Zoonosen – Gefährliche Tierliebe

Ein kleiner Junge küsst einen Cocker Spaniel Welpen auf die Schnauze.

Tiermedizin

Zoonosen – Gefährliche Tierliebe

Von Cora Richter

Jährlich werden allein rund 500.000 Hunde aus Osteuropa und dem Mittelmeerraum importiert, da wir den Bedarf an Haustieren durch eigene Zucht allein nicht decken können. Was vielen Hundefreunden nicht bewusst ist: Mit ihnen kommen leider auch potenziell gefährliche Erreger zu uns – also viele neue und alte Infektionskrankheiten. Darunter auch sogenannte Zoonosen, Krankheiten, die vom Tier auf den Menschen überspringen können und umgekehrt. So kann der "Traumhund" aus dem Süden schnell zum Albtraum werden.

Mehr als 250 bekannte Zoonosen

Inzwischen sind über 250 Zoonose-Erreger bekannt, die sowohl Tiere als auch uns Menschen befallen können. Sie stammen aus allen vier Gruppen: Viren, Bakterien, Parasiten und Pilzen. Infektionskrankheiten, die vom Tier auf den Menschen springen, werden als "Zooanthroponosen" bezeichnet. Und die vom Menschen auf Tiere übergehen, als "Anthropozoonosen".

Viele Erreger können jedoch beide Wege einschlagen. Durch Globalisierung, Klimawandel und Tiertourismus kommen fast täglich neue Zoonosen dazu und die Experten sind sich einig, dass wir Menschen in Zukunft immer häufiger mit Zoonosen in Kontakt kommen werden.

Zoonosen Planet Wissen 12.06.2020 02:43 Min. Verfügbar bis 12.06.2025 ARD-alpha

Der Fuchsbandwurm – die gefährlichste Parasitenzoonose Mitteleuropas

Mittlerweile hat sich der Fuchsbandwurm (Echinococcus multilocularis) in ganz Deutschland ausgebreitet. Dadurch, dass die Tollwut in Deutschland seit 2008 ausgerottet ist, hat sich die Fuchspopulation stark vermehrt. So sind in einigen Regionen über 70 Prozent der Füchse mit dem Fuchsbandwurm befallen. Etwa zwei Drittel der befallenen Patienten stammen aus Baden-Württemberg und Bayern.

Der Fuchsbandwurm hat über Tausende von Jahren eine erstaunliche Überlebens- und Verbreitungsstrategie entwickelt. Die maximal vier Millimeter langen erwachsenen Würmer leben im Dünndarm von Füchsen, ihrem wichtigsten Endwirt. Dort ernähren sie sich vom Nahrungsbrei und vermehren sich über Eier, die mit dem Kot ausgeschieden werden. Die Eier bleiben oft noch monatelang infektiös.

Ein adulter Fuchsbandwurm unter dem Mikroskop.

Der nur wenige Millimeter große Fuchsbandwurm lebt im Dünndarm von Füchsen

Als Zwischenwirte dienen Mäuse und andere Kleinsäuger, die die Eier – etwa über ihre Nahrung – aufnehmen. Im Zwischenwirt schlüpfen die Larven, sogenannte "Finnen", aus den Eiern, durchbohren die Darmwand und befallen bevorzugt die Leber dieser Wirtstiere. Durch die langsame Zerstörung der befallenen Organe werden die Mäuse schwächer und damit zur leichten Beute für Füchse. So kann der Kreislauf von neuem beginnen.

Aber auch Hunde und Katzen können infizierte Mäuse fressen und so zu Endwirten werden. Und wir Menschen können leider zu sogenannten Fehlzwischenwirten werden. Man kann sich allein schon durch Streicheln des eigenen Haustieres anstecken, wenn dieses vom Fuchsbandwurm befallen ist. Dies geschieht oral, wenn man im Anschluss mit ungewaschenen Händen den Mund berührt.

Jährlich infizieren sich in Deutschland pro Jahr über einhundert Menschen mit dem Parasiten und leiden unter der sogenannten "alveolären Echinokokkose". Hierbei entstehen die bläschenartigen Finnen in der Leber und zerstören diese. Seltener befallen sie auch Lunge und Gehirn. Unbehandelt wuchern die Larven in der menschlichen Leber, bis es zum Organversagen kommt.

Ansteckungsgefahr durch infizierte Haustiere

Die weitaus größte Ansteckungsgefahr für Menschen liegt beim eigenen Haustier, speziell bei Hunden. Also nicht wie bisher oft angenommen beim Beeren, Kräuter oder Pilze sammeln. Hunde können Kot mit ausgeschiedenen Eiern direkt aufnehmen oder sich darin wälzen. Da die meisten infizierten Hunde im engen Kontakt mit dem Besitzer leben, ist es die gleiche Situation, als würde man direkt mit einem befallenen Fuchs kuscheln.

Eine befallene Hundeleber mit Fuchsbandwurmfinnen

Die blasenartigen Wucherungen der Leber erinnern fataler Weise an Leberkrebs, die Folgen können ähnlich sein

Infizierte Katzen können den Fuchsbandwurm ebenso auf den Menschen übertragen, wenn auch nicht so leicht wie Hunde. Grundsätzlich gilt die alte Hygieneregel: regelmäßiges Händewaschen nach dem Waldbesuch und nach dem Streicheln eines Hundes oder einer Katze, besonders vor dem Essen! Und man sollte sich auch nach Garten-, Feld- und Waldarbeiten immer gründlich die Hände waschen, da man eventuell Kontakt mit verseuchter Erde hatte.

Zur Pflicht gehört die regelmäßige Entwurmung der eigenen Tiere, die gern vernachlässigt wird. Denn jeder Halter ist überzeugt, dass der eigene Hund, die eigene Katze sauber ist. Ein fataler Fehler! Empfohlen wird eine monatliche Entwurmung, um den Fuchsbandwurmbefall zu verhindern. Und Haustiere, die sich viel im Wald aufhalten, sollten erst recht nicht mit ins Bett genommen werden.

Bis zu 15 Jahre Inkubationszeit

Das Tückische am Fuchsbandwurm ist die Inkubationszeit, also die Zeit zwischen Ansteckung und Ausbruch der Symptome. Sie kann bei uns Menschen bis zu 15 Jahre betragen, denn die Larven wachsen sehr langsam! Ein langer Zeitraum, in dem wir von der Infektion nichts merken. Der Befall verläuft lange schmerz- und beschwerdefrei.

Meist wird der Parasit dann zufällig bei einer Routineuntersuchung entdeckt und damit nicht selten zu spät. Die Symptome einer Fuchsbandwurm-Infektion (Echinokokkose) sind mit Druckgefühl, Schmerzen im Oberbauch, Müdigkeit, Gewichtsverlust, Fieber und Blutarmut unspezifisch.

Fatale Fehldiagnose: Lebertumor

In Deutschland ist die Universitätsklinik Ulm bei einer Echinokokkose führendes Behandlungszentrum. Die Diagnose wird per Ultraschall, kombiniert mit Blutuntersuchung auf Antikörper, gestellt. Oft kommen noch weitere bildgebende Verfahren wie Computer-Tomographie (CT) und Magnetresonanztomographie (MRT) zum Einsatz.

Ist die operative Entfernung nicht möglich, erwartet den Patienten meist eine lebenslange medikamentöse Therapie mit Albendazol. Das antiparasitär wirkende Medikament verhindert die weitere Ausbreitung des Parasiten, indem es das Finnenwachstum hemmt.

In vielen Fällen wird die Fuchsbandwurm-Infektion sowohl beim Menschen als auch beim Hund irrtümlich als Lebertumor fehldiagnostiziert! Daher ist die Dunkelziffer der Betroffenen deutlich höher. Dank moderner Medizin muss heute fast niemand mehr am Fuchsbandwurm sterben. Was bleibt, ist der Schock, dass in der eigenen Leber ein Parasit gewachsen ist.

Herzwürmer & Co.

Es gibt weitere neue Untermieter, spezielle Fadenwürmer (Dirofilarien), die mit importierten Hunden aus dem Ausland eingewandert sind. Natürlich kann auch das eigene Tier unerwünschte "Andenken" aus dem Urlaub mitbringen. So zum Beispiel den Herzwurm (Dirofilaria immitis), den orientalischen Augenwurm (Thelazia callipaeda), den Haut- oder Zungenwurm.

Ein mit Herzwürmern befallenes, plastiniertes Hundeherz.

Ein mit Herzwürmern befallenes, plastiniertes Hundeherz

Neben Hunden können Katzen und viele andere Säugetiere Opfer der Herzwurminfektion namens Dirofilariose werden. Saugt eine Steckmücke mit dem Blut eines befallenen Tieres die Larven des Herzwurmes (Mikrofilarien) auf, kann sie diese beim nächsten Stich auch auf einen Menschen übertragen. Für immungeschwächte Personen durchaus eine Gefahr. Die Stechmücken sind sowohl Zwischenwirte als auch Überträger.

Aktuell breitet sich der Herzwurm vom südlichen Europa nordwärts aus (siehe Verbreitungskarte). Ursprünglich stammt er aus Regionen Süd- und Südosteuropas. Später kam er auch in den USA vor.

So sind in Oberitalien schon 40 bis 80 Prozent der Hundepopulation mit Herzwürmern infiziert! Die dunkelblauen Kreise in der Grafik markieren Funde von Stechmücken mit Fadenwurmlarven. Noch gibt es in Deutschland keinen Nachweis für einen Herzwurmfund. Aber es gilt als wahrscheinlich, dass der Parasit in den nächsten Jahren Deutschland erreicht.

Karte Europas mit Nordafrika auf der die Verbreitung von Filariosen in blau eingetragen ist.

Dunkelblau = Verbreitung aller sechs Filarienarten; Hellblau = lokale Verbreitung des Herzwurmes in Hundepopulationen (Anteil in Prozent)

Vermutlich wegen des Klimawandels, aber auch der hohen Zahl von Reise- und Importhunden, breitet sich der Parasit zunehmend von Süd- nach Nordosteuropa aus. Je nach Ausmaß kann der Herzwurmbefall auch tödlich enden. Die Symptome sind: Appetitlosigkeit, Gewichtsverlust, chronischer Husten, schnelle Ermüdung und Herzinsuffizienz. Die Herzwürmer verstopfen die kleinsten Blutgefäße, dies führt zu einer mangelnden Sauerstoffversorgung.

Wer sein Tier vor einer Reise in das Ausland schützen will, sollte sich rechtzeitig vor Reiseantritt von seinem Tierarzt beraten lassen. Vorbeugen gegen eine Herzwurm- und Hautwurminfektion kann man mit permethrin- und flumethrinhaltigen Spot ons oder Halsbändern.

Vorsicht auch bei der Terrarienhaltung

Der Trend zum Terrarium hat uns eine Fülle neuer Erreger ins Land gebracht. So bergen exotische Salmonellen, die auf der Haut, im Kot und in Sekreten von Schlangen, Bartagamen, aber auch von Schildkröten leben, ein Infektionsrisiko. Besonders bei Säuglingen und Kleinkindern können sie tödliche Hirninfektionen verursachen.

Von einer Zunahme dieser Salmonellen-Infektionen berichten besorgte Kinderärzte. Es waren Fälle, wo es ausreichte, dass ein Elternteil zuerst das Terrarium seiner Bartagamen reinigt und dann, ohne sich die Hände zu waschen, sein Kind anfasst.

Zoonosen von Mensch auf Tier

Bei Prof. Dr. Achim Gruber an der Freien Uni Berlin landen auch regelmäßig Zoonosen-Fälle auf dem Seziertisch. Einen Fall hat der Tierpathologe nie vergessen: Ein zehnjähriges Mädchen kam tränenüberströmt mit seinem toten Chinchilla zu ihm und hoffte, er könne es wieder zum Leben erwecken. Gruber konnte nur noch aufklären, woran das Chinchilla unglücklicherweise gestorben war. Das Mädchen hatte im Mundwinkel ein Herpesbläschen. So hatte das Kind ungewollt mit einem Kuss sein geliebtes Chinchilla mit dem Lippenherpesvirus infiziert.

Bei Kaninchen und Chinchillas kann das menschliche Lippenherpesvirus (auch Herpes simplex Virus-1) schnell eine tödlich verlaufende Gehirnentzündung verursachen. Was viele Haustierbesitzer auch nicht wissen: Tuberkulose (TBC) ist von uns Menschen auf unsere Haustiere übertragbar und kann dann bei unseren besten Freunden als Lungentumor fehldiagnostiziert werden.

Also alle Haustiere komplett abschaffen?

"Auf gar keinen Fall", sind sich Experten einig. Denn Untersuchungen haben den gesundheitlichen Nutzen für die Besitzer belegt. Haustierhalter haben demnach eine höhere Lebenszufriedenheit, sind weniger depressiv, sie bewegen sich mehr und haben mehr soziale Kontakte. Haustiere bereichern definitiv unser Leben. Sie verdienen unseren Respekt und unser Verantwortungsbewusstsein.

SWR | Stand: 03.03.2020, 12:00

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