Mutter Teresa

Porträt von Mutter Theresa in höherem Alter

Kalkutta

Mutter Teresa

Von Götz Bolten

Das Leben von Mutter Teresa liest sich wie eine klerikale und menschliche Erfolgsgeschichte: Friedensnobelpreis, Gründung eines weltweit operierenden Ordens bis zur Seligsprechung durch den Papst in Rekordzeit. Doch nicht nur in Kalkutta, ihrem Lebens- und Wirkensmittelpunkt, wird an der Großherzigkeit der kleinen Nonne gezweifelt.

Auftrag von ganz oben

Mutter Teresa wurde 1910 als Agnes Gonxha Bojaxhiu in Skopje im heutigen Mazedonien geboren. Sie hat von sich behauptet, sie habe nie den "großen Weg" vor Augen gehabt, sondern immer nur den einzelnen leidenden Menschen. Sie sagte, dass man kein perfektes Konzept haben, sondern einfach anfangen muss.

Und sie tat genau das. Mit 18 verwirklichte sie ihren Kindheitstraum und trat dem irischen Orden der "Schwestern der Loreto" bei.

1929 kam sie in Indien an und arbeitete in den nächsten Jahren als Lehrerin in Colombo, Madras und Kalkutta. Das Elend auf den Straßen ging ihr sehr nah. Schon früh verspürte sie den Drang, nicht nur zu lehren, sondern zu helfen. 1937 fand sie ihre Berufung. Gott, so erzählte sie, habe ihr ein Zeichen gegeben, sie solle sich um die Armen kümmern.

Trotz der Weisung von ganz oben dauerte es noch ein weiteres Jahrzehnt, bis der damalige Papst sie für ihre Arbeit mit den Bedürftigen freistellte. Teresa wartete geduldig – schon in jungen Jahren war ihr Glauben an die Kirche und an das Wort des Papstes unerschütterlich.

Missionarin der Nächstenliebe

Teresa machte ein dreimonatiges Praktikum in einem Hospital und begann dann, sich um die Armen, Kranken und Sterbenden auf den Straßen Kalkuttas zu kümmern. Sie lebte unter ihnen und immer mehr Nonnen schlossen sich ihr an. In den Armenvierteln der Stadt richtete sie eine Schule ein.

Anerkannt von Papst Pius XII. und der indischen Regierung bezog Mutter Teresas 1950 gegründeter Orden "Missionarinnen der Nächstenliebe" ein dreistöckiges Haus in Kalkutta und machte es zur Zentrale.

Teresa eröffnete Waisenhäuser, eine Lepra-Kolonie, eine Tuberkuloseklinik und ein Heim für ledige Mütter. Ab 1965 expandierte ihr wohltätiges Unternehmen auch ins Ausland. Der unternehmerische Geist für ihre Mission wurde ihr in die Wiege gelegt: Ihr Vater war ein erfolgreicher Bauunternehmer.

Schwarzweiß-Bild: Mutter Teresa impft ein Kind

Mutter Teresa kümmerte sich um die Armen auf der Straße

PR in eigener Sache

Durch zahlreiche Presseberichte über ihr außergewöhnliches Engagement wurde Teresa weltweit bekannt. Obwohl sie keinen hohen kirchlichen oder politischen Status innehatte, fühlten sich die Mächtigen dieser Welt durch ihren Besuch geehrt.

Doch Teresa ging es nicht um ein High-Society-Leben oder gar um Macht. Sie war sehr geschickt darin, bei ihren Gastgebern die Spendenlust zu wecken und sammelte so weiteres Geld für ihre Projekte: "Es macht Freude zu geben, aber es macht auch Freude zu nehmen."

Ein Leben für die Schwachen

Für ihre Arbeit wurde Mutter Teresa mit Lob, Anerkennung und Preisen überschüttet. Auf den Friedenspreis des Papstes 1971 folgte der Friedensnobelpreis 1979. Den nahm die Nonne stellvertretend für alle "Nackten, Hungrigen, Verkrüppelten, Blinden und Armen sowie für alle Menschen, die ausgestoßen sind" entgegen.

Das Geld für das anschließend geplante Festbankett ließ sie sich auszahlen und organisierte damit ein Weihnachtsfest für mehr als 2000 arme Inder. Auch das Luxusauto, das der Papst ihr bei seinem Indienbesuch schenkte, wurde prompt in Rupien umgesetzt.

Übergabe des Friedensnobelpreises an Mutter Teresa

1979 erhielt Mutter Teresa den Friedensnobelpreis

Populäres Feigenblatt des Vatikans

Die Kritiker von Mutter Teresa zeichnen ein anderes Bild von ihrem Leben. Sie sehen in ihr in erster Linie eine Vertreterin des Vatikans, die ihr gutes Ansehen dazu nutzte, erzkonservatives katholisches Gedankengut weltweit zu verbreiten. Die Anschuldigungen gehen so weit, dass behauptet wird, die Spendengelder kämen nicht bei den Bedürftigen auf Kalkuttas Straßen an, sondern auf den Konten des Vatikans.

Kritiker unterstellen, dass auch die soziale Arbeit unter Teresas Katholizismus gelitten habe: Kranke seien nicht mit Schmerzmitteln versorgt worden, um sie durch ihre Schmerzen Jesus näher zu bringen.

Ärzte bemängelten, dass Kranke, von denen Ansteckungsgefahr ausging, nicht isoliert behandelt und hygienische Standards in den Missionszentren nicht eingehalten würden. "Wir sind Nonnen und keine Krankenschwestern", entgegnete Teresa solchen Vorwürfen.

Abtreibung und Geburtenkontrolle

Neben den zahlreichen Gerüchten, die größtenteils auf unbeweisbaren Behauptungen beruhen, war es vor allem die konservative Einstellung zu sozialpolitischen Fragen, die Mutter Teresa in die Kritik brachte. Wäre sie damals an der Stelle von Galilei gewesen, sagte Mutter Teresa in einem Interview, hätte sie dem massiven Druck der Kirche nachgegeben.

Galilei wurde im Mittelalter von der katholischen Kirche gedrängt, trotz besseren Wissens, seiner Erkenntnis abzuschwören, dass sich die Erde um die Sonne dreht und nicht umgekehrt.

Diese extreme Nähe zur reinen katholischen Lehre und die Anerkennung ihrer Führer zeigte sie auch bei ihrer Arbeit. Genau wie der Papst verteufelte sie die Abtreibung und hielt auch nichts von Empfängnisverhütung. Keine unproblematische Haltung in einem Land wie Indien, dessen Armut zu einem großen Teil durch die rapide wachsende Bevölkerungszahl bedingt ist.

Kritikern entgegnete Mutter Teresa, dass kein Kind abgetrieben werden müsse, da sie jedes Kind aufnehme und sich um die Unterbringung bei Pflegeeltern kümmere.

Rekord nach dem Tod

Im Jahr 1997 starb die tapfere Nonne. In einer Rekordzeit von nur sechs Jahren nach ihrem Tod sprach der Vatikan sie im Jahr 2003 selig und hob sie damit auf die erste Stufe einer Heiligen.

Über die Jahrzehnte ist Mutter Teresas Mission zu einem globalen Netzwerk der Nächstenliebe herangewachsen. Heute kümmern sich in mehr als 130 Ländern fast 5000 Schwestern und Brüder um Bedürftige.

Stand: 26.07.2019, 13:00

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