Blick auf die monumentalen Steinquader von Stonehenge

Englands Süden

Stonehenge

Der gewaltige Steinkreis von Stonehenge in Südengland ist so alt wie die Pyramiden und eines der rätselhaftesten Bauwerke der Welt. Obwohl Stonehenge bereits gut erforscht ist, lässt sich nicht eindeutig sagen, wie es entstand und wozu es gedient hat.

Von Barbara Garde

Der Mythos Stonehenge

Ein Kreis aus gigantischen Steinblöcken, weithin sichtbar in einer menschenleeren Umgebung: Bis heute gilt Stonehenge vielen Menschen als Kraftort, manche betrachten die Stätte sogar als Heiligtum. Seit 1986 ist Stonehenge Weltkulturerbe, also ein Ort von besonderer Bedeutung für die Menschheit.

Ausgrabungen zeigen, dass hier schon vor 5000 Jahren viele Menschen zu Ritualen und Feiern zusammenkamen. Heute zählt die Touristenattraktion im Süden Englands jedes Jahr rund 1,5 Millionen Besucher.

Besonders zur Sommer- und Wintersonnenwende versammeln sich Touristen und Neugierige hier, um dabei zu sein, wenn die ersten Sonnenstrahlen auf den Steinkreis treffen. An diesen Tagen halten die Nachfolger der keltischen Priester, der Druiden, hier ihre Zeremonien ab und feiern die Kraft der Natur und die Verbindung der Erde mit dem Kosmos.

Bis heute ist Stonehenge eine Verbindung zwischen uns und den Menschen,  die in der Jungsteinzeit die gewaltigen Steine errichteten.

Ein heutiger Druide steht in weißer Kutte vor Stonehenge

Druiden gehörten schon früh zum Mythos Stonehenge

Die Riesensteine

Ursprünglich bestand die Anlage wahrscheinlich nur aus einem kreisrunden Erdwall von 115 Metern Durchmesser. Etwa um 3000 vor Christus wurde dann ein Kreis aus 42 Blausteinen errichtet – das sind große Steinbrocken mit einer bläulichen Färbung, jeder um die zwei Tonnen schwer.

Sie stammten aus den Preseli Hills in Wales, etwa 240 Kilometer von Stonehenge entfernt. Wie sie nach Stonehenge gelangten, konnten die Wissenschaftler bis heute nicht eindeutig klären. Vielleicht wurden sie durch Gletscherbewegungen dort hingetragen. Vielleicht wurden sie aber auch von Menschen auf einer Art Holzschlitten mit untergelegten Rollen dorthin transportiert.

Zwischen 2500 und 2100 vor Christus entstand zusätzlich ein neuer Kreis auf dem Areal: aus Sandsteinblöcken, die auch "Sarsensteine" (Heidensteine) genannt werden. Gesteinsuntersuchungen lassen vermuten, dass sie aus dem 30 Kilometer entfernten Malborough Downs nach Stonehenge transportiert wurden.

Sarsensteine mit Steindach in Stonehenge

Bis zu 30 Tonnen schwer: die Sarsensteine von Stonehenge

Wahrscheinlich wurden damals 80 Blöcke aufgestellt, 52 sind bis heute erhalten. Sie sind bis zu sieben Meter hoch und bis zu 30 Tonnen schwer und wurden vermutlich mit Hebeln und Zugseilen aufrecht im Boden verankert.

Quer über den aufrechten Steinen liegen weitere Sarsensteine – wie bei einem Tor. Sie wurden mit Loch-Zapfen-Verbindungen an den Enden eingehängt. Daher stammt der Name der Anlage: Stonehenge bedeutet "hängende Steine".

Rund 1000 Jahre lang wurde Stonehenge offenbar benutzt. Im zweiten Jahrtausend vor Christus verlieren sich die menschlichen Spuren dort. Die Anlage verfiel.

Wer hat Stonehenge erbaut?

Die ältesten erhaltenen schriftlichen Erwähnungen stammen aus dem 12. Jahrhundert vom britischen Gelehrten und Geschichtsschreiber Geoffrey von Monmouth. Er erzählte in seiner "Geschichte der englischen Könige", dass Riesen das gewaltige Monument in Afrika erbaut hätten. Der Zauberer Merlin habe den Steinkreis mit Hilfe von Magie nach Britannien gebracht.

Bis heute regt der Ursprung der Steinkreise die Phantasie seiner Fans an. Stonehenge sei durch übermenschliche Kräfte entstanden: Aliens sollen es als Außenstation auf der Erde geschaffen haben.

Die wissenschaftliche Suche nach den Erbauern begann im 17. Jahrhundert, als der britische König Karl II sich für Stonehenge interessierte.

Zeichnung des Künstlers Robert Havell von 1816: "Opferfest Stonehenge bei Salisbury"

So stellte man sich früher ein Opferfest in Stonehenge vor (Zeichnung von 1816)

Einige Forscher behaupteten, die Kelten hätten den gigantischen Steinkreis errichtet. Diese Vermutung bestimmt bis heute den Mythos Stonehenge mit. Heute wissen wir aber, dass die Kelten erst rund 1000 Jahre später in Britannien auftauchten, als Stonehenge seine Blütezeit schon hinter sich hatte.

Heutige Archäologen gehen davon aus, dass Stonehenge von mehreren Volksgruppen Britanniens gemeinsam errichtet wurde, vielleicht als Demonstration der Macht, vielleicht auch als Mahnmal nach einem großen Krieg. Darauf deuten die Grabfunde in der Gegend um Stonehenge hin.

Die Gräber von Stonehenge

Sehr viele Gräber sind im Umfeld des Steinkreises gefunden worden. Der britische Archäologe Michael Parker Pearson hält Stonehenge daher für einen gigantischen Friedhof – den größten, den es damals auf den britischen Inseln gab. Die ältesten hier gefundenen Skelette weisen schwere Kopf- oder Knochenwunden auf. Skelette aus späterer Zeit sind weitgehend unverletzt.

Hügelgräberfeld "Normanton Down" einen Kilometer südlich von Stonehenge

Nahe bei Stonehenge wurden viele weitere Gräber gefunden

Wissenschaftler der Universität Birmingham vermuten darum, dass hier vielleicht ursprünglich Opfer eines großen Krieges bestattet wurden. Möglicherweise dienten die Riesensteine als Mahnmal – oder als Zeichen dafür, dass sich ehemals verfeindete Gruppen dann im Frieden zusammengeschlossen hatten.

An den Zähnen der Toten ließ sich erkennen, dass viele von ihnen aus Wales stammten. Vielleicht waren walisische Stämme an Kampfhandlungen beteiligt gewesen und hatten deshalb als Zeichen der Versöhnung die walisischen Sarsensteine nach Stonehenge gebracht.

Kultstätte, Denkmal oder Observatorium?

Aber Stonehenge war offenbar nicht nur ein Ort der Toten, sondern auch eine bedeutende Kultstätte für die Lebenden. Das zeigen Überreste von großen Feiern, die dort gefunden wurden: Geschirr, Speisenbehälter, Tierknochen.

In der Umgebung wurden Spuren von weiteren Steinkreisen entdeckt. Vielleicht war Stonehenge also das Zentrum einer noch viel größeren Anlage. Möglicherweise galt der Platz als Heilzentrum, das von Kranken von weither aufgesucht wurde: Blausteinen wurden in vielen Kulturen eine heilende Wirkung zugeschrieben, außerdem gibt es im Umfeld warme Quellen.

Vielleicht waren die Riesensteine ein Symbol der Macht, vielleicht wurden hier Könige gekrönt oder Versammlungen abgehalten.

Oder war Stonehenge ein frühes Wissenschaftszentrum? Die Ausrichtung der Steine könnte zur Sternenbeobachtung gedient haben. Zur Sonnenwende fällt bei Sonnenaufgang das erste Licht direkt durch die Hauptachse. Der Archäologe Timothy Darvill hält Stonehenge darum für einen Sonnenkalender.

Stonehenge bei Sonnenaufgang am Mittsommertag. Das Licht strahlt durch die Sarsensteine

Sonnenaufgang in Stonehenge am Mittsommertag

Und der US-amerikanische Astronom Gerald Hawkins glaubt, dass der Steinkreis ein riesiges steinzeitliches Gerät war, um Naturphänomene wie Mondfinsternisse vorauszusagen.

Stonehenge ist auch im 21. Jahrhundert immer noch ein Rätsel, das Laien wie Fachleute fasziniert. Ob kultisch-religiöse Stätte, Kraft- und Gesundheitsort, Forschungszentrum, Mahnmal für den Frieden – all das kann Stonehenge gewesen sein, aber vielleicht auch noch etwas ganz anderes.

(Erstveröffentlichung 2024. Letzte Aktualisierung 07.06.2024)

Quelle: WDR

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