Streit ums Nitrat

Düngemittel auf dem Feld.

Wasserversorgung in Deutschland

Streit ums Nitrat

Von Frank Drescher

Wegen zu hoher Nitratbelastung des Grundwassers stehen Deutschlands Landwirte seit Langem am Pranger. Im Spätsommer 2019 reißt der EU-Kommission schließlich der Geduldsfaden: Sie droht der Bundesrepublik Deutschland mit einer Strafzahlung von rund 850.000 Euro – pro Tag.

Auch Deutschlands Wasserversorger warnen die Öffentlichkeit: vor steigenden Kosten bei der Trinkwassergewinnung, weil sie in manchen Gegenden immer höhere Nitratwerte im Rohwasser finden und aufwendige technische Verfahren für erforderlich halten, um daraus Trinkwasser gewinnen zu können.

Offenbar könnten Nitrate im Grundwasser die Allgemeinheit teuer zu stehen kommen – sei es als Steuerzahler oder als Wasserverbraucher. Doch sind daran tatsächlich die Landwirte schuld, weil sie ihre Felder zu stark düngen?

Chemiker prüft Grundwasser in einem Reagenzglas.

Immer wieder das gleiche Messergebnis: zu viel Nitrat im Grundwasser

Schutz vor der Nitratverschmutzung

Hintergrund des Streits ums Nitrat ist die EU-Richtlinie 91/676/EWG aus dem Jahr 1991, in der sich die Mitgliedsstaaten dazu verpflichten, die Gewässer vor Nitratverschmutzung aus der Landwirtschaft zu schützen.

Dazu gehört, dass die Staaten die Nitratbelastung des Grundwassers ständig messen, Aktionsprogramme zur Verringerung der Nitratbelastung durchführen und deren Erfolg kontrollieren. Darüber müssen die EU-Mitglieder der Kommission alle vier Jahre Bericht erstatten.

Was für eine komplizierte Situation entstehen kann, wenn die EU-Kommission findet, dass ein Mitgliedsstaat gegen die Richtlinie verstößt, lässt sich seit 2013 beobachten. Seitdem nämlich hat die Bundesregierung Ärger mit der EU-Kommission wegen zu hoher Nitratwerte im deutschen Grundwasser.

Hauptursache für Nitrat im Grundwasser ist die Landwirtschaft, weil Ackerbauern ihre Felder mit Gülle aus der Viehzucht düngen. Ein Teil des Stickstoffes verwerten die Ackerpflanzen, doch die Gülle enthält mehr Stickstoff, als die Ackerpflanzen verwerten können. So gelangt der Stickstoffüberschuss in den Wasserkreislauf.

Mann in Boot mit Wasserflasche in der Hand.

Greenpeace untersucht Wasserproben auf Nitrat- und Phosphor-Belastungen

Alarmierende Nitratkonzentrationen

Tatsächlich meldete die Bundesregierung im Jahre 2012 alarmierende Zahlen: An der Hälfte aller Grundwasser-Messstellen war die Nitratkonzentration höher als die erlaubten 50 Milligramm je Liter (mg/l). Bei einem weiteren Fünftel der Messstellen lag die Nitratkonzentration nur knapp unter dem Grenzwert. Unbedenkliche Werte von 25 mg/l wies nicht einmal ein Zehntel der Messstellen auf (siehe Abbildung 1).

Diagramm: Nitratgehalte im Zeitraum von 2008-2010.

Dabei gab es aus Sicht der Bundesregierung aber auch eine gute Nachricht: Gegenüber dem vorangegangenen Nitratbericht von 2008 habe sich eine leichte Verbesserung der Lage ergeben, wie ihre Auswertung der Messungen ergeben habe.

Für die EU-Kommission war aber das genaue Gegenteil der Fall. Sie wertete dieselben Messwerte nach einer anderen Berechnungsmethode aus und kam so auf eine Zunahme der Nitratkonzentration im Grundwasser.

Darum ermahnte die EU-Kommission die Bundesregierung 2013, für Abhilfe zu sorgen. Die Bundesregierung entgegnete darauf, sie plane ohnehin eine Änderung der deutschen Düngeverordnung, doch die Änderungen reichten der EU-Kommission nicht.

Daher verklagte sie die Bundesregierung. Mit Erfolg: 2018 stellte der Europäische Gerichtshof fest, dass die Bundesregierung nicht genug gegen Nitrate unternimmt – nicht nur im Grundwasser, sondern in allen Gewässern.

Algenblüte in einem Bach.

Algenblüte in einem Bach: eine Folge der Überdüngung

Mehr noch: Die Straßburger Richter hielten fest, dass angesichts der Überdüngung von Flüssen, Seen sowie Nord- und Ostsee der Streit zwischen Bundesregierung und EU-Kommission um die Berechnungsmethode der Nitratkonzentration im Grundwasser unerheblich ist und in jedem Fall Maßnahmen gegen den Stickstoffüberschuss aus der Landwirtschaft erforderlich sind.

Das alles ist unerfreulich für die Bundesregierung und lässt für den Zustand der Umwelt nichts Gutes erhoffen. Doch ob das so stimmt, ist schwer zu sagen. Denn der Nitratbericht der Bundesregierung von 2016 machte die Situation noch komplizierter.

Im Vergleich zu 2012 schien sich die Situation dramatisch verbessert zu haben: Bei fast der Hälfte aller Messstellen war die Nitratkonzentration im Grundwasser nun bei unbedenklichen 25 mg/l und darunter (siehe Abbildung 2). Und statt der Hälfte der Messstationen weist nun weniger als ein Drittel eine Nitratkonzentration auf, die den Grenzwert übersteigt.

Nitratbericht der Bundesregierung 2016

Quelle: Nitratbericht der Bundesregierung 2016

Ein präziseres Abbild des Nitrat-Problems

Ob das nun allerdings auf einen Erfolg der deutschen Umweltpolitik hindeutet oder darauf, dass – wie der Bauernverband betont – Deutschlands Landwirte einen immer geringeren Stickstoffüberschuss in die Umwelt lassen, ist schwer zu sagen. Denn im Vergleich zur Auswertung von 2012 hat sich die Zahl der Messstellen in Deutschland erhöht, von 162 auf 697.

Die EU-Kommission hatte nach dem Nitratbericht von 2012 bemängelt, dass die Dichte der Messstellen im europäischen Vergleich in Deutschland viel zu niedrig sei. Verlässlich festhalten lässt sich nur, dass es nun ein präziseres Abbild des Nitrat-Problems in Deutschland gibt.

Julia Klöckner und Svenja Schulze beim Gülle-Rapport in Brüssel

Julia Klöckner und Svenja Schulze beim Gülle-Rapport in Brüssel

Währenddessen geht das Ringen um eine schärfere Regulierung des Düngens weiter. Zuletzt hatte die Bundesregierung 2017 das hiesige Düngerecht verschärft – auch um der Klage der EU-Kommission die Grundlage zu entziehen. Doch die Verschärfungen reichen nach Ansicht der EU-Kommission nicht aus, weswegen im Sommer 2019 eine Debatte über weitere Verschärfungen begann.

Der Bauernverband will diese Verschärfungen verhindern. Sein Argument: Ackerpflanzen benötigen nun einmal Stickstoff als Nahrung, und durch Gülle seien Landwirte in der Lage, auf den Kauf von Mineraldünger zu verzichten.

Agrarlobbyisten warnen außerdem: In Dänemark habe eine zu starke Reglementierung des Düngens der Qualität des Brotgetreides geschadet, weswegen die strikten Düngevorschriften dort inzwischen wieder gelockert seien.

Aber selbst wenn man davon ausgehen wollte, dass die Nitratkonzentration 2016 niedriger lag als 2012: Einer Strafe wird die Bundesrepublik wohl nicht entgehen. In ihrem Urteil hielten die Straßburger Richter fest: Ein Verstoß gegen EU-Recht bleibt ein Verstoß, selbst wenn der dafür Verantwortliche später nicht mehr gegen EU-Recht verstößt.

Stand: 27.09.2019, 13:00

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