Arbeitssucht

Mann arbeitet mit drei Laptops und Headset am Flughafen.

Stress

Arbeitssucht

Arbeit – das ist der Kick. Pausen, Schlafen, Urlaub sind der Entzug. Die Sucht zu arbeiten schleicht sich langsam heran. "Ich kann alles" – ein "Nein" gibt es nicht. Und das täglich 14 bis 16 Stunden. Wochenendarbeit und Nachtschichten bestimmen den Alltag. Der Kopf dröhnt – und auf dem Nachttisch bekommt das Röhrchen mit den Aufputsch-Tabletten einen Sonderplatz. Die Arbeitssucht beginnt.

Früh erkannt, spät anerkannt

Schon im 19. Jahrhundert beschrieb der Schwiegersohn von Karl Marx, der Schriftsteller Paul Lafargue, die maßlos übertriebene Liebe zur Arbeit, die rasende Arbeitssucht als schlimmstes Übel der damaligen Zeit, als Ursache geistigen Verfalls und körperlicher Verunstaltung. In seinem Text "Das Recht auf Faulheit" (1883) kritisierte er die bürgerliche Arbeitsmoral und die Folgen der Überproduktion.

Marx forderte schon damals eine an den Menschen angepasste Wirtschaft. Doch er stieß nur auf Ablehnung. Schaut man heute zurück, ist vieles von dem, was Paul Lafargue damals kritisierte, eingetreten. Immer mehr Menschen arbeiten fast bis zum Umfallen. Die Zahl der "Workaholics" oder Arbeitssüchtigen steigt jährlich.

Der Stoff des Job-Junkies

Ein Manager liegt unter einem Berg von Akten.

Von Aktenbergen erschlagen

Der Arbeitssüchtige: Er hängt an der Nadel der Arbeitswelt, braucht Aktenberge, um zu überleben, er ist ihnen verfallen. Er ist süchtig. Im Gegensatz zu stoffgebundenen Süchten, wie zum Beispiel Alkohol-, Drogen-, Spiel- oder Sexsucht, wird Arbeitssucht als sogenannte "saubere Sucht" bezeichnet.

Der Arbeitssüchtige wirkt zunächst aktiv, erfolgreich und scheint sein Leben im Griff zu haben. Doch irgendwann verliert er die Kontrolle. Seine Arbeitstage sind in Wahrheit lang, dicht und anstrengend. Er braucht den Schreibtisch, um zu überleben, denn Arbeit gibt ihm Halt, Selbstbestätigung und Geld.

Zuerst nimmt die Arbeit mehr und mehr Zeit in Anspruch. Das macht am Anfang noch Spaß. Man fühlt sich sehr gut, ist offenbar wichtig und wird gebraucht. Die Freizeit hingegen wird immer knapper. Die Arbeit bestimmt die Gedanken. Danach werden meist alle privaten Beschäftigungen der Arbeit untergeordnet.

Der Erfolg motiviert. Arbeitssüchtige sehen Freizeit sogar als Zeitvergeudung an. Denn sie definieren ihr Selbstwertgefühl und ihre Identität aus ihrer Arbeitsleistung. Flexible Arbeitszeiten und die Angst vor Arbeitslosigkeit unterstützen ihre Sucht.

Phasen der Krankheit

Adrenalin wird freigesetzt, genauso wie bei anderen Süchten. Der Adrenalinstoß kommt dann, wenn der Körper eigentlich überfordert ist und letzte Reserven in Gang setzen muss. Das Verlangen nach dem Glücksstoff spielt sich im Unterbewusstsein ab – die Sucht beginnt. Wenn die Sucht befriedigt wird, löst dies ein Wohlbefinden aus.

Ein Teufelskreis: Der Arbeitssüchtige verlangt nach mehr, schafft aber seinen Alltag nicht. Nur noch feste Regeln geben ihm Halt und Sicherheit. Alles Flexible und Neue ist ihm unheimlich. Dabei kann er häufig unwichtige von wichtigen Aufgaben nicht mehr unterscheiden, will alles selber machen, kocht Kaffee und leert sogar den Mülleimer aus. Er kann weder im Team arbeiten noch delegieren. Arbeitsstunden spielen dabei kaum noch eine Rolle.

Manche Arbeitspsychologen erkennen drei Phasen der schleichenden Krankheit: Während der "Einleitungs-Phase" arbeitet der Süchtige zunehmend in der Freizeit, vernachlässigt Familie und Freunde. Er kann sich manchmal nicht konzentrieren, hat Kopf- oder Magenschmerzen, leidet unter Herz-Kreislauf-Beschwerden, fühlt sich erschöpft, ängstlich oder depressiv. Mußestunden sind eine Belastung.

Viele farbige Tabletten liegen in einer Hand.

Viele Workaholics nehmen Tabletten

Es folgt die "kritische Phase": Die Krankheits-Symptome verschlimmern sich. Der Süchtige reißt Arbeit an sich, er hortet sie wie ein Suchtmittel, greift auch in den Verantwortungsbereich seiner Kollegen ein. Immer öfter verhält er sich aggressiv, leidet unter Entzugserscheinungen – etwa Schweißausbrüchen, Herzrasen und Atemnot. Urlaub oder Freizeit werden zur Qual.

Schließlich die "chronische Phase": Jetzt wird ohne Unterlass gearbeitet, auch nachts, an Wochenenden und Feiertagen, mit Hilfe von Aufputschmitteln, Kaffee, Alkohol, Tabletten oder Nikotin. Auf Schlaf wird verzichtet. Der "Workaholic" setzt stur und rücksichtslos seine Interessen durch. Am Ende stehen oft Herzinfarkte, Kreislauf- oder Nervenzusammenbrüche, Klinik-Aufenthalte – schlimmstenfalls gar der Tod.

Der lange Weg in die Abhängigkeit

Blonder Junge sitzt in einem Klassenzimmer. Er hat die Arme und Hände über seinem Kopf zusammen geschlagen.

Schon auf Kinder wird Druck ausgeübt

Manche Probleme liegen, wie so oft, in der Kindheit. Schon früh lernen Kinder Normen und Verhalten. Viele Eltern verlangen Leistung und belohnen Wohlverhalten mit Anerkennung und Liebe. "Wenn du deinen Teller leer isst, bekommst du auch Schokolade." Oder: "Wenn du eine gute Zensur nach Hause bringst, darfst du fernsehen."

Oder umgekehrt: "Wenn du die Hausaufgaben nicht schaffst, gehen wir morgen nicht ins Schwimmbad!" Dadurch kann im ungünstigen Fall ein Belohnungs- oder Strafsystem entstehen, das dem Selbstwertgefühl des Kindes schadet: Nur durch gute Leistungen fühlt es sich bestätigt.

Bei schlechten Leistungen entstehen Schuldgefühle und Druck. Arbeit kann dann, genau wie andere Drogen, ein Mittel sein, um Angst, Schuld oder Unsicherheit zu überspielen und durch den Erfolg das Selbstwertgefühl zu stärken. Das zieht sich durch das ganze Leben, vom Kindergarten über Schule und Studium bis in den Beruf.

Die scheinbare Freiheit

Ein Angestellter sitzt allein am Schreibtisch und stützt dabei seinen Kopf mit einer Hand ab. Im Hintergrund stehen andere Mitarbeiter zusammen.

Workaholicer arbeiten gerne alleine

Die moderne Arbeitswelt hat sich in den vergangenen Jahrzehnten von vielen verkrusteten Strukturen befreit: Hierarchien wurden abgeflacht, Führung delegiert, Teamarbeit wird groß geschrieben, qualifizierte Mitarbeiter tragen heute mehr Verantwortung, arbeiten vergleichsweise unabhängig von der Betriebsleitung.

Das Zauberwort heißt: Selbstbestimmung – unter dem Motto: "Macht, was ihr wollt, aber seid erfolgreich!" Kein Wunder, dass viele Arbeitnehmer motivierter sind und lieber Überstunden machen, wenn sie sich frei fühlen und selbst entscheiden können.

Aber gerade darin, meinen Soziologen, liegt eine weitere Wurzel der Arbeitssucht: Die Droge der Selbstbestätigung treibt den Mitarbeiter immer weiter voran, bis er zum "Workaholic" wird. Er ist "Feuer und Flamme" für den Job und merkt nicht, wie er innerlich "verbrennt".

Raus aus der Sucht

Eine Frau im roten T-Shirt sitzt im Schneidersitz am Schreibtisch und meditiert.

Kurze Entspannungsphasen sind effizienter als Dauereinsatz

Ein Medikament gegen Arbeitssucht gibt es nicht. Der erste Schritt zur Heilung ist, wie bei allen Süchten, das Eingeständnis der Sucht und der Wille zur Veränderung. Ob professionelle Hilfe in Anspruch genommen werden sollte, hängt vom Einzelfall ab.

"Fordern Sie nicht zuviel von sich!" "Stecken Sie sich nicht zu hohe Ziele!" "Setzen Sie sich Grenzen!" "Haben Sie Mut zur Unvollkommenheit!" Diese und viele weitere Hinweise finden sich immer wieder in Ratgebern gegen Arbeitssucht. Tatsächlich haben Forscher erkannt, dass dem zwanghaften Fehlverhalten nicht selten eine tiefe seelische Verletzung zugrunde liegt.

Sie empfehlen daher, bis zu den Wurzeln des Übels hinabzusteigen. Das heißt: In professionellen Therapien oder Selbsthilfe-Gruppen den wahren Motiven der Arbeitssucht auf die Spur zu kommen und sich von irrigen Grundüberzeugungen wie "Ich muss erfolgreich sein!" zu verabschieden. Das kann ein ganz wichtiger Schritt zur Genesung sein.

Aber nur, wenn der "Workaholic" sich eingesteht, dass Arbeitssucht auf Dauer zum gesundheitlichen Ruin führen kann.

Autorin: Claudia Kracht

Stand: 17.11.2016, 12:00

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