Schauhöhlen in Deutschland

Die Bärenhöhle in Sonnenbühl

Höhlenforschung

Schauhöhlen in Deutschland

Von Katrin Ewert

In den 50 begehbaren Höhlen Deutschlands können Besucher Tropfsteine bewundern, Bärenskelette entdecken und Fledermäuse im Winterschlaf beobachten. Dabei lernen sie viel über Geologie, Biologie und Geschichte – und warum es so wichtig ist, das Naturphänomen Höhle zu schützen.

Die ersten Besucher

Höhlen kennt der Mensch seit jeher. Bereits die Neandertaler haben die Eingänge der dunklen, nassen Räume als Unterschlupf genutzt. Später erkundeten Höhlenforscher die Tropfsteine, Klüfte und Säulen. Auch Abenteuerlustige verirrten sich in den Gängen.

Für eine breite Öffentlichkeit wurden Höhlen jedoch erst zugänglich, als die erste Höhle eine künstliche Beleuchtung bekam. Vorher waren nur vereinzelt Besucher mit Fackeln und Laternen in den engen Gänge unterwegs. Als die Besitzer der Olgahöhle in der Schwäbischen Alb im Jahr 1884 die Lampen an den Strom anschlossen, konnten sie die Kalkwände zum ersten Mal vollständig sehen.

Wo vorher Dunkelheit herrschte, glitzerten Tropfsteine hervor. Die unebenen Wege waren nun ausgeleuchtet und sicher für Besucher. Es war möglich, Führungen anzubieten. Die erste beleuchtete Schauhöhle war eröffnet – und viele weitere folgten.

Sechs gut bekleidete Männer stehen in einer Höhle und posieren für ein Foto

Kaum eröffnet, ziehen Schauhöhlen viele Neugierige an – wie hier in der Segeberger Kalkberghöhle im Jahr 1913

Schauhöhlen sind Publikumsmagnete

Mittlerweile zählt der Verband der Deutschen Höhlen- und Karstforscher 50 Schauhöhlen. Dazu kommen zwei weitere Höhlen, die ebenfalls für die Öffentlichkeit zugänglich sind, aber keinen natürlichen Eingang haben.

Die meisten Höhlen finden Touristen in der Schwäbischen Alb, im Sauerland, im Harz und im Thüringer Wald. Hier gibt es sogenannten Karst. Das ist eine teilweise stark durchlöcherte Geländeform aus Karbonatgesteinen, in der sich viele Höhlen gebildet haben.

"In Deutschland gibt es total unterschiedliche Höhlen", sagt Anne Ipsen, Biologin und Geschäftsführerin des Fledermauszentrums an der Segeberger Kalkberghöhle. Es gebe große Hallen und Dome bis hin zu engen Gängen, die sich kaum passieren lassen. Besucher können bis zu einem Kilometer lange und 55 Meter tiefe Gänge erkunden.

Insgesamt zwei Millionen Touristen ziehen Deutschlands Schauhöhlen pro Jahr an. Die beliebtesten Höhlen sind die Attahöhle im Sauerland und die Teufelshöhle in der Fränkischen Schweiz.

Mehrere Tropfsteinsäulen werden in einer Höhle angeleuchtet

Die Attahöhle mit ihren Tropfsteinfassaden ist die beliebteste Höhle Deutschlands. Sie zählt 200.000 Besucher pro Jahr

Ein Bewusstsein für die Natur entwickeln

Schauhöhlen sind mehr als ein touristisches Ziel. "Sie sind Archive für vergangene Zeiten", sagt Ipsen. Kinder und auch Erwachsene können laut der Biologin jede Menge über Geologie, Evolution und Biologie lernen.

Wie entstehen Tropfsteine? Wie hat der Neandertaler gelebt? Warum ist der Höhlenbär ausgestorben? Antworten auf diese Fragen erfahren Besucher in Höhlenführungen anhand anschaulicher Beispiele. "Trockene Informationen über die jeweilige Höhle werden in Geschichten verpackt", sagt Friedhart Knolle, Geologe und Vertreter des Verbandes der deutschen Höhlen-und Karstforscher. 

Dabei sei es das Ziel, ein Bewusstsein für Geologie und Natur zu bekommen. Die Besucher würden lernen, dass Höhlen einzigartige Ökosysteme sind, die über mehrere Millionen Jahre entstanden sind. "Viele sehen die Landschaft nach der Höhlenführung mit anderen Augen", so Knolle.

Neben Tourismus und Bildung dienen Schauhöhlen auch der Forschung. Nicht selten entdecken Wissenschaftler weitere Teile, wenn sie die Gänge zur Schauhöhle umfunktionieren. In der Hermannshöhle setzten Biologen Grottenolme aus – zum einen, um sie Touristen zu zeigen, und zum anderen, um sie zu erforschen und zu schützen.

Ein vollständiges Bärenskelett steht in einer Höhle

Beim Besuch einer Höhle erfahren Touristen auch Details aus Geologie, Evolution und Biologie – wie etwa über den ausgestorbenen Höhlenbären

Tropfsteine, Klüfte und Bäche

Die meisten Schauhöhlen sind Tropfsteinhöhlen. Das liegt daran, dass Stalaktiten und Stalagmiten von Besuchern als besonders beeindruckend empfunden werden. "Aber auch andere Höhlenarten wie Eis- oder Bachhöhlen sind hochinteressant", sagt Geologe Knolle.

DIE WICHTIGSTEN HÖHLENARTEN

Tropfsteinhöhle (z. B. Attahöhle, Hermannshöhle):
Tropfsteine an der Decke (Stalaktiten), auf dem Boden (Stalagmiten) und sich verbindende Säulen (Stalagnaten)

Kluft- und Spaltenhöhle (z. B. Goetz-Höhle):
Besonders enge Gänge

Schachthöhle (z. B. Laichinger Tiefenhöhle):
Senkrechte, besonders tiefe Gänge

Gipshöhle (z. B. Segeberger Kalkberghöhle, Heimkehle):
Deckenspalten und -risse, Säulen

Anhydrithöhle (z. B. Barbarossahöhle):
Gelöste Gipsschichten, die von Decken und Wänden hängen

Dolomithöhle (z. B. Einhornhöhle):
Besonderes Gestein

Kristallhöhle (z. B. Kubacher Kristallhöhle):
Kristalle an Wänden und Decken

Wasserhöhle (z. B. Wimsener Höhle):
Bootsfahrt durch die Höhle

Bachhöhle (z. B. Tschamberhöhle, Sturmannshöhle):
Plätscherndes Wasser, Unterirdische Wasserfälle

Eishöhle (z. B. Schellenberger Eishöhle):
Gefrorene Seen, Eiszapfen

In allen Arten können Besucher auf Höhlentiere treffen. "Für Fledermäuse sind Höhlen ein wichtiges Winterquartier", sagt Biologin Ipse. In der Segeberger Kalkberghöhle in Schleswig-Holstein etwa halten jährlich mehr als 30.000 Tiere ihren Winterschlaf. Von den Monaten Oktober bis März ist sie daher wie viele andere Höhlen für Besucher gesperrt. Außer Fledermäusen bewohnen Höhlenkäfer und mikroskopisch kleine Insekten die dunklen Gänge.

Eine weitere Attraktion von Höhlen sind Artefakte aus der Vergangenheit. Dazu gehören Knochenreste, Tonscherben und Steinwerkzeuge unserer Vorfahren. In der Balver Höhle im Sauerland konnten Archäologen beispielsweise 40.000 Gegenstände ausgraben, die heute in verschiedenen Museen verteilt sind.

Mehrere Fledermäuse hängen an einer Höhlendecke

Besucher können verschiedene Fledermausarten beim Winterschlaf beobachten – wie hier die Fransenfledermaus

Die Höhle wird zur Bühne

Neben natürlichen Gesteinsformationen, Fledermauskolonien und Knochen können Touristen auch besondere Events besuchen. Ein bekanntes Beispiel dafür ist die Balver Höhle. Hier finden regelmäßig Klassikkonzerte und Rockfestivals statt. In der Dechenhöhle gibt es Lichtfeste und Whisky-Tastings. Die Baumannshöhle bietet Theaterstücke an.

"Solche Events sind nur vertretbar, wenn sie Gesteinsstrukturen und Tierarten nicht gefährden", sagt Geologe Knolle.  

Zuschauer stehen vor einer bunt beleuchteten Bühne in einer Höhle

Rockkonzerte wie in der Balver Höhle sind eher eine Ausnahme

Zwischen touristischer Attraktion und Höhlenschutz

Ob Konzert, Lichtershow oder Gruppenführung: "Eine Schauhöhle ist immer ein schwerwiegender Eingriff in die Natur", so Knolle. Ob eine Höhle zur Schauhöhle umfunktioniert wird, sei immer ein Abwägen zwischen Kosten und Nutzen: Gleicht das gewonnene Wissen der Besucher den Schaden der Höhle aus?

Für Biologin Ipse gibt es einen Kompromiss, der vertretbar ist: "Bestimmte Bereiche der Höhle für die Besucher öffnen, andere Teile schützen", rät sie. Tatsächlich sind Schauhöhlen häufig nur auf einigen hundert Metern betretbar, während sich die eigentliche Höhle viel weiter erstreckt.

Außerdem sei es wichtig, die Gänge möglichst schwach zu beleuchten. "Wer Tropfsteine mit viel Licht in Szene setzt, heizt die Höhle auf und bewirkt einen grünen Bewuchs rund um die Lampe", erklärt Ipsen.

Ein Positivbeispiel ist laut Knolle die jüngste der deutschen Schauhöhlen, das Herbstlabyrinth. Die im Jahr 2009 eröffnete Schauhöhle benutzt schwache LED-Lampen und Kunststoffplatten als Wege. "Anders als bei Metallgeländern gelangen so keine Schadstoffe in den Höhlenboden", sagt der Geologe. Die Strukturen der Wände und Decken seien unversehrt.

In allen Schauhöhlen Deutschlands gibt es feste Regeln: Besucher dürfen beispielsweise Wege nicht verlassen, Tropfsteine nicht anfassen und keinen Müll hinterlassen. "Die Besucher sollen staunen und lernen, aber wir wollen sie auch für den Höhlenschutz sensibilisieren", sagt Knolle.

Höhlenforscher arbeiten unter einem Motto, um den Lebensraum Höhle zu schützen:

Nimm nichts mit außer Erinnerungen. Schlag nichts tot außer der Zeit. Lass nichts zurück außer Fußstapfen. "Diese Regeln gelten auch für die Besucher von Schauhöhlen", sagt Ipsen.

Höhlenwände werden von einem gedämmten, rötlichen Licht angestrahlt

Höhlen sollten mit so wenig Licht wie möglich angestrahlt werden – wie hier in der Schellenberger Eishöhle

Stand: 02.05.2019, 13:16

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