Heiligenverehrung

Religion

Heiligenverehrung

Heilige, so sind die Psalmen zu verstehen, stehen Gott besonders nahe. Es sind Menschen, die zu Gott gehören oder in denen er seine Taten wirksam werden lässt. Heilige zeichnen sich durch ihre Glaubensfestigkeit und ihre vorbildliche Lebensweise aus. Oft werden ihnen auch Wunder zugeschrieben. Die katholische Kirche verehrt Heilige als besondere Mittler zwischen den Menschen und Gott.

Märtyrer

Der Apostel Petrus, dargestellt in einem Gemälde von Camillo Procaccini

Petrus - erster Bischof von Rom

Die ersten Heiligen, die das Christentum kennt, sind die Märtyrer, was wörtlich aus dem Griechischen übersetzt Zeugen bedeutet. Es waren die ersten Christen, die bis zum Tode für ihren Glauben eintraten. Unter den Märtyrern sind Männer wie St. Stefan oder St. Sebastian, die grausam gefoltert und hingerichtet wurden. Mit ihrem Blut legten sie Zeugnis für Christus ab. Unter den ersten Glaubenszeugen sind auch viele Frauen, die sich aus eigenem Entschluss für die Nachfolge Christi entschieden. Dazu gehört die heilige Felicitas, die sogar eine Frühgeburt einleitete, um gemeinsam mit ihren Gefährtinnen hingerichtet zu werden. Unter dem römischen Kaiser Diokletian erreichte die Christenverfolgung im 3. Jahrhundert ihren Höhepunkt. Die ersten Christen, die sich weigerten, den römischen Göttern zu opfern, galten als Staatsfeinde und wurden verfolgt und getötet.

Einsiedler

Statue des heilgen St. Korbinians

Der Heilige Korbinian lebte zunächst als Eremit

Unter dem römischen Kaiser Konstantin wurde das Christentum zur Staatsreligion erhoben. Damit endete die Verfolgung der Christen. Als vorbildlich galten nunmehr Menschen, die asketisch und rein lebten. Sie kehrten der Welt den Rücken, um ganz in Christus aufzugehen. Es waren Eremiten, die zurückgezogen in den Wäldern ihrer Heimat, in Höhlen, Kartausen oder an anderen abgelegenen Orten wohnten. Nach einigen Jahren kehrten sie aus ihrer Einsiedelei zurück und predigten das Evangelium. Zu ihnen gehört der Heilige Korbinian, der zuerst als Eremit lebte und schließlich aus dem gallo-fränkischen Raum nach Bayern zog, um Missionsarbeit zu leisten. Als Prototyp des Mönchs, der in die Einsamkeit geht, fastet und allen weltlichen Verlockungen widersteht, gilt der Heilige Antonius. Die Wüste, in der er lebt, wird zum Ort des Heils.

Bischöfe und Ordensleute

Auffallend ist, dass im Laufe der Jahrhunderte aus dem Kreis der Bischöfe und Ordensleute viele Heilige hervorgingen. Sie galten als besonders keusch, rein und entsprachen dem moralischen Ideal der katholischen Kirche. Zu den ersten Bischöfen, die heiliggesprochen wurden, zählt der Heilige Martin von Tours. Überliefert ist die Legende, dass er an einem kalten Wintertag einem Bettler die Hälfte seines Mantels überlässt. Martin von Tours kann sich dem Leid des armen Mannes nicht entziehen. Er tritt vor Gott für die Hilfsbedürftigen und Schwachen ein, sein Werk macht ihn zu einem Heiligen. Einem solchen Menschen wird Gott, so der Glaube, keine Bitte abschlagen. Der Heilige wird fortan zum Mittler zwischen Gott und den Gläubigen.

Höhepunkt der Heiligenverehrung

Im Mittelalter waren die Heiligen allgegenwärtig, im Gottesdienst, bei Heiligenfesten und Prozessionen. Die Lebensbeschreibungen von Heiligen waren bei lesekundigen Damen aus dem Adel eine beliebte Lektüre.

In allen Lebenslagen, von der Geburt bis zum Tod, wandte man sich an sie. Bei Krankheiten - ob Geburtswehen, Halsschmerzen, Magenleiden oder Todesängsten - richtete man seine Gebete speziell an die 14 Nothelfer, eine Heiligengruppe von elf Männern und drei Frauen, die alle als Märtyrer starben. Im frühen Mittelalter verbreitete sich die Nothelferverehrung von Franken über das Gebiet des Deutschen Reiches bis nach Nordeuropa.

Vierzehn Nothelfer, eine Heiligengruppe von elf Männern und drei Frauen

14 Nothelfer, eine Heiligengruppe von elf Männern und drei Frauen

Durch die Fürsprache eines Heiligen erhoffte man sich eine göttliche Gunst. Noch sehr viel stärker als heute hatten die Menschen des Mittelalters ein Bedürfnis nach göttlicher Nähe. Da Christus und Gott für den Einzelnen unerreichbar schienen, wandte man sich an die Heiligen, die, so die Auffassung der Kirche, schlichtweg näher bei Gott waren.

Reliquien

Angebetet wurden nicht nur die Person eines Heiligen, sondern auch seine Reliquien. Verehrung fanden die Knochen oder Blutstropfen eines Heiligen, die man in wunderbar verzierten Gefäßen sammelte und auf verschiedene Kirchen verteilte. Zu den Reliquien gehörten aber auch Gegenstände, die der Heilige berührt hatte. Die bedeutendsten Reliquien schließlich sollen von Christus selbst stammen, wie der Heilige Rock in Trier oder die Dornenkrone in Paris.

Auch dort, wo sich das Grab eines Heiligen befand, erhoffte man sich Hilfe und pilgerte zu den heiligen Reliquien. Eines der bedeutendsten Heiligengräber ist die Kirche Santiago de Compostela in Galizien. Dort soll der Leichnam des Apostels Jakobus ruhen. Der größte Pilgermagnet jedoch war Rom mit den Gräbern des Heiligen Petrus und Paulus. Besonders Fürsten, Könige und Kaiser des Mittelalters, wie Karl IV., waren eifrige Reliquiensammler. Durch den Erwerb einer Reliquie hoffte man sich einen Platz im Himmel sichern zu können. Außerdem glaubte man, dass von den Reliquien eine schützende und heilende Kraft ausging.

Luther

Der Reformator Luther ging strikt gegen die exzessive Heiligenverehrung vor. Er rückte wieder Christus als Fürsprecher ins Zentrum der Verehrung. Für Luther gab es nur einen Mittler zu Gott und das ist Christus selbst. Außerdem vertrat er vehement die Auffassung, dass nur Gott heilig ist. Nur wer gestorben ist, kann einen Anteil an Gottes Heiligkeit erlangen. Die Protestantische Kirche kennt bis heute keine Heiligen.

Heilige von heute

Unter Papst Johannes Paul II. gab es eine Flut von Selig- und Heiligsprechungen. In seinem 25-jährigen Pontifikat sprach der Papst, dem allein dieses Recht zusteht, 1345 Personen selig und 483 Menschen heilig. Darunter auch so umstrittene Figuren wie den Opus-Dei-Gründer Josemaría Escrivá.

Aufgeklärte und ökumenisch orientierte Theologen wollen den Begriff Heilige ausweiten und vertreten die Auffassung, dass Heilige letztendlich Gewissenstäter sind, die für ihren Glauben eingetreten und gestorben sind. Trotz Verfolgung und Folter haben sie ihrem Ideal nicht abgeschworen. Deswegen zählen sie einen Dietrich Bonhoeffer oder einen Martin Luther King genauso zu den Heiligen wie Mutter Teresa oder Edith Stein.

Heilige Lebensweise bedeutet die Nachfolge Christi anzutreten. Solidarität mit den Ärmsten, wie es Mutter Teresa praktiziert hat, der Kampf für die Befreiung aus Unterdrückung, den Martin Luther King mit dem Leben bezahlte, oder das Festhalten am Glauben in totalitären Zeiten, wie es Dietrich Bonhoeffer vorgelebt hat, zählen zu den christlichen Grundprinzipien. Spricht man heute von Heiligen, geht es weniger um eine Reduzierung auf eine moralische Lebensführung im Sinne der Amtskirche, sondern um die Nachfolge Christi, in der die Heiligkeit in Gott erst sichtbar wird.

Autor/in: Sabine Kaufmann

Stand: 13.11.2014, 12:00

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