Künstliche Befruchtung

Forschung

Künstliche Befruchtung

Im Sommer 1978 wurde die Fortpflanzungsmedizin revolutioniert: In England kam Louise Brown auf die Welt – das erste Kind, das durch künstliche Befruchtung gezeugt wurde. Seitdem forschten Wissenschaftler immer weiter und entwickelten neue Verfahren.

ICSI – die häufigste Methode

Wer früher keine Kinder bekommen konnte, musste sich einfach damit abfinden oder ein Kind adoptieren. Erst im vergangenen Jahrhundert hat die Medizin Methoden der künstlichen Befruchtung so weit entwickelt, dass sich jetzt auch viele Paare ihren Kinderwunsch erfüllen können, die damit auf natürlichem Weg erfolglos blieben.

Nach der Statistik des deutschen Registers für künstliche Befruchtung (DIR), das seit 1982 Daten über die humane Reproduktionsmedizin erhebt, kamen zwischen 2001 und 2013 pro Jahr im Schnitt 12.852 Kinder zur Welt.

Das Titelbild der Illustrierten 'Quick' vom 22. April 1982 zeigt das erste deutsche Retortenbaby der Erlanger Frauenklinik, Oliver W.

1982: das erste deutsche Retortenbaby Oliver

Knapp 50 Prozent der Kinder, die 2013 geboren sind, wurden durch eine intracytoplasmatische Spermieninjektion (ICSI) gezeugt. Damit ist es der Reproduktionsmedizin gelungen, dass heute auch unfruchtbare Männer Kinder zeugen können. Die ICSI wurde Anfang der 1990er Jahre entwickelt.

Statt mehrerer Millionen Samenzellen ist bei dieser Technik nur noch ein einziges männliches Spermium für eine erfolgreiche Befruchtung notwendig. Selbst wenn sich im Ejakulat des Mannes gar keine Samenzellen befinden, besteht die Chance, Samenzellen im Labor aus dem Hodengewebe oder den Nebenhoden zu gewinnen.

Das Spermium wird dann mit einer hauchdünnen Nadel direkt in das Zytoplasma der Eizelle eingespritzt wird. Bei dieser Methode werden zwei bis drei Tage später drei befruchtete Eizellen in die Gebärmutter übertragen. Deswegen entstehen durch diese Methode oft auch Zwillinge, nach Angaben des DIR waren es 2013 etwa 1067. Ein Nachteil von ICSI: Eine genetisch bedingte Unfruchtbarkeit des Mannes kann sich vererben.

IVF – gar nicht künstlich?

Mikroskopaufnahme: Ein Spermium wird mit einer Nadel in eine Eizelle gespritzt.

Ein Spermium wird in eine Eizelle gespritzt

Die ICSI ist eine Weiterentwicklung der sogenannten In-vitro-Fertilisation (IVF), nach der 2013 etwa 1524 Kinder in Deutschland zur Welt kamen. Dabei werden der Frau in einer Operation Eizellen aus dem Eierstock entnommen und dann mit dem gespendeten Samen des Mannes in eine Petrischale gegeben.

Die eigentliche Befruchtung findet anschließend in einem Brutschrank ganz natürlich statt. Deshalb sprechen Mediziner häufig statt von künstlicher von extrakorporaler Befruchtung, also von der Befruchtung außerhalb des Mutterleibs. Nach zwei bis drei Tagen sind nach erfolgreicher Befruchtung mehrzellige Embryonen entstanden, die in die Gebärmutter der Frau eingesetzt werden.

Fruchtbarkeitsstörung als Ursache

Drei neugeborene Zwillingspaare liegen nebeneinander.

Mehrlinge sind nach einer Hormonbehandlung häufig

Die Gründe dafür, dass Paare trotz Wunsch keine Kinder bekommen, können vielfältig sein. Eine vollständige Unfruchtbarkeit liegt nur selten vor. In diesem Fall sind die biologischen Voraussetzungen für eine Zeugung oder Schwangerschaft nicht gegeben, zum Beispiel wenn der Mann keine Samenzellen produziert. Häufiger liegt eine Fruchtbarkeitsstörung mit körperlichen oder seelischen Ursachen vor.

Um mögliche körperliche Störungen herauszufinden, werden grundsätzlich beide Partner untersucht: Die Frau durch den Frauenarzt, der Mann durch den Urologen oder Andrologen, der den Hormonhaushalt des Mannes untersucht.

Beim Mann kann beispielsweise die Spermienqualität beeinträchtigt sein, wenn er zu wenig gesunde und gut bewegliche Samenzellen produziert. Frauen werden darauf untersucht, ob ihre Eierstöcke richtig arbeiten, eine Hormonstörung etwa durch zu viele männliche Hormone vorliegt oder die Eileiter verklebt oder vernarbt sind.

Fest steht auch: Immer mehr Paare entscheiden sich erst in immer höherem Alter für eine Familiegründung. Die Wahrscheinlichkeit schwanger zu werden, nimmt bei der Frau mit zunehmendem Alter jedoch rapide ab. Als biologischer Richtwert gilt das 35. Lebensjahr einer Frau: Danach gilt ihre Fruchtbarkeit als erheblich eingeschränkt. Das Alter der Frauen mit Kinderwunsch stellt demnach einen wichtigen Indikator in der zunehmenden Bedeutung der Fortpflanzungsmedizin dar.

Behandlungsgrundlage: Hormonstimulation

Vielen Paaren verhilft schon eine Hormonbehandlung zum erwünschten Kind. Bei einer hormonellen Stimulation werden Medikamente verabreicht, durch die die Eizellreifung angeregt und später der Eisprung ausgelöst wird. 36 Stunden später ist eine Befruchtung am wahrscheinlichsten, also der Zeitpunkt für Geschlechtsverkehr optimal.

Hormonstimulationen verursachen allerdings häufig Mehrlingsschwangerschaften, die für Mutter und Kind ein höheres Risiko darstellen. Denn während in einem natürlichen Monatszyklus gewöhnlich eine einzige Eizelle heranreift, strebt man bei der Hormonbehandlung die Reifung mehrere Follikel an, also Eibläschen, in denen sich jeweils eine Eizelle befindet.

Variationen der IVF

Hormonstimulationen werden in der Regel auch vor Versuchen der künstlichen Befruchtung durchgeführt. Das klassische Verfahren der In-vitro-Fertilisation gibt es mittlerweile in zahlreichen Variationen.

Eine künstliche Samenübertragung (Insemination) wird durchgeführt, wenn die Zahl und Beweglichkeit der männlichen Samenzellen eingeschränkt ist oder der Mann gar keine Spermien bilden kann und sich das Paar für die Spende eines fremden Mannes entschieden hat.

Auch bei Problemen am Gebärmutterhals kann die künstliche Samenübertragung helfen. Dabei werden zum Zeitpunkt des Eisprunges gereinigte Spermien direkt in die Gebärmutterhöhle eingebracht und sind dadurch schneller und in größerer Dichte am Ziel.

Beim intratubaren Gametentransfer (GIFT) werden beiden Partnern zunächst Ei- und Samenzellen entnommen und gemeinsam in den Eileiter gespritzt. Ei und Spermium verschmelzen erst nach dem Eingriff, die Befruchtung kann also auf natürlichem Wege im Eileiter stattfinden. Nachteil dieser Methode: Bei Misserfolg bleibt unklar, ob es überhaupt zu einer Befruchtung gekommen ist.

Chancen und Risiken

Die Wahrscheinlichkeit, schwanger zu werden, ist bei den verschiedenen genannten Verfahren unterschiedlich hoch. Richtwerte zur Geburtenrate pro Behandlungszyklus veröffentlicht die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung auf ihrer Webseite.

Bei der In-vitro-Fertilisation und bei der ICSI liegt der Wert für die Geburtenrate bei 15 bis 20 Prozent. Die Behandlungskosten werden unter bestimmten Voraussetzungen von der Krankenkasse übernommen. So zahlen gesetzliche Krankenkasse die Kosten für maximal vier IVF-Behandlungen – das gilt allerdings nur für verheiratete Paare.

Paare, die sich für eine künstliche Befruchtung entscheiden, sollten sich nicht nur der Chancen, sondern auch der Risiken bewusst sein. Die hormonelle Stimulation der Frau – Grundlage nahezu jeder Behandlung – kann für viele zu einer großen psychischen Belastung werden.

Zur Messung der Hormonwerte und Kontrolle des Follikelwachstums sind viele Arztbesuche notwendig. Außerdem können unangenehme Nebenwirkungen bis hin zu ernsthaften Komplikationen auftreten.

Zudem vermuten einige Wissenschaftler und Ärzte, dass verschiedene Methoden der künstlichen Befruchtung bei Embryos und Kindern überdurchschnittlich oft Schäden, Fehlbildungen oder gar schwere körperliche und geistige Behinderungen verursachen können.

Bisher gibt es aber keine aussagekräftigen Studien dazu. Trotz vieler Risiken lassen einige Paare nichts unversucht, sich ihren sehnlichsten Kinderwunsch zu erfüllen und nehmen dafür auch erhebliche Einschnitte der Lebensqualität in Kauf. Weil viele Methoden, die zum erhofften Kind führen könnten, in Deutschland nach dem Embryonenschutzgesetz verboten sind, reisen einige Paare zum Beispiel für eine Eizellspende ins Ausland.

Autorinnen: Martina Peters/Silke Rehren

Stand: 16.02.2016, 13:51

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