Geschichte der Friedhöfe

Blick über verschiedene Grabstellen. Inmitten von Grabsteinen steht eine Metallstatue, die eine betende Muttergottes darstellt.

Bestattungskultur

Geschichte der Friedhöfe

Man nennt sie Kirchhof, Nekropole oder Gottesacker. Das sind die Plätze, auf denen Menschen ihre letzte Ruhe finden. Ob in einem Sarg oder in einer Urne, ob im eigenen Grab, auf einer anonymen Parzelle oder in der pompösen Familiengruft, auf den Friedhof führt der letzte Weg.
Diese offiziellen Begräbnisstätten sind die gesetzlich bestimmten Plätze für die Toten. Den Lebenden dienen sie als Orte der Trauer und der Erinnerung. Schon im alten Ägypten, Griechenland oder Rom entstanden erste Ruhestätten für die Verstorbenen. Zu parkähnlichen Anlagen wurden sie jedoch erst im 19. Jahrhundert.

Begräbnisstätten der Antike

Zu den berühmtesten Begräbnisstätten der Antike gehört das Tal der Könige im ägyptischen Theben. Dort fanden bedeutende Pharaonen ihre letzte Ruhe. Um 1000 vor Christus beschloss man, die in Sarkophage gebetteten Mumien in dieses einsame Tal zu bringen.

Die Grabhöhlen wurden tief in den Fels hineingehauen. Hier sollten die Leichname der Könige unentdeckt von Grabräubern ihre ewige Ruhe finden. Fast 3000 Jahre lang blieben die Gräber tatsächlich unangetastet. Erst 1870 wurden sie entdeckt und geplündert, die Grabschätze nach und nach verkauft. Heute ist das Tal der Könige eine vielbesuchte Touristenattraktion.

Ein solches Bestattungsfeld für die Toten war im alten Ägypten allerdings die Ausnahme. Friedhöfe und eine Begräbnisordnung im heutigen Sinne gab es nicht. Tote wurden auf dem eigenen Stück Land oder in der Wüste verscharrt.

Bei den Griechen und Römern war das anders. Außerhalb der Städte entstanden erste Nekropolen – Felder, auf denen man die Verstorbenen der Bürgerschicht in einfachen Gräbern beerdigte. Vereinzelt wurden dort auch angesehene Menschen in aufwendigen Grabkammern beigesetzt.

Die Regel war jedoch, dass prominente und reiche Bürger innerhalb der Stadtmauern ein pompöses Grabmal erhielten: auf öffentlichen Plätzen und Märkten oder auch außerhalb der Stadt, an Landstraßen. So entstanden in Rom entlang der berühmten Via Appia viele solcher Ehrengrabmale.

Für Arme und Sklaven wurden ausgebeutete Stein- und Tongruben zur letzten Ruhestätte. Wer kein Geld für eine kostspielige Leichenbestattung hatte, wurde eingeäschert.

Ein römisches Grabmal im Querformat zeigt im Relief die Abbilder von drei Verstorbenen. Unter den Reliefs sind die Namen der drei in Stein gemeißelt.

Römisches Grabmal an der Via Appia

Christentum bringt Friedhofskultur

Mit dem aufkommenden Christentum änderte sich auch der Begräbniskult. Nicht nur im Leben, auch im Tod wollten die Christen als Gemeinschaft vereint auf den jüngsten Tag der Auferstehung warten. Aus diesem Grund entstanden gemeinschaftliche Grabstätten. Bis zum 4. Jahrhundert nach Christus waren es meist Katakomben, also unterirdische Grabkammern, in denen die Toten ihre letzte Ruhe fanden.

Als sich das Christentum im Abendland durch die Anerkennung des römischen Kaisers Konstantin als Religion allgemein durchgesetzt hatte, entstanden vielerorts Kirchen. Um sie herum wurden umfriedete Grabstätten angelegt, die Kirchhöfe. Damit sollte die Nähe zu Gott zum Ausdruck kommen.

Im Kirchenlatein jener Zeit wurden die Kirchhöfe auch "Coemeterium" genannt, also "Ruhestätte". Dieses Wort findet sich heute noch im französischen "cimetière", im italienischen "cimitero" oder im englischen "cemetery" wieder.

Hohen kirchlichen Würdenträgern wie Bischöfen, aber auch weltlichen Fürsten und Königen, gewährte man das Recht, innerhalb der Kirchen begraben zu werden. Nicht selten wurde der Verwesungsgestank, der aus den Gruften in den Kirchenraum drang, unerträglich. Diese unhygienische Art der Bestattung rief Kritiker auf den Plan, aber man hielt zunächst noch an diesem besonderen Beerdigungsritus fest.

Gestapelte Knochen und Totenschädel in einem Beinhaus in Österreich. Die Schädel sind kunstvoll mit einem Blumenmuster bemalt. Außerdem tragen sie den Namen der Verstorbenen und das Todesdatum.

Beinhaus im österreichischen Hallstatt

Von Beinhäusern und Massengräbern

Doch auch das Beerdigen an den Kirchen selbst, die ja meist eine zentrale Lage in den Dörfern hatten, wurde kritisiert. Bereits im Spätmittelalter gab es Bestrebungen, die Leichen nicht in unmittelbarer Nähe der Wohngebiete zu begraben. Die Totengräber wurden gerügt, wenn sie die Gruben nicht tief genug ausgehoben hatten und die Toten von streunenden hungrigen Hunden ausgebuddelt wurden.

Als im 14. Jahrhundert die Angst vor der Pest immer größer wurde, entstanden auf einen kaiserlichen Erlass hin auch außerhalb von Städten und Dörfern Friedhöfe. Der Name Friedhof geht übrigens nicht auf das Wort "Frieden", sondern auf die alt- und mittelhochdeutschen Wörter "frithof" oder "vrithof" zurück, was für "umfriedeter Platz" steht.

Auch das Gedankengut der Reformation sorgte ab dem 17. Jahrhundert dafür, dass nicht nur die Begräbnisse in den Kirchen, sondern auch die Begräbnisse innerhalb der Stadtmauern nach und nach abgeschafft wurden.

Doch erst im 19. Jahrhundert war es allgemein üblich geworden, Friedhöfe grundsätzlich außerhalb der Stadtmauern anzusiedeln. Man wollte damit auch das Platzproblem in den Griff bekommen. Die Bevölkerung wuchs, und die Städte boten nicht mehr genügend Raum für ihre Verstorbenen.

Zunächst half man sich damit, die Ruhefrist der Toten auf fünf bis sieben Jahre zu beschränken. Nach Ablauf dieser Frist wurden die Gebeine ausgegraben, gesäubert und in Beinhäusern aufbewahrt, wo Schädel und Knochen bis an die Decke gestapelt wurden. Auch mit Massengräbern versuchte man der Platznot Herr zu werden.

Vor grünen Bäumen und Sträuchern erkennt man schemenhaft die Umrisse eines Grabkreuzes. Rechts daneben die grün oxydierte Metallstatue eines beflügelten Engels mit gesenktem Haupt.

Viele Friedhöfe sind inzwischen halb leer

Fortschritt durch Napoleon

Erste Reformbestrebungen in der Bestattungs- und Friedhofsordnung hatte es bereits Ende des 18. Jahrhunderts im erzkatholischen, aber modern denkenden Österreich gegeben. Auch im benachbarten Bayern zeigte man sich offen für Neuerungen. 1789 entstand der erste kommunale Zentralbegräbnisplatz in München.

Das Bestattungsmonopol, das bislang die beiden Hauptkirchen innehatten, begann zu wanken. Die Kirche reagierte auf die Änderungen mit Protest, weil ihr die lukrativen Gruftgelder entgingen. Doch der Fortschritt ließ sich nicht mehr aufhalten. Besonders die französische Besatzungszeit brachte viele Neuerungen mit sich.

Durch Napoleons Reformdekret von 1804 wurde die Bestattungsordnung in den von ihm verwalteten Gebieten verweltlicht und neu gestaltet. Es entstanden riesige Friedhöfe außerhalb der Städte. Eines der schönsten erhaltenen Beispiele dafür ist der Kölner Melatenfriedhof. Die neue Reihengrabbestattung sollte dem Gleichheitsgedanken Rechnung tragen und durch eine üppige Bepflanzung wollte man gefährliche Ausdünstungen reduzieren, die angeblich durch die Verwesung entstanden.

Aus den tristen und unsystematisch wirkenden Friedhöfen waren Parkanlagen geworden, die nicht nur der Trauer und Erinnerung dienten, sondern auch zum Flanieren einluden.

In der nachnapoleonischen Zeit wich der Gleichheitsgedanke der einheitlichen Reihengräber allerdings wieder einem Standesdenken über den Tod hinaus. Reiche und angesehene Familien wurden in majestätischen Gruften an den Hauptwegen bestattet, die weniger Begüterten an den Nebenwegen. Diese Form der Friedhofshierarchie lässt sich sehr gut auf einer der berühmtesten Nekropolen der Neuzeit erkennen: dem 1874 eingeweihten Wiener Zentralfriedhof.

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Der Wiener Zentralfriedhof

Autor: Alfried Schmitz

Stand: 06.11.2018, 09:00

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