Heiligenfigur der betenden Madonna

Religion

Heiligenverehrung

Heilige sind Menschen, die besonders fest in ihrem Glauben gestanden und ein besonders gottesfürchtiges, vorbildliches Leben geführt haben. Die katholische Kirche verehrt Heilige als besondere Mittler zwischen den Menschen und Gott.

Von Sabine Kaufmann

Märtyrer

Die ersten Heiligen, die das Christentum kennt, sind die Märtyrer, was wörtlich aus dem Griechischen übersetzt Zeugen bedeutet. Es waren die ersten Christen, die bis zum Tode für ihren Glauben eintraten.

Unter den Märtyrern sind Männer wie Sankt Stefan oder Sankt Sebastian, die grausam gefoltert und hingerichtet wurden. Auch Frauen zählen dazu – wie die heilige Felicitas, die sogar eine Frühgeburt einleitete, um gemeinsam mit ihren Gefährtinnen hingerichtet zu werden.

Unter dem römischen Kaiser Diokletian erreichte die Christenverfolgung im 3. Jahrhundert ihren Höhepunkt. Die ersten Christen, die sich weigerten, den römischen Göttern zu opfern, galten als Staatsfeinde und wurden verfolgt und getötet.

Büste von Diokletian

Unter Kaiser Diokletian galten die Christen als Staatsfeinde

Einsiedler

Unter dem römischen Kaiser Konstantin wurde das Christentum zur Staatsreligion. Damit endete die Verfolgung der Christen. Als vorbildlich galten nunmehr Menschen, die asketisch und rein lebten. Sie kehrten der Welt den Rücken, um ganz in ihrem Glauben aufzugehen.

Es waren Eremiten, die zurückgezogen in den Wäldern ihrer Heimat, in Höhlen, Kartausen oder an anderen abgelegenen Orten wohnten. Nach einigen Jahren kehrten sie aus ihrer Einsiedelei zurück und predigten das Evangelium.

Zu ihnen gehört der Heilige Korbinian, der zuerst als Eremit lebte und schließlich aus dem gallo-fränkischen Raum nach Bayern zog, um Missionsarbeit zu leisten. Als Prototyp des Mönchs, der in die Einsamkeit geht, fastet und allen weltlichen Verlockungen widersteht, gilt der Heilige Antonius. Die Wüste, in der er lebt, wird zum Ort des Heils.

Figur des heiligen Korbinian mit Altöttinger Madonna

Der Heilige Korbinian lebte zunächst als Eremit

Bischöfe und Ordensleute

Im Laufe der Jahrhunderte gingen viele Heilige aus dem Kreis der Bischöfe und Ordensleute hervor. Sie galten als besonders keusch, rein und entsprachen dem moralischen Ideal der katholischen Kirche.

Zu den ersten Bischöfen, die heiliggesprochen wurden, zählt der Heilige Martin von Tours. Berühmt ist die Legende, dass er an einem kalten Wintertag einem Bettler die Hälfte seines Mantels überließ. Martin von Tours konnte sich dem Leid des armen Mannes nicht entziehen. Er trat für die Hilfsbedürftigen und Schwachen ein, sein Werk machte ihn zu einem Heiligen.

Einem solchen Menschen wird Gott, so der Glaube, keine Bitte abschlagen. Der Heilige wird fortan zum Mittler zwischen Gott und den Gläubigen.

Gemälde: St. Martin teilt seinen Mantel für einen Bettler

Bischof Martin von Tours – auch bekannt als Sankt Martin

Höhepunkt der Heiligenverehrung

Im Mittelalter waren die Heiligen allgegenwärtig, im Gottesdienst, bei Heiligenfesten und Prozessionen. Die Lebensbeschreibungen von Heiligen waren bei lesekundigen Damen aus dem Adel eine beliebte Lektüre.

In allen Lebenslagen, von der Geburt bis zum Tod, wandte man sich an sie. Bei Krankheiten – ob Geburtswehen, Halsschmerzen, Magenleiden oder Todesängsten – richtete man seine Gebete speziell an die 14 Nothelfer, eine Heiligengruppe von elf Männern und drei Frauen, die alle als Märtyrer starben. Im frühen Mittelalter verbreitete sich die Nothelferverehrung von Franken über das Gebiet des Deutschen Reiches bis nach Nordeuropa.

Durch die Fürsprache eines Heiligen erhoffte man sich eine göttliche Gunst. Noch sehr viel stärker als heute hatten die Menschen des Mittelalters ein Bedürfnis nach göttlicher Nähe. Da Jesus Christus und Gott für den Einzelnen unerreichbar schienen, wandte man sich an die Heiligen, die, so die Auffassung der Kirche, schlichtweg näher bei Gott waren.

Vierzehn Nothelfer, eine Heiligengruppe von elf Männern und drei Frauen

14 Nothelfer, eine Heiligengruppe von elf Männern und drei Frauen

Reliquien

Angebetet wurde nicht nur die Person eines Heiligen, sondern auch seine Reliquien. Verehrung fanden die Knochen oder Blutstropfen eines Heiligen, die man in wunderbar verzierten Gefäßen sammelte und auf verschiedene Kirchen verteilte.

Zu den Reliquien gehörten aber auch Gegenstände, die der Heilige berührt hatte. Die bedeutendsten Reliquien schließlich sollen von Christus selbst stammen, wie der Heilige Rock in Trier oder die Dornenkrone in Paris.

Auch dort, wo sich das Grab eines Heiligen befand, erhoffte man sich Hilfe und pilgerte zu den heiligen Reliquien. Eines der bedeutendsten Heiligengräber ist in der Kathedrale von Santiago de Compostela in Galizien. Dort soll der Leichnam des Apostels Jakobus ruhen. Der größte Pilgermagnet jedoch war Rom mit den Gräbern des Heiligen Petrus und Paulus.

Vom Treppengeländer aus schaut man auf einen beleuchteten Sarg hinter Glas.

Beliebte Pilgerstätte: das Grab des Heiligen Petrus in Rom

Besonders Fürsten, Könige und Kaiser des Mittelalters, wie Karl IV., waren eifrige Reliquiensammler. Durch den Erwerb einer Reliquie hoffte man sich einen Platz im Himmel sichern zu können. Außerdem glaubte man, dass von den Reliquien eine schützende und heilende Kraft ausging.

Luther

Der Reformator Martin Luther ging strikt gegen die ausufernde Heiligenverehrung vor. Er rückte wieder Christus als Fürsprecher ins Zentrum der Verehrung. Für Luther gab es nur einen Mittler zu Gott: Jesus Christus selbst.

Außerdem vertrat er vehement die Auffassung, dass nur Gott heilig ist. Nur wer gestorben ist, kann einen Anteil an Gottes Heiligkeit erlangen. Die protestantische (evangelische) Kirche kennt bis heute keine Heiligen.

Ölgemälde von Martin Luther mit brauner Robe und schwarzem Hut

Luther war gegen die Heiligenverehrung

Heilige von heute

Unter Papst Johannes Paul II. gab es eine Flut von Selig- und Heiligsprechungen. In seiner 25-jährigen Amtszeit sprach der Papst, dem allein dieses Recht zusteht, 1345 Personen selig und 483 Menschen heilig. Darunter auch so umstrittene Figuren wie den Opus-Dei-Gründer Josemaría Escrivá.

Aufgeklärte und ökumenisch orientierte Theologen wollen den Begriff Heilige ausweiten und vertreten die Auffassung, dass Heilige letztendlich Gewissenstäter sind, die für ihren Glauben eingetreten und gestorben sind. Trotz Verfolgung und Folter haben sie ihrem Ideal nicht abgeschworen. Deswegen zählen sie Dietrich Bonhoeffer und Martin Luther King genauso zu den Heiligen wie Mutter Teresa oder Edith Stein.

Heilige Lebensweise bedeutet die Nachfolge Christi anzutreten. Solidarität mit den Ärmsten, wie es Mutter Teresa praktiziert hat, der Kampf für die Befreiung aus Unterdrückung, den Martin Luther King mit dem Leben bezahlte, oder das Festhalten am Glauben in totalitären Zeiten, wie es Dietrich Bonhoeffer vorgelebt hat, zählen zu den christlichen Grundprinzipien.

Schwarzweiß-Porträt von Martin Luther King

Martin Luther King – ein Heiliger von heute?

Spricht man heute von Heiligen, geht es weniger um eine Reduzierung auf eine moralische Lebensführung im Sinne der Amtskirche, sondern um die Nachfolge von Jesus, in der die Heiligkeit in Gott erst sichtbar wird.

Quelle: SWR | Stand: 14.01.2020, 14:48 Uhr

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