Vanille und Co – wie Orchideen genutzt werden

Vanilleschoten und -blüten nebeneinander

Orchideen

Vanille und Co – wie Orchideen genutzt werden

Von Bärbel Heidenreich

Menschen nutzten von alters her Orchideen als Genuss- und Heilmittel. Die heilende Wirkung sprach man noch bis ins 19. Jahrhundert hinein vor allem den heimischen Arten zu. Die tropischen Orchideenarten werden dagegen bis heute wegen ihrer einzigartigen Aromen genutzt.

Heilmittel, Gewürze und Drogen

Orchideen bewegten von alters her den Volksglauben. In Schriften um 1890 wird erläutert, dass die Wurzeln des heimischen Helmknabenkrautes nicht nur nahrhaft, sondern auch potenzsteigernd seien.

Solange es keine wirksameren Arzneien gab, galt das "Kleine Knabenkraut" als Hausmittel gegen Durchfall. Auch glaubte man in dieser Zeit, Schwindsucht am besten mit der wohlriechenden Orchidee "Angraecum fragrans" von der Insel Mauritius zu behandeln zu können. Die getrockneten Blätter wurden mit heißem Wasser aufgegossen und ergaben dann den wohlschmeckenden Fahamthee.

In Südamerika und in der Karibik wächst eine Orchidee namens Trichocentrum cebolleta mit gelb-braun getupften Blütenblättern. Ihre Blätter enthalten nachweislich halluzinogene Stoffe. Der mexikanische Indianerstamm der Tarahumara berauschte sich gerne damit. Die Stoffe haben die gleiche Wirkung wie Meskalin, das aus bestimmten mexikanischen Kakteen gewonnen wird.

Auch in der Homöopathie ist die Orchidee vertreten. Da wird der Frauenschuh gegen Nervosität und Schlaflosigkeit verschrieben.

In der Türkei und im arabischen Raum ist "Salep" sehr beliebt. Die abgetrockneten Knollen des Knabenkrautes, der Orchidee "Orchis morio", werden zu Mehl zerrieben, um Speiseeis damit zu aromatisieren. Aus dem Pulver wird auch ein beliebtes Getränk hergestellt. Es ist meistens als Instantprodukt im Handel.

Da Orchideen inzwischen international unter Naturschutz stehen, werden diese Produkte heute aus Ersatzstoffen hergestellt.

Salep-Knabenkraut aus der Provence.

Das Salep-Knabenkraut aromatisiert Speiseeis

Vanille – bedeutendste Orchideenfrucht

Vanille gehört weltweit zu den bedeutendsten Aromen. Die kultivierte Nutzpflanze mit dem botanischen Namen Vanilla planifolia benutzt man hauptsächlich zum Aromatisieren von Lebensmitteln. Die Tabak- und Parfümindustrie verwendet eine andere Vanilleart, die Vanilla planisolia.

Die Vanille ist ein ausgesprochener Kletterspezialist mit schotenförmigen Früchten. Ihre ursprüngliche Heimat ist Mexiko. Noch bevor die Spanier Amerika eroberten, hatten die Azteken das Gewürz für sich entdeckt und ein kakaoähnliches Getränk damit zubereitet.

Mit der Kolonialisierung Mittelamerikas im 16. Jahrhundert begann der Raubbau. Handelsschiffe brachten das kostbare Gewürz nach Europa. Die Ausfuhr der lebenden Vanillepflanze war dagegen strengstens verboten. Die Monopolstellung der spanischen Exporteure wäre damit in Gefahr geraten. So konnten sie das Handelsmonopol 300 Jahre lang halten.

1807 gelang es auf geheimnisvolle Weise, kleine Pflänzchen zu schmuggeln. Sie tauchten bald in Europa auf und gelangten von dort auf die indonesische Insel Java und die Insel La Réunion im Indischen Ozean. Das Inselklima schien ideal, die Vanillepflanzen gediehen üppig, aber Schoten bildeten sich keine.

Es begann ein langes vergebliches Suchen nach der möglichen Ursache. 1837 fand der belgische Botaniker Charles Morren heraus, dass Kolibris und bestimmte Insekten in der mexikanischen Heimat für die Bestäubung zuständig sind. Die aber fehlten hier.

Man half sich und befruchtete die Blüten mithilfe eines kleinen Pinsels von Hand. 1841 gediehen die ersten Vanilleschoten außerhalb von Mexiko. Damit war das Monopol der Spanier gebrochen.

Von September bis Dezember ist bis heute das Bestäuben Frauenarbeit. Sie schaffen bis zu 1000 Blüten pro Tag. Im Volksmund heißen sie "Ehestifterinnen". Aus der grünen Schote dann die aromatischen Vanillestangen herzustellen, ist ein aufwendiger Prozess.

Nach der Ernte werden die Schoten heiß überbrüht und anschließend für einige Stunden in Vlies gewickelt zum Schwitzen gebracht. In den nächsten 14 Tagen müssen sie abwechselnd in der Sonne und im Ofen trocknen.

Erst nachdem sie weitere acht Monate fest verschlossenen in Kästen geruht haben, haben sie ihr volles Aroma entwickelt. Als schwarz glänzende Stangen kommen sie schließlich auf den Markt.

Zwischen grünen, dickfleischigen Blättern sitzen zwei lilienähnliche gelbe Blüten

Echte Gewürzvanille, Vanilla planifolia

Die Echte bekommt Konkurrenz

Die größten Anbaugebiete von Vanille sind heute Madagaskar und La Réunion. Von dort kommt die handelsübliche Bourbon-Vanille. Die Bezeichnung stammt noch aus der Zeit vor der Französischen Revolution, als La Réunion noch Ile Bourbon hieß.

Um weltweit alle Backwaren und Speisen mit echter Vanille zubereiten zu können, würde die Produktion der echten Vanille nicht ausreichen. Schon 1874 war es gelungen, das Vanillearoma künstlich herzustellen – es kam als "Vanillin" auf den Markt. "Coca Cola" und "Pepsi Cola" zählten aber nach wie vor zu den größten Abnehmern der echten Vanille.

Erst 1985 entschloss sich der "Coca Cola"-Konzern, sein neues Produkt "New Coke" mit der künstlichen Vanille, dem Vanillin, herzustellen. Es war billiger. Madagaskars Wirtschaft brach zusammen. Sie erholte sich erst, als sich neue Märkte eröffneten und sich "New Coke" als Flop herausstellte.

Getrocknete Schoten der Gewürzvanille

Die Behandlung der Schoten ist aufwändig und zeitintensiv

Orchideendüfte für Luxusparfüms

Rund ein Viertel des Umsatzes bei Luxusparfüms wird mit neuen Düften gemacht. So geben die französischen und italienischen Luxusmarken beim größten Duftstoffhersteller der Welt "Givaudan" ständig neue Kreationen in Auftrag. Duftforscher sind daher unterwegs, unbekannte exotische Düfte zu finden. Die Orchideenarten bieten da eine riesige Fundgrube.

Die Blüten müssen zu diesem Zwecke nicht gepflückt werden. Es wäre unverantwortlich, denn Tausende von Blüten wären nötig, um ein paar Tropfen reinen Blütendufts zu extrahieren. Stattdessen werden die Blütendüfte mithilfe eines Glaskolbens eingefangen.

Die Orchideen in den Baumkronen des tropischen Regenwaldes machen es dem Duftfänger nicht gerade einfach. So schwebt er auch schon mal in etwa 40 Metern Höhe auf einer schlauchbootartigen Plattform, die an einem Heißluftballon hängt. Hat er einen interessanten Duft erschnuppert, stülpt er eine passende Glasglocke über die Blüte. Eine kleine Pumpe saugt nun die Duftmoleküle aus dem Glas in einen Filter. Die Prozedur dauert bis zu drei Stunden.

Mit einer Ausbeute von 50 bis 200 Mikrogramm Duftstoff kann der Chemiker dann im Labor bei Zürich den Duft in seine rund 150 Bestandteile zerlegen, identifizieren und künstlich nachgestalten.

Der Experte weiß, dass manche Orchideen, die als duftlos beschrieben werden, ihren Duft nur zu bestimmten Zeiten ausströmen. Die Catleya luteola zum Beispiel duftet nur frühmorgens um halb fünf für eine Viertelstunde, wenn eine bestimmte Bienenart unterwegs ist. Das Phänomen gibt es bei vielen Orchideen. Tagsüber stellen sie sich auf Bienen und Fliegen ein, nachts auf Falter.

Den Parfümeuren stehen Tausende Duftstoffe zur Verfügung, die je nach Kundenwunsch zu speziellen Duftnoten zusammengestellt werden können. Exklusives muss aber immer wieder neu eingefangen werden.

Ein Parfümeur riecht an einem Fläschen

Parfümeure nutzen gerne die Vielfalt der Orchideendüfte

Stand: 17.02.2020, 16:38

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