Salafismus in Deutschland

Schwarz Verschleierte Frauen, Nahaufnahme, eine hält ein weißes Handy in der Hand.

Religion

Salafismus in Deutschland

Es ist paradox: Salafisten berufen sich auf die Ideen eines islamischen Rechtsgelehrten aus dem Mittelalter. Doch die Männer mit den langen Bärten und den langen Gewändern, die sich für besonders fromm halten, sind ein relativ junges Phänomen, das im 20. Jahrhundert entstanden ist. Die Beschäftigung mit den Ursachen des zeitgenössischen Salafismus führt denn auch gar nicht so weit in die Vergangenheit – sondern zu den Spätfolgen von Kolonialismus und Erstem Weltkrieg.

Der Zerfall des Osmanischen Reiches

Viele arabische Staaten standen noch im 19. Jahrhundert unter Fremdherrschaft, nämlich der des Osmanischen Reiches. Doch das hielt dem Expansionsdrang der europäischen Kolonialmächte nicht stand. Osmanische Provinzen wie Tunesien, Libyen und Ägypten fielen an Frankreich, Italien und Großbritannien.

Im Laufe des Ersten Weltkriegs zerfiel das Osmanische Reich weiter: Syrien und der Libanon wurden Protektorate Frankreichs, während Palästina, Jordanien, Irak und Kuweit unter britische Herrschaft gerieten.

Eine Ausnahme ist das spätere Saudi-Arabien, das sich 1916 nach 400 Jahren osmanischer Fremdherrschaft aus eigener Kraft befreite und selbstbestimmt blieb.

In der arabischen Welt löste das eine Debatte aus: Warum sind die arabischen Länder denen des Westens in vielerlei Hinsicht – militärisch, technisch, wirtschaftlich – so hoffnungslos unterlegen? Und hatte Saudi-Arabiens Kraft, dem Westen zu trotzen, etwa mit der besonders strengen Auslegung des islamischen Glaubens zu tun, wie sie auf seinem Gebiet schon seit dem 18. Jahrhundert vorherrschte?

Für die Anhänger der 1928 in Ägypten gegründeten Muslimbruderschaft beispielsweise ist es eine naheliegende Vermutung, dass die besondere Reinheit des Glaubens der Muslime in Saudi-Arabien Grund für den Erfolg ihres Landes sei. Denn, so ihre Überlegung, schließlich hat es ja schon einmal eine für den Islam ruhmreiche Zeit gegeben, in der die Gläubigen in nie wieder erreichter Reinheit ihren Glauben ausübten.

Sie meinen damit die Epoche der islamischen Expansion, die aus heutiger Sicht die Zeitenwende von der Antike und zum Mittelalter markiert. In dieser Epoche von nur 100 Jahren breitete der Islam sich von der Arabischen Halbinsel bis ins heutige Pakistan im Osten und über den gesamten Nahen Osten und Nordafrika bis auf die Iberische Halbinsel im Westen aus.

Schwarz-weiß historische Druckgrafik von Mohammed und Vetter Ali.

Historische Druckgrafik von Mohammed und Vetter Ali

Streben nach Unabhängigkeit

Nach dem Zweiten Weltkrieg strebten die arabischen Kolonien und Protektorate der Europäer nach Unabhängigkeit. Fast überall gelangten säkulare, vom Marxismus inspirierte Regime an die Macht, was typisch war für die Befreiungsbewegungen in vielen bis dahin von Europäern kolonisierten Ländern.

Dies war kein Zufall: Es herrschte Kalter Krieg, und Länder, die damals den Westen zum Feind hatten, freundeten sich häufig mit einem anderen Feind des Westens an, nämlich der Sowjetunion.

Unter den sakulären und auch autoritären Regimen in den postkolonialen arabischen Staaten mussten Angehörige islamistischer Gruppierungen oft um Leib und Leben fürchten.

Allerdings fielen sie auch selbst oft als Urheber von Gewaltakten auf. In ihrem Gründungsland Ägypten etwa, seit 1952 unabhängig, stand die Muslimbruderschaft in Opposition zum Militär-Regime um Ali Muhammad Nagib und Gamal Abdel Nasser, das sich an die Macht geputscht hatte und 1954 ein kurzzeitiges Verbot der Organisation verfügte.

Die Muslimbrüder verübten ihrerseits ein – wenn auch erfolgloses – Attentat auf Nasser. Ihr Vordenker war einer der wichtigsten geistigen Wegbereiter des Salafismus. Es war der Autor Sayyid Qutb. Er wurde 1966 nach einem weiteren erfolglosen Anschlag auf Nasser zum Tod durch den Strang verurteilt und hingerichtet.

Nach dem arabischen Frühling 2011 stellten die Muslimbrüder mit Mohammed Mursi zwar kurzzeitig den Präsidenten Ägyptens, seit dessen Entmachtung aber gelten sie in Ägypten als Terrororganisation, viele ihrer Mitglieder sitzen in Haft, und mehrere hundert Anhänger Mursis wurden 2014 in einem umstrittenen Verfahren zum Tode verurteilt.

Mohammad Mursi

Der Muslimbruder Mohammad Mursi war für ein Jahr Präsident Ägyptens

Die "nahen" und die "fernen" Feinde der Islamisten

Ähnliche Eskalationen gibt es auch in anderen arabischen Ländern, etwa in Algerien. Nachdem das Land Ende der 1980er Jahre seine Verfassung reformiert hatte, zeichnete sich bei den Wahlen 1991 ein Sieg der Islamischen Heilsfront (FIS) ab. Das Regime brach daraufhin die Wahlen ab und verfügte ein Verbot der FIS. Die rief daraufhin zum bewaffneten Kampf auf, und in Algerien herrschte infolgedessen ein jahrelanger Bürgerkrieg. Bis heute erschüttern islamistisch motivierte Terrorakte das Land.

Ein anderes Beispiel ist Syrien: Unter dem seit 1963 herrschenden Regime der Familie Assad mussten Islamisten um Leib und Leben fürchten. Die wehrten sich mit Terroranschlägen und wagten 1982 in der Stadt Hama sogar einen bewaffneten Aufstand, für den das Regime zwei Panzerdivisionen aufbieten musste, um ihn niederzuringen.

Der Islamwissenschaftler Behnam T. Said verweist in diesem Zusammenhang darauf, wie Islamisten ihre Feinde klassifizieren: Der "nahe Feind", das sind für sie die autoritären Regime in den arabischen Staaten des Nahen und Mittleren Ostens. Als den "fernen Feind" hingegen bezeichnen sie die Staaten des Westens, die sie als Unterstützer dieser Regime sehen.

Der Weg des Salafismus nach Europa

Folglich verübten Gruppen wie die algerische Groupe Islamique Armée (GIA – "bewaffnete islamische Gruppe") schon 1995 eine Serie von Bombenanschlägen auf Nahverkehrszüge in Paris. Ironischerweise suchten und fanden gerade auch in Frankreich manche GIA-Aktivisten und Gleichgesinnte aus anderen Ländern in den 1990er Jahren Zuflucht vor der politischen Verfolgung, der sie in ihren Heimatländern ausgesetzt waren.

Dieser Widerspruch hat Said zufolge damit zu tun, dass die Frage, ob in westlichen Ländern Anschläge verübt werden sollen, unter Dschihad-Anhängern umstritten ist. Dieser Streit geht sogar so weit, dass Salafisten, die den Dschihad ablehnen, zur Denunziation von Dschihadisten bei den hiesigen Sicherheitsbehörden aufrufen.

Islamisten, die Zuflucht vor politischer Verfolgung suchten, sind in den 1990er Jahren auch in Deutschland heimisch geworden. Seinerzeit hat ihnen niemand Beachtung geschenkt, dazu gab es schlicht zu wenige von ihnen. So haben nach Erkenntnissen des französischen Soziologen Samir Amghar zu Beginn der 1990er Jahre in der EU und den USA zusammengenommen ganze zwölf Salafisten gelebt.

Zu den Menschen, die den salafistischen Islam nach Deutschland brachten, gehört der aus Syrien stammende Prediger Hassan Dabbagh, der Anfang der 1990er Jahre zum Medizinstudium nach Leipzig kam, dort einen islamischen Gebetskreis gründete und später eine Moschee, als deren Imam er auftritt.

Nach Recherchen der Islamwissenschaftlerin Nina Wiedl hat Dabbagh sein religiöses Wissen von einem in Saudi-Arabien lebenden salafistischen Rechtsgelehrten namens Adnan Muhammad al-Arur. Der stammt ebenfalls aus Syrien und hatte das Land 1982 nach dem gescheiterten Aufstand der Muslimbrüder verlassen.

Hassan Dabbagh

Hassan Dabbagh war einer der ersten salafistischen Prediger in Deutschland

Eine religiöse Ausbildung bei ultrakonservativen islamischen Rechtsgelehrten in Saudi-Arabien haben einige führende deutsche Salafisten absolviert. Die dortigen Religions-Universitäten sind Samir Amghar zufolge besser ausgestattet als die anderer arabischer Länder, und sie vergeben auch Stipendien an Ausländer. Menschen aus 160 Ländern sollen allein an der Universität von Medina studieren und dadurch ein hohes Ansehen bei vielen gläubigen Muslimen in ihren Heimatländern erwerben.

"Einladung zum Paradies"

Zu den Absolventen der Universität von Medina gehört auch Muhamed Ciftci, Gründer einer Islamschule in Braunschweig, die nach dem Lehrplan der Universität Medina aufgebaut ist.

Nach Erkenntnissen des niedersächsischen Verfassungsschutzes sollen Absolventen dieser Schule durch Gewaltbereitschaft aufgefallen sein. Ciftci gründete den Verein "Einladung zum Paradies", in dem auch der bekannte Prediger Pierre Vogel Mitglied war, der seinerseits in Mekka studiert hat.

Pierre Vogel als Redner mit Mikrofon und einem Koran in der Hand bei einer salafistischen Verkündigungsveranstaltung

Pierre Vogel ist der wahrscheinlich bekannteste deutsche Salafist

Salafistische Prediger finden in manchen konservativ geprägten Moscheegemeinden Anklang. Dort halten sie Vorträge und veranstalten mehrtägige Islam-Seminare. Für zusätzliche Attraktivität sorgt speziell bei in Deutschland aufgewachsenen muslimischen Jugendlichen die Tatsache, dass sie auf Deutsch predigen und das Leben hierzulande kennen.

Das unterscheidet sie von vielen Imamen, die nur vorübergehend in Deutschland sind und auf Arabisch oder Türkisch predigen. Dies ist etwa bei Beamten der staatlichen "Türkisch Islamische Anstalt für Religion" (DITIB) der Fall, die nach wenigen Jahren Deutschland wieder verlassen, oder bei sogenannten "Pendel-Imamen", die mit einem Touristenvisum einreisen und Deutschland schon nach drei Monaten wieder verlassen müssen.

Zudem haben Salafisten nach 2001 intensiv damit begonnen, die Möglichkeiten des Internets zu nutzen. Auf ihren Webseiten bieten sie deutsche Übersetzungen islamischer Rechtsgutachten aus dem Arabischen an, sie verbreiten ihre Predigten auf Videoplattformen und sie sind auch in den sozialen Netzwerken präsent.

Auch wenn bislang nur etwa ein Prozent aller Muslime in Deutschland Salafisten sind, gelten sie Verfassungsschützern als an schnellsten wachsende muslimische Gruppe. Und sie sind definitiv diejenigen, die zur Zeit die größte Aufmerksamkeit erhalten.

Autor: Frank Drescher

Stand: 26.09.2018, 10:40

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