Das Museum für Sepulkralkultur

Ein Museumsbesucher vor acht übereinandergestapelten Barocksärgen. Sie sind reich verziert und mit farbigen Totenschädeln und Familienwappen bemalt.

Bestattungskultur

Das Museum für Sepulkralkultur

Von Alfried Schmitz

In einer der besten Wohngegenden von Kassel steht in exponierter Lage auf einem alten Weinberg eines der außergewöhnlichsten Museen Deutschlands. Von hier oben hat man einen herrlichen Blick auf die Straßen, Häuser und Wohnblöcke in der Unterstadt. Man sieht, wie sich die Fulda durch das Tal schlängelt und weiter im Hintergrund erkennt man die Hügelketten, die die nordhessische Metropole umgrenzen.
Eine schöne, malerische Kulisse – und doch ist der Tod ganz nah. Im Museum für Sepulkralkultur ("sepulcrum": lateinisch für Grab) dreht sich alles um Gräber, Särge und Bestattungsriten.

Helles Haus für düsteres Thema

Als 1984 die Planungen für ein Museum für Bestattungskultur begannen, gab es verschiedene architektonische Gestaltungskonzepte. Eines sah vor, die Räumlichkeiten passend zum Thema komplett unter die Erde zu verlagern und so eine Kellergruft zu schaffen. Kein Tageslicht sollte den Museumbau erhellen, sondern diffuses Kunstlicht. Ein anderer Vorschlag wollte eine antike Römergruft nachbauen.

Diese Ideen setzten sich allerdings nicht durch. Stattdessen baute man an die noch existierenden Gebäudeteile einer alten Industriellenvilla aus dem 19. Jahrhundert einen modernen Flügel aus Beton und viel Glas an. Auf diese Weise wirken die Museumsräume hell und lichtdurchflutet und machen einen alles andere als traurigen und düsteren Eindruck.

Der Museumsträger, die "Arbeitsgemeinschaft Friedhof und Denkmal", wollte zunächst einen Ausstellungsschwerpunkt auf die "Geschmackserziehung" und Öffentlichkeitsarbeit setzen – also aufzeigen, wie ein Grabmal künstlerisch und handwerklich gestaltet werden könnte. "Es sollte ein didaktisch ausgerichtetes Museum sein", beschrieb der damalige Direktor Professor Reiner Sörries die ursprüngliche Zielsetzung.

Tabuthema Tod

Doch bald wurde klar, dass der Tod und die damit zusammenhängende Begräbniskultur für viele ein Tabuthema darstellte. Nun wurde es zu einer wichtigen Aufgabe des Museums, die Schwellenangst der Besucher zu beheben. Mit kulturellen und historischen Themen wollte man möglichst sanft an die Öffentlichkeit herangehen.

Dabei sollten die Besucher nicht gleich mit den Fragen des Sterbens und des Todes konfrontiert werden. Vielmehr finden sich auch schöne Dinge rund um die Bestattungsgeschichte. Auf einer Fläche von 1400 Quadratmetern zeigt das Museum in seiner Dauerausstellung Särge und Leichenwagen, Grabsteine und Skulpturen – aus dem deutschsprachigen Raum von der Antike über das Mittelalter bis in die Gegenwart.

Eine Leichenkutsche mit geätzten Glasscheiben aus dem 19. Jahrhundert

Luxuriöser Leichentransport

Geheimnisvolle Objekte

Das Museum für Sepulkralkultur ist eines von sieben Museen in Europa, die sich ausschließlich des Themenkreises Tod, Bestattungs-, Friedhofs- und Trauerkultur annehmen. In Budapest, Basel, London und Wien gibt es ähnliche Einrichtungen, doch sind sie wesentlich kleiner als das Kasseler Museum.

Höhepunkte der Dauerausstellung in Kassel sind wunderschön bemalte Särge aus der Zeit des Barock, eine goldverzierte herrschaftliche Bestattungskutsche aus dem 19. Jahrhundert, erste motorisierte Leichenwagen, eine Sammlung von Grabsteinen und Grabkreuzen aus den verschiedensten Epochen und Regionen. Auch dem Trauer- oder Erinnerungsschmuck gilt ein Schwerpunkt des Museums und die Bestattungsriten anderer Kulturkreise werden ebenfalls beleuchtet.

Zu den skurrilsten Ausstellungsstücken gehören wohl die sogenannten Betrachtungssärglein. Nicht größer als eine Zigarrenkiste, könnte man sie für ungewöhnliches Kinderspielzeug halten. Diese Miniaturen sind echten Särgen originalgetreu nachempfunden und enthalten sogar Leichen in Puppenformat.

Das Kasseler Museum verfügt über die größte Sammlung solcher Betrachtungssärglein, die es in unzähligen Variationen und Ausführungen gibt. Sie gehören zu den noch weitgehend unerforschten Objekten der Sepulkralkultur.

Man vermutet in ihnen "Memento Mori"-Stücke, also Artefakte, die an die Vergänglichkeit des Lebens mahnen sollen. Doch wozu dienten die kleinen Särge wirklich, die heute zu den seltenen und wertvollsten Antiquitäten gehören? Eine Spur führt in die Richtung von Geheimbünden und Freimaurerlogen.

Eine Mitarbeiterin des Museums hält ein geöffnetes Betrachtungssärglein in den Händen. Mann erkennt die Nachbildung eines Skelettes und Maden und Würmer im Miniaturformat.

Betrachtungssärglein – tot wie im richtigen Leben

Spiel mit dem Tod

Mit verschiedenen Sonderausstellungen will das Museum außerdem Interesse am vielfältigen Thema Tod und Bestattungskultur wecken. Über die Jahre waren das zum Beispiel Ausstellungen mit den Titeln "Salto mortale" (2001), "UND CUT! – Todesbilder im Film" (2009) oder "Solange ich lebe, kriegt mich der Tod nicht. Friedhofsgänge mit Schriftstellern" (2014).

Die Sonderausstellung mit dem Titel "Totenhochzeit mit Kranz und Krone" dokumentierte einen bis ins 19. Jahrhundert hinein weit verbreiteten Brauch, ledig Verstorbene mit prächtigen Kronen und Kränzen zu schmücken, um auf diese Weise posthum eine Hochzeit zu zelebrieren. Wenige erhaltene Relikte in Form von silbernen Kronen und reich verzierten Kränzen zeugen noch von diesem Kult und waren im Museum zu sehen.

Eine Frau betrachtet eine Totenkrone mit Engel aus dem 18. Jahrhundert

Wer als Junggeselle starb, bekam vor der Beerdigung einen speziellen Kopfschmuck aufgesetzt

Von Diamanten und Weltraumbestattung

Das Museum beschäftigt sich auch mit alternativen Bestattungsformen, mit moderner und individueller Sarg- und Urnengestaltung. So wird zum Beispiel ein Erinnerungs-Diamant präsentiert, der aus der Asche eines Toten hergestellt wurde. Oder eine kleine Metallkapsel, in der die Asche eines Verstorbenen mit einer Trägerrakete ins Weltall befördert werden kann. Kostenpunkt: zwischen 11.000 und 25.000 Euro. Als Abschussbasis dienen Rampen in den USA oder Russland.

Ebenfalls in der Ausstellung: eine Urne in den Vereinsfarben des Fußballvereins Hamburger SV. Eine angemessene Fanbestattung ist auf diese Weise möglich. Mit diesen Exponaten soll der immer individueller werdenden Bestattungskultur der Gegenwart Rechnung getragen werden.

Luigi Colani mit einem von ihm entworfenen Sarg

Die Bestattungskultur wird vielfältiger, die Särge werden ausgefallener

Stand: 21.06.2019, 13:30

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