelang selbst entscheiden, ob sie heiraten wollten. Die Forderung "kein Sex für Priester" wurde sinngemäß erstmals auf der Synode von Elvira im Jahr 306 nach Christus laut.

Damals beschlossen Priester und Bischöfe, dass christliche Geistliche auch in der Ehe enthaltsam leben sollten. Sie wollten das Gesetz, das zunächst nur für Spanien galt, in der gesamten christlichen Welt durchsetzen. Doch ihr Versuch scheiterte.

Im ersten Jahrtausend nach Christus versuchte die Kirche, unkeusche Priester zu bestrafen oder Priesterkinder für unehelich erklären zu lassen. Frauen, die Geschlechtsverkehr mit Geistlichen hatten, wurden vom Benediktinermönch Damian (1006 - 1072) als "Lockspeise des Satans" beschimpft.

Trotz der weit verbreiteten Auffassung, dass der Zölibat die angemessene Lebensweise sei, war im ersten Jahrtausend nach Christus ein großer Teil der Pfarrer verheiratet.

Der Holzstich zeigt eine kirchliche Hochzeit im 13. Jahrhundert.

Im Mittelalter durften Priester noch heiraten

Der Zölibat wird Pflicht

Was mehr als tausend Jahre als Ideal galt, wurde im 12. Jahrhundert Kirchengesetz. Unter Papst Innozenz II. wurde 1139 auf dem zweiten Lateran-Konzil beschlossen, dass der Zölibat für christliche Priester auf der ganzen Welt Pflicht wird. Bestehende Ehen von Geistlichen wurden für ungültig erklärt.

Die spirituelle Begründung für die Ehelosigkeit und Enthaltsamkeit lautete "um des Himmelreiches willen". Es gab aber auch weltliche Gründe: Die Kirchengüter sollten bewahrt und vermehrt werden. Schließlich vererbten verheiratete Priester ihren Besitz ihren Kindern. Das Hab und Gut alleinstehender Kleriker fiel dagegen nach deren Tod der Kirche zu.

Auf dem Papier war der Zölibat mit dem Konzilbeschluss endgültig festgeschrieben, aber nicht alle Priester hielten sich daran. Viele weigerten sich, ihre Frauen und Kinder zu verlassen. Auch in den folgenden Jahrhunderten konnte bei vielen Klerikern von bedingungsloser Keuschheit keine Rede sein.

Der Bischof von Basel soll 20 Kinder gezeugt haben, der Bischof Heinrich von Lüttich sogar mehr als 60. Selbst Päpste nahmen das Enthaltsamkeitsversprechen nicht immer ernst: So soll Innozenz VIII. im 15. Jahrhundert 16 Kinder gehabt haben, sein Nachfolger Alexander VI. immerhin fünf.

Das Foto zeigt Priester, Mönch und Bischof in die Kirche St. Michael in Köln.

Die Kleriker im Mittelalter wollten Kirchengüter bewahren

Bis heute ein Streitthema

Diskussionen zum Thema Zölibat gibt es bis heute. Der suspendierte Priester und Kirchenkritiker Eugen Drewermann etwa sagte 2010 in einem Interview mit Deutschlandradio Kultur, der Sinn des Zölibats liege darin, Macht über die Seele von Menschen zu bekommen.

Aber auch prominente CDU-Politiker wie Norbert Lammert und Annette Schavan sowie rund 150 angesehene katholische Theologen forderten in den letzten Jahren öffentlich ein Ende der Zölibats-Pflicht.

Der Zölibat halte junge Männer davon ab, Priester zu werden, argumentieren die Zölibats-Gegner. Sie führen den Nachwuchsmangel in der katholischen Kirche auf die Keuschheitspflicht zurück.

Absurd seien zudem die Ausnahmeregelungen, die es in der katholischen Kirche für den Zölibat gebe. Priester der mit Rom vereinigten Ostkirchen dürften zum Beispiel heiraten – dort gelte die Ehelosigkeit nur für Bischöfe.

Auch Männer, die konvertiert sind und zu katholischen Priestern geweiht werden, könnten weiter mit ihren Familien zusammenleben. Nicht zuletzt sei mit dem Zölibat viel Leid und Heuchelei verbunden, denn viele Priester hätten heimliche Beziehungen zu Frauen, so die Kritiker.

Die Verteidiger des Zölibats halten dagegen, dass man als Priester "um des Himmelreiches willen" dem Beispiel des unverheirateten Jesus folge. Von einem Zwangszölibat könne keine Rede sein, da sich die Priester freiwillig zu diesem "Geschenk an Gott" verpflichteten.

Und während Familienväter sich um Frau und Kinder sorgen müssten, könne der unverheiratete Priester sich voll und ganz Gott und den Menschen in seiner Gemeinde widmen.

Das Foto zeigt einen Priester, der sich die Hand vor das Gesicht hält, mit einer Frau.

Viele Priester leben heimlich in einer Beziehung

Reformen in Sicht?

2014 titelten viele Zeitungen, Papst Franziskus wolle das Zölibats-Problem angehen. Sie beriefen sich auf ein Interview, das der Papst der italienischen Zeitung "La Repubblica" gegeben hatte. Darin hatte er angedeutet, dass er für die Zölibatsfrage Lösungen finden wolle.

Weniger Aufsehen erregte die Tatsache, dass der Vatikan die angeblichen Äußerungen umgehend dementierte. Tatsächlich lässt bislang keine Aussage von Papst Franziskus darauf schließen, dass er den Zölibat reformieren will.

Das Buch "Papst Franziskus – Mein Leben, mein Weg. El Jesuita" enthält ein Interview, das er noch in seiner Zeit als Kardinal und Erzbischof von Buenos Aires gegeben hat. Darin erzählt der heutige Papst folgenden Witz über zwei Priester: "Der eine Priester fragt: 'Wird ein neues Konzil den Pflichtzölibat aufheben?' Der andere: 'Ich glaube ja.' Der erste: 'Jedenfalls werden wir das nicht mehr erleben, sondern höchstens unsere Kinder.'"

Papst Franziskus, der einen Weihrauchbehälter schwenkt.

Papst Franziskus hält bislang am Zölibat fest

Autorin: Annette Holtmeyer

Stand: 14.09.2017, 15:00

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