Mehr Stufen ins Klärwerk

Klärwerk von oben.

Wasserversorgung in Deutschland

Mehr Stufen ins Klärwerk

Von Frank Drescher

Die herkömmliche Abwasserbehandlung in den Klärwerken lässt zu viele Stoffe im Wasser, die in der Natur für Probleme sorgen. Deswegen empfiehlt das Umweltbundesamt, in den Klärwerken weitere Aufbereitungsstufen zu installieren. Aber wer soll das bezahlen?

Medikamentenrückstände im Abwasser schaden der Umwelt

Verkümmerte Geschlechtsteile bei Fischen irritierten um die Jahrtausendwende herum die Fischer auf dem Thuner See in der Schweiz. Die Hoden der männlichen Tiere waren oft zu klein und in vielen Fällen mit dem Muskelgewebe verwachsen.

Im Verdacht standen über das Abwasser in die Umwelt gelangte Hormonrückstände der Antibabypille und hormonähnliche Substanzen, wie sie in Weichmachern in Plastik vorkommen oder in manchen Spülmitteln, die einen Stoff speziell für die Säuberung von Tafelsilber beinhalten.

Auf dem Bild sind noch in ihren Plastikhülsen verpackte Pillen zu sehen.

Medikamentenrückstände werden bislang in Kläranlagen nicht abgebaut

Ein Laborversuch in Berlin zeigte schon 2007: Aus Kaulquappen werden Riesenkaulquappen statt Fröschen, wenn sie im Wasser dem Abbauprodukt eines bestimmten Insektenvernichtungsmittels ausgesetzt sind, das wie ein Hormon wirkt. "Wenn es bei den Tieren zu Effekten kommt, wird es für den Menschen auch bedenklich", erklärte der Versuchsleiter Werner Kloas vom Institut für Gewässerökologie damals dem SWR-Wissensmagazin Odysso.

Und schwedische Forscher stellten 2013 fest: Das Beruhigungsmittel Oxazepam wirkt nicht nur bei depressiven Menschen, sondern auch bei Barschen. Die verlieren ihre natürliche Scheu und entwickeln den Mut, allein statt im Schwarm auf Nahrungssuche zu gehen, was sie angreifbarer für Fressfeinde macht.

In allen drei Fällen stammen die Stoffe, die die Probleme auslösen, aus Siedlungsabwässern. Sie gelangten trotz Klärwerken in die Umwelt. Denn die herkömmlichen Verfahren zur Abwasserbehandlung entfernen die Stoffe nicht.

Raum mit Trinkwasser.

Qualitativ hochwertiges Trinkwasser: eine Herausforderungen für die Zukunft

Klärwerke sollen aufgerüstet werden

Das Umweltbundesamt hat deshalb schon 2015 empfohlen, Deutschlands Kläranlagen aufzurüsten: Zu den herkömmlichen drei Reinigungsstufen des Abwassers – mechanisch, biologisch und chemisch – würde dann eine zusätzliche vierte Stufe kommen.

Dann sollen auch Medikamentenrückstände aus dem Abwasser entfernt werden können, etwa mit Hilfe von Aktivkohlefiltern. Ein ähnlicher Effekt lässt sich mit Ozon erzielen, das ins geklärte Wasser gegeben wird. Allerdings können hierbei wiederum problematische Abbauprodukte entstehen, für die dann weitere Behandlungsstufen nötig sind.

Eine zusätzliche Reinigungsstufe kostet Milliarden

So gesehen ist der Begriff von der "vierten Stufe" etwas ungenau, da es sich um mindestens eine weitere mechanische, chemische und biologische Aufbereitungsstufe, aber auch die Kombination mehrerer solcher Stufen im Anschluss an die herkömmliche dreistufige Abwasseraufbereitung handeln kann.

Nach Berechnungen des Bundesverbands der Energie- und Wasserwirtschaft (BDEW) würde die flächendeckende Installation der zur "vierten Stufe" gehörenden Verfahren jährlich 1,2 Milliarden Euro kosten. Die Abwassergebühren müssten dann in Deutschland um durchschnittlich 17 Prozent steigen.

Doch dann, so argumentiert der Verband, hätten die Verursacher der Probleme wenig Grund, ihr Verhalten zu ändern. Und als Verursacher sieht der Verband weniger die Arzneimittelkonsumenten, die zur Toilettenbenutzung für die Zeit der Medikamenteneinnahme ja keine Alternative haben, sondern die pharmazeutische Industrie. Deswegen solle die Pharmaindustrie nach den Vorstellungen des BDEW eine Abgabe auf ihre Produkte zahlen, die den Abwasserentsorgern zugute kommen würde.

Auf Anfrage von Planet Wissen hält sich der Bundesverband der Pharmazeutischen Industrie (BPI) zu dieser Idee allerdings bedeckt und verschanzt sich hinter Allgemeinplätzen: "Der Gewässerschutz ist eine Gemeinschaftsaufgabe, alle Beteiligten stehen hier gleichermaßen in der Verantwortung. Die Mitgliedsunternehmen des BPI nehmen den Umweltschutz ernst: Die Aktivitäten der pharmazeutischen Industrie sind heute schon auf einem sehr hohen Niveau", heißt es auch noch nach unserer Bitte um Präzisierung.

Fragen wie diese sind allerdings auch Gegenstand des nationalen Wasserdialogs. Den veranstaltet das Bundesumweltministerium seit Herbst 2018 aus Anlass der UN-Wasserdekade von 2018 bis 2028. Zu fünf verschiedenen Themenbereichen tauschen sich Vertreter von Bund, Ländern und Kommunen, aus der Wasserwirtschaft, aus der Forschung sowie von Naturschutz- und Verbraucherschutzverbänden über die Zukunft des Gewässerschutzes und der Trinkwassergewinnung aus.

Eine Erkenntnis dabei: Die vierte Klärstufe ist womöglich gar nicht flächendeckend erforderlich, heißt es aus dem Ministerium. Wo genau eine vierte Stufe erforderlich ist und in welcher Form, sollen die Bundesländer bis September 2020 prüfen.

Stand: 28.11.2019, 15:30

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