Die drei Stadien bei der Verwesung eines Körpers

Planet Wissen 01:46 Min. Verfügbar bis 09.07.2029 WDR Von ZDF/Terra X/Bilderfest/Tillman Graach/Fabian Brokmeier/Maximilian Rügamer/Tim Uhlendorf/Maximilian Heß, https://terraxplaincommons.zdf.de

Mumien

Anatomie des Todes

Im Jahr 2018 starben in Deutschland etwa 955.000 Menschen. Fast 75 Prozent von ihnen wurden nicht begraben, sondern eingeäschert – unter anderem weil eine Feuerbestattung als hygienischer empfunden wird. Doch woran erkennt man überhaupt, dass der Tod eingetreten ist?

Von Franziska Badenschier

Fünf sichere Todeszeichen

Wenn die alte, kranke Großmutter zu Hause in ihrem Bett einen letzten tiefen Atemzug nimmt, noch einmal kräftig seufzt und sich dann die Mimik entspannt, die Farbe aus dem Gesicht weicht, das Herz nicht mehr schlägt – dann ist allen um sie herum klar: Sie ist sanft eingeschlafen. Tot. Und doch muss ein Arzt kommen und den Tod feststellen.

Als sichere Todeszeichen gelten entsprechend der Leitlinie zur Durchführung der ärztlichen Totenschau: Totenflecke, Totenstarre, Fäulnis sowie Verletzungen oder Zerstörungen, die mit dem Leben nicht vereinbar sind.

In einem Krankenhaus kommt noch die Null-Linie im Elektrokardiogramm (EKG) als Möglichkeit hinzu. Das ist die Linie mit dem langgezogenen Piep-Ton, wie man sie aus Krankhaus-Fernsehserien kennt.

Nackte Füße unter einem Laken. Am rechten großen Zeh hängt ein Zettel

Wann ist ein Mensch tot?

Totenflecken treten als erstes auf

Die ersten Todeszeichen, die sichtbar werden, sind die Totenflecken, in der Fachsprache Livores genannt. Unter normalen Umständen treten sie bereits 20 bis 30 Minuten nach dem unumkehrbaren Herz-Kreislauf-Stillstand auf: Weil das Herz nicht mehr pumpt, kann das Blut nicht mehr durch den Körper zirkulieren.

Es sinkt mit der Schwerkraft an die tiefliegenden Körperpartien. Dort bilden sich dann die blauvioletten Flecken – außer an den Stellen, an denen der Körper aufliegt.

Wenn die als Beispiel genannte Großmutter also auf dem Rücken liegt, dann bilden sich am Rücken die Totenflecken, aber nicht an den Schulterblättern und am Gesäß. Etwa neun Stunden nach dem Tod sind die Flecken am größten und besonders farbintensiv.

Einbalsamierter und aufgebahrter Leichnam von Lenin.

Konservierte Leiche von Lenin

Totenstarre hält bis zu drei Tage an

Etwa ein bis zwei Stunden nach dem Tod setzt die Totenstarre (Rigor mortis) ein: erst an den Augenlidern, dann am Kiefer. Nach etwa sechs bis acht Stunden ist der gesamte Körper totenstarr. Grund für diese Starre ist die Biochemie der Muskelfasern: Muskeln können sich allein zusammenziehen. Um sich zu entspannen, ist jedoch ein "Weichmacher" namens Adenosintriphosphat, kurz ATP, nötig.

Nach dem Tod zerfallen diese Weichmacher-Moleküle, sodass die Muskelfasern hart bleiben. Nach zwei bis drei Tagen beginnt die Starre, sich wieder zu lösen: Die Muskelzellen und all die anderen Zellen im Körper lösen sich nun auf. Dafür sorgen Enzyme aus den abgestorbenen Zellen. Dieser Vorgang wird als Autolyse – Selbstauflösung – bezeichnet.

Fäulnis und Verwesung sind ganz natürlich

An der Zersetzung eines toten Menschen sind noch zwei weitere Prozesse beteiligt: Fäulnis und Verwesung. Der grundlegende Unterschied zwischen beiden: Die Fäulnis findet unter Sauerstoff-Abschluss statt, die Verwesung hingegen kann nur mit Sauerstoff ablaufen.

Bei der Fäulnis sorgen Bakterien dafür, dass organische Körpersubstanzen abgebaut werden. Es entstehen unter anderem die Gase Schwefelwasserstoff, Ammoniak und Methan. Weil im Darm des Menschen so viele Bakterien sind und dort das Gewebe auch recht feucht und weich ist, beginnt die Fäulnis hier.

Das erste sichtbare Anzeichen für die eingetretene Fäulnis ist, dass die Haut am rechten Unterbauch sich gelbgrün verfärbt. Dann bläht sich der Bauch auf, Weichteile werden aufgedunsen, an der Haut können Fäulnisblasen entstehen. Weniger unappetitlich ist die Verwesung: Hier entstehen nur Wasser, Kohlenstoffdioxid und Harnstoff.

Grab-Ruhezeit reicht für vollständige Zersetzung

Auch wenn die Vorstellung an diese Zersetzungsprozesse eklig oder grausam erscheinen mag: Diese Vorgänge sind natürlich. "Bei einer Sargbestattung braucht auch niemand Angst zu haben, dass man da einen Menschen unter die Erde bringt, dessen Körper nicht mehr erkennbar ist", sagt Rolf Lichtner, Generalsekretär des Bundesverbands Deutscher Bestatter.

"Der Bestatter bewahrt den Leichnam bis zur Beisetzung bei unter acht Grad Celsius auf, um die Autolyse, die Fäulnis und die Verwesung hinauszuzögern." Bei solch kühlen Temperaturen können sich Bakterien kaum vermehren und auch chemische Reaktionen laufen nur sehr träge ab.

Wenn der Verstorbene dann unter der Erde ist, saugen im Sarg eine Matratze, Stroh, Sägemehl oder Torf die entstehenden Flüssigkeiten auf. "Außerdem gelangt durch das Holz des Sarges Sauerstoff aus dem Boden in den Sarg, sodass der Körper gut verwesen kann, statt nur zu verfaulen", sagt Lichtner.

Je nachdem, wie viel Sauerstoff und Wasser in der Erde sind, dauert die Zersetzung unterschiedlich lange: Für gewöhnlich ist sämtliches Gewebe nach zwölf Jahren zersetzt, die Knochen brauchen noch etwas länger.

Teilansicht einer Leiche im Leichenschauhaus mit einem Schild an der Zehe.

Kühle Lagerung bis zur Bestattung

Nach der üblichen Ruhezeit von bis zu 30 Jahren ist von dem Leichnam in der Regel nichts mehr übrig, außer vielleicht der Schädel- und die Oberschenkelknochen.

"Bei Friedhöfen mit schweren Lehmböden kann es aber passieren, dass man nach Ablauf der Ruhezeit Wachsleichen vorfindet", so der Generalsekretär des Bundesverbands Deutscher Bestatter.

Wachsleichen entstehen vor allem in Lehm- und Tonböden: Sie sind kaum luftdurchlässig, so dass kein Sauerstoff zur Leiche dringt und aus den Körperfetten eine wachsähnliche Schicht entsteht. Das verhindert, dass der Körper vollständig verwest.

Nur Holzsärge sind erlaubt

Auch der Sarg hat Einfluss auf die Zersetzung des Leichnams: In Deutschland sind nur Holzsärge erlaubt, weil diese selbst verrotten. In einem Zinksarg hingegen könnte es zu einer Faul-Leichenkonservierung kommen: Dabei fließt die Fäulnisflüssigkeit nicht ab und auch die Gase können aus dem Sarg nicht entweichen.

Beim Abbau der Proteine entsteht dann so viel Ammoniak, dass die Bakterien absterben und somit die Fäulnis gestoppt wird. Auch die Verwesung wird angehalten, weil der Sarg ja luftdicht ist, also der Sauerstoff fehlt.

"Der Leichnam bekommt dann wirklich ein zombieähnliches Aussehen", sagt Wolfgang Huckenbeck von der Universitätsklinik Düsseldorf. Der Rechtsmediziner hat das erste und bisher einzige Mal solch eine Faul-Leichenkonservierung gesehen, als er die Überreste aus einem 15 Jahre zuvor beigesetzten Zinksarg bergen sollte, damit diese verbrannt und umgebettet werden konnten. In einem Holzsarg, wie er hierzulande vorgeschrieben ist, passiert so etwas jedoch nicht, versichern die Experten.

Zwei Holzsärge im Verkaufsraum eines Bestattungsunternehmens.

Holzsärge verrotten mit dem Leichnam

Keine Würmer stören die letzte Ruhe

Der Generalsekretär des Bundesverbands Deutscher Bestatter, Rolf Lichtner, räumt auch noch mit dem Mythos auf, dass Würmer aus dem Boden sich durch den Sarg fräßen und sich dann an der Leiche laben würden: "Würmer leben nur bis zu einer Bodentiefe von etwa 30 Zentimeter, die Grabtiefe ist aber für gewöhnlich 1,6 bis 2 Meter."

Zumal Würmer sich vorwiegend von Pflanzen und Erde ernähren und nicht von menschlichen Überresten. Der Verstorbene kann also in Frieden ruhen.

(Erstveröffentlichung: 2011. Letzte Aktualisierung: 09.12.2020)

Quelle: WDR

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