Der nackte Ritter

In einer Vitrine liegt eine Mumie mit vor dem Bauch verschränkten Händen.

Mumien

Der nackte Ritter

Von Malte Linde

Die Geschichte einer berühmten Mumie wurde bis heute nicht restlos geklärt: die des "nackten Ritters" Christian Friedrich von Kahlbutz (1651–1702). Seine Leiche hat sich auf mysteriöse Weise mehr als 300 Jahre lang erhalten.

Held und Lüstling

Dieser Ritter Kahlbutz hatte an der Seite des Kurfürsten Friedrich-Wilhelm von Brandenburg äußerst tapfer gegen die Schweden gekämpft und wurde daher von seinem Fürsten mit einem Lehen belohnt: dem brandenburgischen Dorf Kampehl bei Kyritz.

Er heiratete dort eine Frau aus einem alteingesessenen Adelsgeschlecht und hatte mit ihr mehrere Kinder. Wohl aber nicht nur mit ihr. Der Legende nach spürte der Ritter allen Röcken der Gegend nach und zeugte etliche namenlose Nachfahren. Der lüsterne Ritter soll sogar das "Recht der ersten Nacht" wieder eingeführt haben, um die jungen Bräute des Dorfes in sein Bett zu zerren.

Mord an einem Schäfer

Eines Tages, so behauptet die Legende, hatte Ritter Kahlbutz seine Augen auf die Magd Maria Leppin geworfen, Tochter eines Schmieds und die schönste Frau weit und breit. Die Magd allerdings konnte die aufdringlichen Annäherungsversuche des Ritters immer wieder abwehren.

Darüber geriet der Ritter in Rage. Um sich an der tapferen Magd zu rächen, erschlug er ihren Verlobten, einen Schäfer, als der gerade seine Herde in den Ort treiben wollte.

Maria Leppin gab nach diesem Mord keineswegs klein bei, sondern klagte den Ritter öffentlich an. Dank seines Standes konnte und wollte das Gericht ihm aber nichts anhaben, obwohl seine Täterschaft erwiesen schien.

Dem Gericht genügte ein Schwur des Ritters, der seine Unschuld beteuerte. Ein Schwur, der Folgen haben sollte. Denn Christian Friedrich von Kahlbutz gab seinem Eid ein besonderes Gewicht: Er sei nicht der Täter – und solle er es doch gewesen sein, so möge Gott dafür sorgen, dass sein Leichnam niemals verrotten solle.

Die Entdeckung der Mumie

Als der Ritter im Jahr 1702 das Zeitliche segnete, war endlich Ruhe im Dorf – bis 90 Jahre später Renovierungsarbeiten an der Kirche von Kampehl durchgeführt wurden, wo die Gruft des Ritters lag. Im Zuge der Arbeiten wurde die Gruft geöffnet und tatsächlich fand man seine Leiche unversehrt.

Napoleonische Truppen besuchten das Grab einige Jahre später und zogen dem Ritter die Kleider aus, wodurch der Beiname "nackter Ritter" entstand. Die Legende behauptet, dass bei der Aktion ein Arm der Mumie emporschnellte und einer der Soldaten dabei vor Schreck ums Leben kam.

Rund hundert Jahre später machte sich die Dorfjugend einen Spaß daraus, den Ritter aus seiner Gruft zu zerren, um mit ihm durch die Straßen zu ziehen. Für einige Jahre fristete der Ritter seine traurige Existenz als obskures Anschauungsobjekt im Wartezimmer eines ortsansässigen Arztes, bis er wieder in seine Gruft gebettet wurde.

Ruhe allerdings sollte er auch dort nicht finden: Etliche tausend Besucher kommen bis heute alljährlich nach Kampehl, um den "nackten Ritter" zu besichtigen.

Das Bild zeigt die kleine Kirche im brandenburgischen Kampehl.

Ritter Kahlbutz' letzte Ruhestätte

Das Rätsel bleibt ungelöst

Auf welche Weise der Ritter mumifiziert wurde, ist bis heute nicht geklärt. Einbalsamiert wurde der Leichnam auf keinen Fall. Trotzdem muss nicht unbedingt der Schwur des Ritters für die Konservierung seines Körpers verantwortlich sein: Besondere Umstände, eine sehr trockene Luft oder natürliche radioaktive Strahlung könnten eine Ursache für die Mumifizierung sein.

Möglich ist auch, dass der Ritter keines natürlichen Todes starb, sondern langsam vergiftet wurde – mit Giften, die nicht nur zum Tod, sondern auch zur Mumifizierung führten.

Stand: 02.12.2019, 10:16

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